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Nils Pooker

Romantik im Stil von Caspar David Friedrich: 7 Unterrichtseinheiten

Vorlage

Das KI-Bild zeigt eine Landschaft im Stil von Caspar David Friedrich. Das Tool Midjourney generierte bei nahezu allen Ergebnissen zusätzliche Pfeiler, Bäume oder Fantasieruinen mitten in die Landschaften. Das bearbeitete und verkleinerte Motiv für die Übung machte keine Ausnahme, auf der linken Seite stand ursprünglich ein kahler Baum. Zumindest stimmt die Richtung und erinnert an die weiten Landschaftsdarstellungen von Friedrich, weitere Merkmale habe ich am Schluss der Umsetzung berücksichtigt.

Der Grund für die Wahl eines Motivs im Stil von Friedrich war die Variante einer Malerei aus halbdeckenden Schichten und Lasuren, die im Gegensatz zur altmeisterlichen Schichtenmalerei nicht nur den Bildaufbau anhand verschiedener Bildbereiche nachvollziehbar macht, sondern eine homogene, atmosphärische Gesamtstimmung als Übungsziel hat.

Auch wenn das Motiv nicht so differenziert und klar in Vorder-, Mittel- und Hintergrund gegliedert erscheint wie das Motiv zur traditionellen Schichtenmalerei, wird es für die meisten Schüler:innen vermutlich 7 Unterrichtseinheiten in Anspruch nehmen. Die erwähnte, typische Bildästhetik romantischer und spätromantischer Landschaften lässt erheblich weniger Freiräume in den Farb- und Tonwerten zu als die Motive der meisten anderen Übungen.

Friedrich benötigte vor allem auf Grund notwendiger Trocknungszeiten der Ölfarbschichten sehr lange für seine Gemälde, da er seine Bilder mit zahlreichen Lasuren aufbaute. Er orientierte sich damit jedoch nicht am Vorgehen der Frührenaissance, das Wissen um diese Techniken war zu seiner Zeit bereits verschwunden. Er überführte eher die Lasurtechnik seiner Sepia-Tuschezeichnungen in die Ölmalerei.

Erster Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Imprimitur, Raster und Unterzeichnung

Für die Imprimitur lohnt zunächst ein Blick auf die Vorlage. Das KI-Motiv simuliert vom Vordergrund bis fast in den Mittelgrund einen einheitlich durchgehenden warmen Untergrund über nahezu die gesamte Breite der Fläche. Diese Art einer freien Maltechnik ist zwar völlig untypisch für Friedrichs tatsächliches Vorgehen, der Farbton passt aber recht gut zu einer Landschaft direkt nach Sonnenuntergang und eignet sich deshalb für die Imprimtur. Diese Mischung besteht aus Molenaer Ocker und Siena gebrannt, dazu Daler-Rowney Gelb im Verhältnis 4:1:1. Die Farbe sollte gleichmäßig mit dem breiten Flachpinsel aufgetragen werden.

Ich selbst habe mir ein Raster erspart und nur an den Bildrändern die Endpunkte markiert, durch die die Linien gehen würden. Den Horizont habe ich etwas tiefer angelegt und die Berge akzentuierter definiert.

Wer ein Raster verwenden möchte, sollte es dünn mit dem Aquarellgraphitstift anlegen und nach der Unterzeichnung wieder mit einem feuchten Tuch entfernen, da die Linien ansonsten störend unter den vorwiegend halbdeckenden und lasierenden Farbschichten erkennbar bleiben könnten.

Zweiter Arbeitsgang / 2 Unterrichtseinheiten

Untermalung

Für die Untermalung sollten vorsichtshalber zwei Unterrichtseinheiten kalkuliert werden, da hier eine homogene Bildwirkung wichtiger ist als bei den meisten anderen Motiven.

Diese Farbschicht kann mit dem breiten Flachpinsel ausgeführt werden. Wer lieber etwas mehr Kontrolle hat, kann auch den da Vinci Nova Katzenzungenpinsel nehmen. Folgende Farben aus dem Daler Rowney-Acrylfarben-Set werden benötigt: Weiß, Gelber Ocker, Hellbraun, Mittelgrün, Ultramarinblau und Schwarz.

Um den Farbton der Imprimitur in die Untermalung einzubeziehen, empfiehlt es sich, die Farbe dünn und mit ausreichend Waser verdünnt aufzutragen, die Imprimitur darf überall durchscheinen und wahrnehmbar bleiben.

