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Nils Pooker

Zwischen Puvis de Chavannes und Symbolismus: 6 Unterrichtseinheiten

Vorlage

Das KI-Bild zeigt eine Landschaft, die im Stil von Pierre Puvis de Chavannes ausgegeben werden sollte. Wer sein Werk kennt, wird zweifelnd fragen, ob vielleicht dem Tool bei der Umsetzung oder mir bei der Auswahl ein Fehler unterlaufen sei. Tatsächlich ist die Interpretation misslungen, das generierte Bild ähnelt eher einem Motiv aus dem Spätwerk von Felix Vallotton. lediglich eine flächige Umsetzung der Bildinhalte ist einigermaßen gelungen. Da die KI-Bilder aber nur als Vorlagen für ein möglichst umfassendes Spektrum an Maltechniken dienen sollen, passt dieses Motiv. Es bietet eine interessante Variante für den kontrollierten Aufbau von farbkräftigen Ölbildern mit Hilfe der Untermalung in Lokaltönen.

Auf den ersten Blick erscheinen die Anforderungen an die Umsetzung überschaubar. Ein hellblauer, ins Cyan neigender Himmel, am Horizont ins Gelb übergehend, ein orangefarbener Berg, eine blaue Bergkette, links noch eine dunkle bewaldete Insel oder ein Küstenstreifen, unten links Steine eines angedeuteten Ufers und oben links ein Stück Baumwipfel. Fast alles ist gespiegelt und dazu noch in einer eher flächigen Malweise realisierbar, wie gemacht für eine Primamalerei auf weißem Bildträger.

Hier ist es der erste Eindruck, der gerade bei Anfänger:innen in der vermeintlich einfachen Umsetzung oft zu frustrierenden Malerlebnissen führt. Was da auf den ersten Blick so flächig bis plakativ und simpel erscheint, erweist sich in den subtilen, feinen Abstufungen von Farb- und Tonwerten als eine der anspruchsvollsten Übungen – vielleicht sogar die schwierigste, die in guter Qualität im Zeitrahmen des Kunstunterrichts kaum umzusetzen ist. So besteht beispielsweise die dominierende Bergkette eben nicht aus einer homogenen blauen Fläche: während sie am rechten Bildrand mehr Ultramarinblau enthält, verändert sich der Farbton nach links subtil ins Cyan und wird dabei auch etwas heller, um vor dem bewaldeten Insel- oder Küstenstreifen wieder dunkler auszulaufen. Die Fläche ist auch nicht homogen, sondern zeigt Unregelmäßigkeiten, die für eine lebendige Struktur sorgen, ohne die eindeutige Dominanz von sichtbaren Pinselstrichen zu haben. Ähnliches gilt für die niedrigen Berge oder Hügel im Uferbereich, hier kommen noch subtile Grüntöne in unterschiedlichen Tonwerten dazu. Der Baumwipfel allein zeigt so viele Details, dass er mehrere Stunden der Umsetzung mit einem feinen Pinsel in Anspruch nehmen könnte.

Das Motiv für das Format der 24 x 30 Zentimeter kleinen Malpappen ist eigentlich zu komplex, es ließe sich auch auf einer 48 x 60, sogar auf 100 x 120 Zentimeter umsetzen, ohne dass man das Gefühl einer zu kleinen oder zu simplen Vorlage hätte, obwohl ich das ursprüngliche, KI-generierte Bild bereits großzügig auf der linken Seite beschnitten habe.

Erster Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Imprimitur, Raster und Unterzeichnung

Für den Bildaufbau entschied ich mich für eine hellgelbe Imprimitur, sowie eine flächig ausgearbeitete Untermalung mit Acrylfarben und einem eher deckenden Farbauftrag mit Ölfarben. Die Imprimitur und die Untermalung werden wie in einer historischen Schichtenmalerei der Renaissance am Ende von der Ölfarbe nahezu vollständig verdeckt, gerade Anfänger:innen ermöglicht dieses Vorgehen jedoch eine sichere Kontrolle über den Entstehungsprozess.

Der Imprimitur-Farbton wird mit Daler-Rowney Acrylfarbe Gelb und der Molenaer Acrylfarbe Ocker im Verhältnis 4:1 gemischt und ohne Wasser dünn mit dem breiten Flachpinsel homogen und gleichmäßig aufgetragen.

Für das Raster und die Unterzeichnung eignet sich der Aquarellgraphitstift oder ein Bleistift. Das Raster muss auf Grund der vorwiegend deckenden Malschichten nicht entfernt werden.

Zweiter Arbeitsgang / 2 Unterrichtseinheiten

Untermalung

Der breite Flachpinsel eignet sich auch für die komplette Untermalung. Folgende Farben aus dem Daler-Rowney-Set werden benötigt: Weiss, Ultramarinblau, Violett, Dunkelgrün, Hellbraun, Gelb (minimal), Brilliant Rot.

Eine Pinselspitze Gelb wird nur für den Grünton des Baumwipfels in der linken oberen Bildecke benötigt.

Durch die gelbe Imprimitur eignet sich diese Übung auch sehr gut, um die Praxis optischer Farbmischungen zu erlernen. Der gewählte Gelbton ist etwas kälter als die sonst verwendeten, wärmeren Ocker- und Brauntöne in Untermalungen und passt gut zu der etwas kühleren Gesamtwirkung der Farben auf der Vorlage.

