K+U 493/494

Nils Pooker

Spachteltechnik: 2 Unterrichtseinheiten

Vorlage

Das KI-Bild im Stil von Frank Auerbach sieht aus wie eine expressionistische Landschaft, die Technik wird stilistisch passend als Arbeit mit grobem Pinsel simuliert. Dieses Motiv soll nun mit dem Spachtel umgesetzt werden. Spachtel (auch Malmesser oder Palettenmesser) wurden als Malwerkzeug schon von Turner und Constable verwendet, ein virtuoser Könner war Gustave Courbet. Gerhard Richters Rakel sind im Grunde ebenfalls nur überdimensionierte Spachtel.

Gespachtelte Bilder sehen aus, als ließen sie sich einfach umsetzen. Hier ist jedoch große Aufmerksamkeit gefordert. Eine Nass-in-Nass-Überarbeitung sieht meistens nicht gut aus, ein Spachtelstrich sollte möglichst auf Anhieb sitzen. Korrekturen sind immerhin durch Abkratzen und erneutes Überspachteln möglich.

Spachteltechnik nutzt die Materialität der Ölfarbe als Stilmittel. Die Farbe wird hier eher geformt und zeigt eine dreidimensionale Dynamik, je nachdem, in welche Richtungen und auf welche Weise der Spachtel eingesetzt wird.

Der Reiz der Spachteltechnik ist aber auch ihre größte Herausforderung: ein zaghaftes Vorgehen ist nicht sinnvoll und führt schnell zu langweiligen Bildern. Hier ist etwas Mut gefragt, auch der Mut zu Fehlern und Ungenauigkeiten, damit erzielt man fast immer spannende Ergebnisse.

Erster Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Unterzeichnung und erste Farbschicht

Bis auf die Erdfarben können die Farben des Malsets und zwei angemischte Farbtöne verwendet werden: Titanweiß, Kadmiumgelb Zitron (Maimeri), Kadmiumgelb imit., Kadmiumrot dunkel, Krapplack, Ultramarinblau, Preußischblau, Chromoxidgrün feurig und Elfenbeinschwarz. Malmittel wird nicht benötigt.

Wichtig ist auch bei dieser Vorlage, zunächst genau hinzusehen und die Grundkomposition hinter den Farbmassen zu erkennen. Die zahlreichen Strukturen in den pastosen Flächen und die kräftigen Farben machen es nicht leicht, die Komposition so schnell zu erfassen wie bei einem glatt gemalten Bild mit eindeutigen Flächenabgrenzungen. Hier gibt es aber einen Trick, den fast alle kreativ tätigen Menschen kennen: man schließt die Augen bis zu einem schmalen Spalt, dann verschwinden die feinen Details der Vorlage, das Motiv lässt dann vor allem die Tonwertverteilung mit leicht reduzierter Farbkraft erkennen. Die Wimpern fungieren wie ein Graufilter vor den Augen, der die Tonwerte der Hell-Dunkel-Verteilung auf Kosten der Farben besser erkennen lässt. Der Grund dafür liegt in den Rezeptoren des menschlichen Auges. Den 120 Millionen Stäbchen für die reine Helligkeitswahrnehmung auch bei Dunkelheit und bei Nacht stehen nur etwa 6 Millionen Zapfen für das Sehen von Farben gegenüber (das Sprichwort, nachts seien alle Katzen grau, findet hier den wissenschaftlichen Beleg).

Mit diesem Trick lassen sich die wichtigen Fragen zur Unterzeichnung als Anlage der Komposition leichter beantworten: Wie bestimmen die Farben und Hell-Dunkel-Kontraste die Linienführung und in welche Richtungen streben die Farbflächen? Wo kann man auf dem Bildträger die Linien der Unterzeichnung zur Bestimmung dieser Komposition setzen?

Man erkennt so etwas wie einen Weg, der verjüngend von links unten in einem Bogen nach rechts oben bis zum Horizont verläuft. Dieser Horizont entspricht eher einer parabelförmigen Kurve als einer geraden Linie. Rechts vom Weg beschreiben die Farbflächen eine schräge 45°-Richtung. Links vom Weg scheinen die Flächen einen Hang zu definieren.

Ein Raster kann man sich hier sparen, auch wenn man nicht geübt ist im Zeichnen. Die Unterzeichnung soll keine genauen Abgrenzungen der gespachtelten Flächen wiedergeben, es genügt, ein paar grundsätzliche Richtungen des Spachtels als Merkmale der Dynamik festzuhalten. Setzt man zunächst gedanklich eine mittige, vertikale Linie, dann endet dort am unteren Bildrand auch die rechte Begrenzung des Weges. Die linke Begrenzung des Weges endet in der linken unteren Ecke. Der Horizont befindet sich etwa ein Drittel unterhalb des oberen Bildrands. Mit diesen Angaben lassen sich Weg und Horizont als Zeichnung schnell bestimmen. Anschließend kann man noch die gelbe Fläche rechts vom Weg anlegen, anschließend noch ein paar Markierungen des Hangs links vom Weg.