Es ist sinnvoll, mit dem Himmel zu beginnen, der bei diesem Motiv eine wichtige Funktion für die Bildwirkung einnimmt. Die Farbtöne sollten auf der Palette gemischt werden. Bei der Mischung von rasch anziehenden Acrylfarben auf der Bildfläche wird die Farbe schnell zu unruhig und gerät in Versuchen der Korrektur auch zu deckend, womit wiederum die Imprimitur zugedeckt wird. Unterhalb des oberen Drittels kann man der Mischung mehr Weiß und Gelben Ocker zugeben, ohne die Farbe deckender aufzutragen. Im unteren Bereich des Himmels über dem Horizont darf die Imprimitur stehen bleiben.

Die Berge anschließend mit Ultramarinblau, Weiß, Ocker und etwas Mittelgrün anlegen. Hier kann man ebenfalls einen Grundton mischen, Akzente anderer Farbtöne können dann auch problemlos auf dem Bild in die nasse Farbschicht gesetzt werden. Wichtig ist, den Farbton der Berge nicht bis an den Fuß des mittleren Berges zu setzen, lieber etwas Weiß in die Restfarbe des Pinsels geben, um dann den aufsteigenden Nebel anzulegen. Ähnliches gilt auch für die in der Ferne liegenden Berge in der rechten Bildhälfte.

Der Mittelgrund wird entsprechend der atmosphärisch-optischen Wahrnehmung etwas kontrastreicher und enthält weniger Blauanteil. Der warme Grünton wird mit etwas Ultramarinblau, vor allem aber mit Ocker und Mittelgrün angelegt, dazu etwas Schwarz für die dunkelgrünen Wiesenflächen, partiell aufgehellt mit etwas Weiß.

Die Wegränder im Vordergrund zeigen neben dem Grünton eine Mischung aus Schwarz und Hellbraun, hier kann der breite Pinsel wie bei einer Kalligrafie eingesetzt werden. Wer sich nicht sicher fühlt, kann vorher kurz auf einem Blatt Papier die richtige Haltung und passende Winkel des Pinsels üben. Der Weg selbst ist mit einem gebrochenen Weiß lasiert, man kann die im Pinsel befindlichen Reste des Farbtons nach der Fertigstellung des Wegesrandes einfach auf der Palette mit genügend Weiß mischen und auftragen.

Dritter Arbeitsgang / 3 Unterrichtseinheiten

Ölfarbschicht

Für die Ölfarbschicht werden folgende Farbtöne aus dem Lukas-Set benötigt: Kremserweißton, Kadmiumgelb hell (imit.), Lichter Ocker, Kadmiumrot dunkel (imit.), Terra di Siena gebrannt, Ultramarinblau, Elfenbeinschwarz

Gearbeitet wird mit dem da Vinci Nova Katzenzungenpinsel, dazu Malmittel.

Auch in der Ölfarbschicht ist es sinnvoll, die Farbtöne zunächst auf der Palette zu mischen, da nur halbdeckend gearbeitet werden soll. Die bereits in der Untermalung angelegten Lokaltöne sollen nun mit der Ölfarbe farblich korrekt nuanciert und in sanften Übergängen in dünnen Schichten verarbeitet werden. Der Katzenzungenpinsel ist klein genug, um diese Übergänge und auch die meisten Details sorgfältig auszuführen.

Sorgfalt ist bei diesem Motiv das Stichwort: im Idealfall soll man im fertigen Bild kaum einen Pinselstrich erkennen. Es geht hier eher um eine Feinmalerei, weshalb auch drei Unterrichtseinheiten für die Farbschicht realistisch sind.

Neben dem ständigen Abgleich mit der Vorlage ist hier auch wichtig, immer wieder innezuhalten und das eigene Ergebnis auf etwaige Störungen einer harmonischen, ja im Vergleich zu anderen Übungen fast beruhigenden Atmosphäre zu kontrollieren. Ich selbst habe diese Farbschicht in einem Arbeitsgang ausgeführt und erst am folgenden Tag den zu hellen Nebelstreifen am Fuße der Berge rechts bemerkt. Dennoch gilt es, auf die Tonwerte zu achten und diese nicht zu stark zu vereinfachen. Die Aufteilung in drei Unterrichtseinheiten ist wie jede längere Unterbrechung also nicht nur für Schüler:innen eine wichtige Hilfe.

