Mein eigener Weg zur Ölmalerei…
…war purer Zufall. In meinem Elternhaus kam ich so gut wie nie mit Kunst in Berührung.
Ich freute mich jede Woche auf das Bildfehlersuchspiel "Original und Fälschung" hinten in einer Fernsehzeitschrift,
ansonsten war meine Kindheit und Jugend komplett kunstbefreit.
Im Unterricht war ich gut, oft sogar sehr gut, doch als wir das Fach Kunst mit Beginn der 8. Klasse abwählen konnten,
wählte ich es sofort ab. Kurioserweise begann ich wenige Monate später in meiner Freizeit mit
dem Zeichnen von Landschaften aus einem Kalender mit historischen
Fotos.
Im Spätherbst 1980 wollten mir meine Eltern mit der
Anmeldung zu einem Zeichenkurs eine Freude machen. Mit Bleistiften in der Tasche und Zeichenblock unter dem Arm öffnete ich leicht verspätet die Tür der Volkshochschule in meinem Heimatort. Überall saßen ältere Damen und Herren, die Tischstaffeleien aufbauten. Der Kursleiter war auch ein älteres Semester. Offensichtlich ein Kriegsversehrter, sein linker Arm fehlte und der Ärmel hing schlaff in der Jackentasche.
Ich war mit meinen 15 Jahren definitiv die jüngste Person im Raum. Als Nächstjüngeren erkannte ich einen Malermeister aus dem Ort und der war gerade in Rente gegangen. Als eine Teilnehmerin einen Holzkasten mit merkwürdigen
Zinktuben auf den Tisch legte, umklammerte ich meinen Zeichenblock und wandte mich an den Dozenten.
"Das ist doch hier die Zeichenklasse?"
"Nein, Zeichnen war gestern. Heute beginnt wieder der Ölmalkurs, setz’ dich einfach da an einen Tisch."
Ein Zahlendreher
in der Kursanmeldung war die Ursache. Ein Glücksfall. Nur selten erlebt man so etwas wie Momente der Offenbarung, aber als ich sah, was diese älteren Menschen da mit Ölfarben auf ihren Malblöcken und Leinwänden schufen, wusste ich sofort, dass ich genau das auch lernen wollte. Der Dozent hatte für Neuzugänge
Ölfarben-Sets, Malblöcke, Pinsel und Terpentinöl dabei. Als Malvorlage erhielt ich ein Fotokalenderblatt mit einer Ansicht von
Hallig Hooge. So entstand im Verlauf des Kurses bis Frühjahr 1981
mein erstes Ölbild.
Nils Pooker, Hallig Hooge, 1981, 30 x 40 cm
Im Gegensatz zu bereits ausgereiften Frühwerken sieht man die bemühten Erstlingswerke von
Künstler:innen fast nie. Heute, rund 45 Jahre später, zeige ich das Bild ganz bewusst. Damals war ich mächtig stolz und hochmotiviert. Ich hatte die Ölmalerei für mich entdeckt, das wollte ich niemals aufgeben und vergaß all meine
Schwierigkeiten im Umgang mit dem neuen Malmaterial.
Dennoch, an den Uferkanten, den bewachsenen Flächen im Vordergrund, dem
Weg mit Steg und den Details der Gebäude erkennt man die Probleme
und Herausforderungen, die mir das schlichte Motiv in der
Umsetzung bereiteten. Das Bild ist zu bunt, zu undifferenziert, an
einigen Stelle zu gequält und in der Gesamtwirkung nicht
einheitlich genug – typische Anfängerfehler im Bestreben, ein Bild
partiell in Primamalerei umzusetzen. Der Dozent war zwar ein
überregional tätiger Künstler und Jahrgang 1922, Alternativen zu
dieser Technik hatte aber auch er nicht mehr gelernt und konnte deshalb auch nur das lehren.
Für das zweite Ölbild benötigte ich über ein halbes Jahr, es
entstand ebenfalls nach einem Kalenderblatt, eine Ansicht des Doms
zu Limburg an der Lahn. Flächen und Strukturen waren im Motiv relativ klar
abgegrenzt, dass die Tonwert- und Farbfehler nicht übermäßig
auffallen.
Nils Pooker, Limburg an der Lahn, 1981-82, 30 x 40 cm
1983 wählte ich nach zwei weiteren kleinen Landschaften als Motiv ein Frühwerk von Rembrandt, "Der alte Tobias und seine Frau Hanna". Vorlage war ein Blatt aus einer
günstigen Taschenbuchreihe von Künstlerbiografien. Rembrandt war – wie ich damals –
18 Jahre alt, als er sein Bild malte, und ich dachte, das müsste
ich auch schaffen. Diese erste und ziemlich frustrierende Kopie
zeigte mir nach monatelanger Arbeit nur, dass es als Fleißarbeit
interessant, qualitativ aber nicht gut war. Außer dem Hintergrund
und einigen Details gelang hier wenig und das lag nicht am schlechten Druck im
Taschenbuch. Die Gründe, warum die Primatechnik völlig ungeeignet
war, ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert zu kopieren, kannte
und ahnte ich nicht. Das Original, wenn auch nur in einem
schlechten Druck, erschien mir wie ein unerreichbares, geheimes Mysterium.
Nils Pooker, Kopie nach Rembrandt aus einem Taschenbuch, 1983, 30 x 40 cm (links die Vorlage, rechts die Kopie)
1984, ein weiteres Jahr und viele Bilder später, malte ich erneut das
Limburg-Motiv in einem etwas größeren Format. Dieses Mal setzte
ich das Bild nicht in monatelanger Arbeit um, sondern innerhalb
von drei Stunden am Nachmittag nach der Schule. Diese zweite
Fassung des Limburg-Motivs hatte ich bewusst in
neoimpressionistischer Manier gemalt, diese Technik eignete sich
für mich am besten für einen unmittelbaren Farbauftrag auf
weißem Bildträger, unabhängig von Sujet oder Motiv. Das enge
Spektrum der Primamalerei war schließlich die einzige Technik, die
ich kannte.
Nils Pooker, Limburg an der Lahn, 1984, 36 x 48 cm