K+U 493/494

Nils Pooker

Material "Historische Schichtenmalerei"

Vorlage

Fotos der Entstehungsphasen


Download Bildmaterial (CC0-Lizenz)

Download: Bildmaterial zur Übung als ZIP-Datei herunterladen (ca. 5.5 MB)

CC0

Pieter Bruegel und der Beginn der altniederländischen Landschaftsmalerei

Die reine Landschaftsmalerei als eigenständige Gattung entwickelte sich erst gegen Ende des 16. Jahrhundert in den Niederlanden. Der Reichtum des Bürgertums in den Städten verlangte auch Wandschmuck in Form von Bildern, Teppichen und Landkarten. All das galt als Zeichen des Wohlstands und sozusagen als bürgerliche Kopie der Ausstattung des Adels. Landschaft in der Malerei hatte mit wenigen Ausnahmen wie der sogenannten Donauschule im Umkreis des Malers Albrecht Altdorfer vorwiegend eine Funktion als Bühne oder Kulisse für religiöse Erzählungen oder höfische Inszenierungen.

Der flämische Maler Jan van Eyck zeigte aber bereits im Hintergrund der "Madonna des Kanzlers Nicolas Rolin" von 1435 eine fein ausgearbeitete Stadtlandschaft und atmosphärische Phänomene, wie die Berge, die auf Grund der Entfernung nur schwach zu sehen sind, oder realistische Spiegelungen im Wasser.

Jan van Eyck, "Die Madonna des Kanzlers Nicolas Rolin", 1435, Screenshot/Bildnachweis: closer to van eyck
Pieter Bruegel

Pieter Bruegel der Ältere (1525-1569), genannt Bauern-Bruegel, gilt als Begründer der flämischen Landschaftsmalerei des 16. Jahrhunderts, die er zu einer eigenständigen Gattung entwickelte. Landschaft war bei ihm nicht nur eine Kulisse, sondern Umgebung, Raum und Natur, gleichrangig zu den in den Landschaften seiner Gemälde arbeitenden und lebenden Bauern. Während der Ausschnitt aus Jan van Eycks Gemälde nur einen sehr kleinen Teil der Gesamtfläche ausmacht, zeigen die folgenden Beispiele weit größere Teile der originalen Bilder. Sie könnten fast als eigenständige Motive stehen und verweisen bereits auf die Entwicklung der niederländischen Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert.

Pieter Bruegel d. Ä., "Jäger im Schnee", 1565 (Ausschnitt) Pieter Bruegel d.Ä., "Die Kornernte", 1565 (Ausschnitt), Screenshot/Bildnachweis: insidebruegel.net

Technik von van Eyck bis Bruegel

Seit dem 20. Jahrhundert werden in der Kunsttechnologie immer bessere Methoden entwickelt, die Rückschlüsse auf die verwendeten Farbpigmente, den Bildaufbau und die Maltechniken von Gemälden zulassen. Bei sogenannten Mikroschliffen werden kleinste Farbschichtpartikel eines Bildes in Kunstharz eingegossen, angeschliffen und dann unter dem Mikroskop betrachtet, um die relative Schichtenfolge des Bildaufbaus zu analysieren. Mit weiteren Geräten lassen sich die chemischen Zusammensetzungen der Farben bestimmen. Makrofotos mit extrem flachem Streiflicht verstärken im Bild die dreidimensionale Wiedergabe des Farbauftrags und die Infrarotreflektographie macht vor allem die von den Farbschichten verdeckten Unterzeichnungen von Gemälden sichtbar.

Auf den interaktiven Internetseiten closer to van eyck und insidebruegel.net kann man verschiedene Darstellungen und Vergrößerungen der Gemälde von Jan van Eyck und Pieter Bruegel betrachten.

Jan van Eyck, "Die Madonna des Kanzlers Nicolas Rolin", 1435, Infrarotreflektographie und Makrofoto, Screenshot/Bildnachweis: closer to van eyck Pieter Bruegel d.Ä., "Die Kornernte", 1565, Infrarotreflektographie und Makrofoto, Screenshot/Bildnachweis: insidebruegel.net

Die beiden Beispiele umfassen einen Zeitrahmen von der Altniederländischen, bzw. flämischen Malerei bis zur niederländischen Renaissance. Jan van Eyck orientierte sich mit seiner Technik noch stark an den spätmittelalterlich-gotischen Traditionen einer streng handwerklich festgelegten und arbeitsteiligen Abfolge von einzelnen Arbeitsschritten. Für die Unterzeichnung legte er oft eine sehr genaue, detaillierte Zeichnung mit dem Silberstift an, einem Vorläufer des heutigen Graphit-/Bleistiftes. Dabei wurde eine feine Silbermine auf einem Griff befestigt. Der Abrieb ist nur minimal und die Mine bleibt auch bei intensiver Nutzung über Monate nutzbar. Die Silberstiftlinien zog er dann noch einmal mit einem sehr feinen Pinsel mit schwarzer Tusche nach, modellierte in diesem Beispiel auch die gesamte Vegetation, die Spiegelungen im Wasser und nahezu alle der nur millimetergroßen Personen. Der Detailreichtum auf kleinstem Raum zeigt sich im direkten Vergleich mit Bruegels Arbeitsweise. Die Vorzeichnungen der Altniederländischen Künstler glichen eher einer eigenständigen, exakten monochromen Tuschezeichnung. Ähnlich kontrolliert, detailliert und genau ging van Eyck auch beim Aufbau der zahlreichen Farbschichten vor, bei der er sich genau an der Unterzeichnung orientierte.

Pieter Bruegel zeigt 130 Jahre später eine verkürzte und wirtschaftlichere Variante des altniederländischen Bildaufbaus. Hier lohnt sich genaues Hinsehen im Vergleich zu van Eyck: Bruegels Unterzeichnung ist eher eine Skizze. Während van Eyck in der Unterzeichnung kaum Unterschiede in der Relevanz der Bildinhalte macht und fast jedes Detail genau ausarbeitet, konzentriert sich Bruegel zunächst nur auf die für ihn wichtigsten Inhalte. Während das vordere Bauernhaus nur mit wenigen, gekonnten Strichen grob angelegt ist, fehlt beim hinteren Bauernhaus sogar jegliche Unterzeichnung und die Bäume sind lediglich mit einer Handvoll Strichen angedeutet. Weitaus wichtiger waren ihm dagegen lebende Geschöpfe, wie den Wanderer oder Bauern auf dem Weg über die Brücke, das hockende Kind links vom Bauernhaus und sogar eine Schar von Gänsen am linken Rand. Im Vergleich zum kontrollierten, mit feinen Pinseln umgesetzten, mehrschichtigen Bildaufbau bei van Eyck besteht die Malerei bei Bruegel aus weniger Farbschichten, man erkennt in der Vergrößerung auch gut die einzelnen, oft rasch und gezielt gesetzten Pinselstriche.

Der Unterschied der Malweisen ist auch einer veränderten Werkstattsituation geschuldet. Jan van Eyck beschäftigte vermutlich eine viel größere Mitarbeiterzahl an Lehrlingen und Gesellen als Bruegel, bei dem vor allem die eigenen Söhne Jan und Pieter der Jüngere mitarbeiteten, bevor sie später selbst als Maler bekannt wurden, ohne jedoch an die Meisterschaft ihres Vaters anknüpfen zu können.