Der ständig sich wiederholende Abstand von Künstler:innen zu ihrem eigenen Werk war bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine technisch bedingte Selbstverständlichkeit, weil Ölfarben in der Regel mehrere Wochen der Trocknung benötigen, bevor eine weitere Malschicht aufgetragen werden kann. Auch wenn viele Gemälde vom 15. bis zum 19. Jahrhundert sorgfältig im Vorfeld geplant und detaillierte Entwürfe direkt auf die Leinwände übertragen wurden, zeigen Bilder Veränderungen in der Komposition oder bei Details, sogenannte Pentimenti (ital. für Reue). Oft können diese Veränderungen nur durch moderne Untersuchungsmethoden sichtbar gemacht werden, da das fertige Bild nur den veränderten Zustand zeigt.

Der Grund für längere Pausen innerhalb eines Werkprozesses ist nicht allein die unweigerliche und eher unbewusste Selbstverliebtheit in das eben geschaffene Werk oder den vermeintlich begnadeten Pinselstrich, den man da gerade auf die Leinwand setzte. Es ist fast unmöglich, neben einem neuen Eindruck auch noch die Qualität dieses Eindrucks zu beurteilen. In der Regel beendet man die Arbeit an einem Bildbereich oder einem Detail, wenn das Ergebnis den eigenen Vorstellungen entspricht. Wenn es passt, bleibt es stehen und man arbeitet an anderen Bereichen weiter. Ob das passende aber auch gut ist oder ob es nicht noch viel besser ginge, diese Frage kann man oft erst mit einem zeitlichen, räumlichen und persönlichen Abstand beantworten.

Vierter Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Letzte Details

Als reine Übung könnte das Bild mit der Ölfarbschicht enden, viel mehr gibt auch die Vorlage nicht her. Dem vermeintlich fertigen Bild fehlen aber doch einige Akzentuierungen, Details und Heraushebungen der atmosphärischen Situation nach einem Sonnenuntergang.

In einem letzten Arbeitsgang habe ich noch das Licht über den Bergen verstärkt, dem hohen Berg selbst eine formale Struktur gegeben, die Wolken am oberen Bildrand etwas hervorgehoben, vor allem die aufsteigenden Nebel über den Tälern akzentuiert und zuletzt im Vordergrund Lasuren aus bräunlichen Erdtönen ergänzt, die dann mit dem Finger und einem weichen Tuch vertrieben wurden.


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CC0

Deutsche Romantik und Caspar David Friedrich

2024 war international das „CDF“-Jahr, man feierte mit mehreren großen Ausstellungen 250 Jahre Geburtstag von Caspar David Friedrich (1774-1840), der als bedeutendste Maler der deutschen Romantik gilt. Im heutigen Sprachgebrauch wird der Begriff Romantik vor allem mit einer bestimmten Situationen beschrieben, beispielsweise die einer romantischen Stimmung bei Kerzenschein oder dem Moment eines romantischen Sonnenuntergangs.

Die Romantik umfasste zahlreiche kulturelle Bereiche der Philosophie, Literatur, Musik und bildende Kunst. Sie war weder eine einheitliche, noch die einzige Bewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts, sondern eine von vielen Strömungen als Reaktion auf die Aufklärung, die Französischen Revolution und die beginnende Industrialisierung.

Die Aufklärung lehrte, dass die Welt nicht unergründlich und geheimnisvoll ist, sondern durch Naturgesetze erklärbar ist. Die Französische Revolution bewies, dass Menschen nicht ihrer Herkunft nach an bestehende Ordnungen gebunden waren. Dampfmaschinen und entstehende Fabriken zeugten schließlich von der Beherrschbarkeit der Naturkräfte durch den Menschen. Diese Umwälzungen führten nicht nur zu positiven Hoffnungen, zu euphorischer Fortschrittsgläubigkeit und einer positiven Aufbruchsstimmung, sie verursachten auch Unsicherheiten angesichts der Verluste, die mit diesen Umwälzungen einhergingen.