Nun sollte die Vorlage erneut betrachtet werden um herauszufinden, welche Rolle die Farbtöne bei der Komposition spielen und wie Dynamik erzeugt wird durch die Struktur der Farbflächen. Anhand dieser Beobachtungen kann man gedanklich bereits überlegen, wie und in welche Richtungen die Farbe mit dem Spachtel aufgetragen werden könnte.

Wer sich nicht ganz sicher ist oder zu Beginn etwas mehr Kontrolle über die ersten Spachtelstriche bevorzugt, kann ein paar Flächen mit wenigen Grundfarben aus dem Deckfarbkasten oder dem Acrylfarben-Set anlegen.

Spachteltechnik verursacht einen hohen Verbrauch an Ölfarbe. Hier sind gleich haselnussgroße Mengen mit ausreichend Abstand auf der Palette sinnvoll, Titanweiß das Dreifache. Der Abstand zwischen den Farben auf der Palette sollte nicht zu knapp bemessen sein, da ansonsten mit der Spachtelklinge eine andere Farbe mit aufgenommen werden könnte, die an der zu bearbeitenden Stelle nicht gewünscht ist.

In diesem ersten Schritt geht es um eine Grundlage der Verteilung der Farben, die deckend, aber nicht zu dick auf der Bildfläche verteilt werden. Die Farbverteilung kann mosaikartig mit dazwischenliegenden Lücken erfolgen, um ungewünschte Farbmischungen an den Rändern zu vermeiden. Schwarz sollte zuletzt und nur sparsam zum Einsatz kommen.

Abweichungen in Helligkeitswerten und Farbtönen sind in diesem ersten Auftrag übrigens nicht problematisch, der Farbauftrag ermöglicht auch noch direkte Korrekturen.

Letzte Farbtöne können noch ergänzt und in die vorhandenen Flächen gemischt werden, um das erste, grobe Gesamtbild zu verfeinern. Wer es sich zutraut, mischt direkt Nass-in-Nass auf dem Bildträger, ansonsten können die Töne auch auf der Palette gemischt werden.

Zweiter Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Finale Farbschicht

Im zweiten Arbeitsschritt werden alle Bereiche weiterbearbeitet oder übermalt. Nun gilt es, die eher lokal angelegten Bereiche weiter zu differenzieren, die Streichrichtung des Farbmaterials durch den Spachtel sichtbar zu machen und ein homogenes Gesamtbild herzustellen. Wie im ersten Schritt bieten sich zuerst die reinen Farbflächen für die Weiterbearbeitung an, dann die Bereiche der Sekundärtöne, schließlich die der unbunten Farben. Auch hier sollten erst gegen Ende die Tiefen mit Schwarz verstärkt werden. Zuletzt lassen sich noch letzte Details hervorheben.

Bei diesem Motiv bietet sich auch eine zweite Version an, die entsprechend der Vorlage pastos mit dem Borstenpinsel umgesetzt werden kann.


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CC0

Kunst und Maltechnik von Frank Auerbach

Das KI-Bild simuliert nur bedingt die tatsächliche expressive Maltechnik des deutsch-britischen Künstlers Frank Auerbach (1931-2024), der in Berlin geboren wurde und als Kind jüdischer Eltern durch einen der sogenannten Kindertransporte 1939 nach Großbritannien dem Holocaust entkam. Lange Zeit unbeachtet, wurde er erst mit Mitte 50 erfolgreich und zählt vor allem neben Lucian Freud zu den bedeutendsten Vertretern der figurativen Malerei in Großbritannien.

Auerbach malte neben Stadtlandschaften vor allem Porträts, an denen er oft ein Jahr vor dem Modell arbeitete, die Farbe dabei immer wieder abkratzte und neu auftrug. Im Verlauf der vielen Monate und Sitzungen entstanden so reliefartige Bilder mit einem starken Impasto von dicken Farbschichten. Er soll pro Bild bis zu 5 Liter Farbe verbraucht haben. Technisch und stilistisch bleibt Auerbach ein Einzelphänomen der Moderne und kann allenfalls in eine Tradition mit dem Expressionismus des weißrussisch-französischen Malers Chaim Soutine (1893-1943) gebracht werden.