Eine farbgetreue Wiedergabe sollte mit der Untermalung nicht angestrebt werden. Das wäre auch deshalb schwierig, weil das günstige Daler-Rowney-Set nicht einmal ansatzweise die dafür notwendigen Grundfarben wie Cyan-, Magenta- oder Primärgelb-Töne beinhaltet. Es geht hier lediglich um eine Anlage der ungefähren Lokaltöne, viel wichtiger als die Farbtreue ist die Anlage verschiedener Bildbereiche und ihre Beziehung zueinander bezüglich der Helligkeitswerte und der lediglich grundsätzlichen Farbtöne.

Angesichts der Dominanz von Blau im Motiv empfiehlt es sich, mit diesem Farbton auch in der Untermalung beginnen, also mit dem Himmel, der blauen Bergkette und dem bewaldeten Küstenstreifen am linken Bildrand. Die Farbtöne sollte man gleichmäßig auftragen, um eine flächige Wirkung der Bildbereiche zu erzielen.

Dritter Arbeitsgang / 3 Unterrichtseinheiten

Ölfarbschicht

Die Ölfarbschicht wird mit folgenden Set-Farbtönen bzw. Mischungen (m) umgesetzt: Kremserweißton, Kadmiumgeld Zitron (Maimeri), Kadmiumgelb hell (imit.), Lichter Ocker, Kadmiumrot dunkel (imit.), Krapplack (m), Preußischblau (m), Kobaltblau hell (m), Chromoxidgrün feurig (Phthalo), Elfenbeinschwarz.

Gearbeitet wird mit dem schmalen Borstenpinsel und ohne Malmittel.

Ich habe die Übung vorwiegend deckend umgesetzt, in den Flächen mit vertikalen und gelegentlich horizontalen Strichen. Man muss die Farbe nicht schnell und auch nicht pastos auftragen. Der angemessene, aber eben doch recht hohe Ölanteil der Lukasfarben ermöglicht ein gutes Mischverhalten, wenn Striche auf dem Bild überlappend oder auch übereinandergesetzt werden. So ist es möglich, ohne Lasuren und kontrolliert sowohl Übergänge als auch Flächen zu gestalten.

Schüler:innen sollten realistisch mit drei Unterrichtseinheiten für die Ausarbeitung in Öl rechnen. Im Grunde entspricht diese Technik natürlich einer Primamalerei auf einem vorhandenen Acrylbild. Man könnte das als Malerei mit Stützrädern bezeichnen und die Untermalung als redundant, überflüssig ansehen. Doch wie das Lernen des Fahrradfahrens mit Stützrädern blaue Flecken und schmerzhafte Stürze vermeidet, vermeidet das in Primatechnik übermalte Acrylbild auf dem Bildträger Frustrationen und unerwünschte Fehler in der Umsetzung. Die Untermalung ermöglicht nicht nur eine viel bessere Kontrolle über subtile Ton- und Farbwerte, sie ermöglicht die Konzentration auf eine farbgetreue Umsetzung.

In einer erweiterten Betrachtung ist dieses Vorgehen auch im Verlauf schulischer, akademischer oder beruflicher Perspektiven eine gute Alternative zur Primamalerei. In der künstlerischen Praxis existieren nur selten genaue Vorlagen, nach denen man wie hier arbeitet. Eher sind es konkrete Vorstellungen, oft auch nur Konzepte oder gar rudimentäre Ideen einer Bildlösung. Auch gestandene Künstler:innen unterliegen oft der Versuchung oder auch Notwendigkeit, ihre Primamalerei mehrfach zu übermalen, oft mit problematischen Folgen wie Frühschwundrissen oder matten Bildstellen. Eine Untermalung mit schnell trocknenden Acrylfarben ermöglicht eine erheblich effizientere und maltechnisch sichere Lösung.


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CC0

Pierre Puvis de Chavannes

Pierre Cécile Puvis de Chavannes (1824-1898) stammte aus einer großbürgerlichen Familie. Nach einigen Wochen im italienischen Atelier bei Eugene Delacroix studierte er in Paris bei dem Historien- und Salonmaler Thomas Couture.

Puvis de Chavannes‘ Werk ist gekennzeichnet durch eine extrem reduzierte Farbpalette und Motiven des eigentlich schon überkommenen Historismus und Klassizismus. Dabei legte er keinen Wert auf die vom französischen Salon bevorzugten exakten Linien und glatt vertriebenen Farbflächen. Dementsprechend wurde er über viele Jahre vom Salon abgelehnt, er fand aber auch keine Zustimmung bei der jüngeren Generation der Impressionisten oder der Symbolisten. Ideal passte seine Technik zu gefälligen und repräsentativen Wandmalereien für staatliche Institutionen, mit denen er einen bescheidenen Ruhm erlangte, obwohl seine Bedeutung als Künstler bis zu seinem Lebensende umstritten blieb.

Erstaunlich ist, dass sich dieser Künstler mit seinem eher überschaubaren Gesamtwerk recht gut für die Generierung von interessanten KI-Bildern eignet, die selbst aber herzlich wenig mit der tatsächlichen Maltechnik, der Farbästhetik und den Sujets von Pierre Puvis de Chavannes zu tun haben.

Pierre Puvis de Chavannes, "Allegorie der Sorbonne", Wandgemälde, 1889 (Ausschnitt)