Romantiker verlagerten die menschliche Sehnsucht auf das Geistige, das Unbekannte, das Geheimnisvolle und das Authentische von Gefühlen jenseits von Naturwissenschaft, Technik und Maschinen. Die Klassik als fernes Ideal der griechisch-römischen und damit europäischen Antike schien überholt und wurde von den meisten Romantikern abgelehnt. Der nationale Gedanke erschien ihnen naheliegender, auch das war ein Grund, warum es in verschiedenen Ländern unterschiedliche Ausprägungen der Romantik gab. Deutsche Vertreter imaginierten ihre Idealvorstellungen auf das Mittelalter mit seinen Märchen, Sagen und Mythen, vor allem auf die Gotik, die man als urdeutsche Kunstströmung betrachtete. Die Kriege gegen Napoleon festigten nicht nur diese Tendenzen, als Gegenpol zu den nun verhassten Franzosen wurde erstmals auch ein diffuses Germanentum beschworen. Nach der Restauration, also der Wiederherstellung der alten Ordnungen, gerieten die ursprünglichen Ideen und Ideale der Romantik in die Kritik und schnell in Vergessenheit. Den alten und neuen politischen Eliten erschien die Bewegung suspekt bis revolutionär, junge und fortschrittliche Denker wie Heinrich Heine machten sich lächerlich über die Weltfremdheit.

Caspar David Friedrich, "Ruine Eldena im Riesengebirge", 1830/35
Caspar David Friedrich, "Das große Gehege bei Dresden", 1832

All diese Entwicklungen und Umbrüche spiegeln sich wieder in Friedrichs Leben, seinem Selbstverständnis als Maler und in seinen Bildern. Friedrich Landschaften sind in der Kunstgeschichte ohne direkte Vorbilder und auch ohne namhafte Nachfolger. Sie unterscheiden sich in Ästhetik, Funktion und Wahrnehmung sogar von denen seiner Freunde und Zeitgenossen wie Carl Gustav Carus oder Johann Christian Clausen Dahl, der viele Jahre sogar im gleichen Haus wie Friedrich wohnte. Während diese romantischen Maler die Erhabenheit atmosphärischer Stimmungen und Naturphänomene malerisch gekonnt inszenierten, komponierte Friedrich seine Bilder streng nach geometrischen Regeln und malte eher aus dem Gedächtnis und aus einer Innenschau heraus, er malte keine Landschaften, wie er sie sah und wie sie tatsächlich in der Wahrnehmung erscheinen, sondern wie sie seiner Auffassung und seinem Selbstverständnis nach aussehen müssen, um seinen Empfindungen zu entsprechen.

Friedrichs Landschaften haben nichts mit den sogenannten idealen Landschaften zu tun, sie markieren vielmehr einen radikalen Bruch mit dieser Tradition, bei der Landschaften nur eine Funktion als Motiv für Allegorien haben. Landschaften waren für ihn als Protestanten perfekte Träger der göttlichen Erhabenheit und der Hoffnung, aber auch Spiegel der menschlichen Seele. Die Gemälde besitzen dadurch auch eine Andachtsfunktion und ermöglichen in der Betrachtung eigene Gedanken, Gefühle oder Stimmungen in das Bild zu projizieren. Die Rückenbildnisse zeigen diese Projektionsidee. Man sieht eine Person, die eine Landschaft betrachtet. Man selbst betrachtet nicht nur die Person, sondern eben auch die gleiche Landschaft, die diese Person sieht. Das bekannteste Beispiel ist sicher der "Wanderer über dem Nebelmeer". Diese Bilder wollen also nicht belehren wie Allegorien und auch nicht ein Naturphänomen wiedergeben wie das die späteren Realisten und Impressionisten taten, sie wollen mit den Betrachter:innen in einen Dialog treten. Friedrich gilt mit dieser geradezu konzeptuellen und interaktiven Kunstauffassung deshalb auch als ein Vorläufer moderner Kunstauffassungen. Am radikalsten ist sicher sein einsamer und in der Welt geradezu verlorener "Mönch am Meer". Ein langer Erfolg zu Lebzeiten blieb ihm trotzdem verwehrt. Wie die gesamte Romantik verblasste auch Friedrichs kurzer Ruhm, seit den 1830er Jahren konnte er kaum noch von seiner Kunst leben. Unmittelbar nach seinem Tod geriet er schnell und lange in Vergessenheit und wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt.

Caspar David Friedrich, "Wanderer über dem Nebelmeer", 1817
Caspar David Friedrich, "Der Mönch am Meer", 1810