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Nils Pooker

Atmosphärische Phänomene mit differenzierten Tonwertkontrasten: 4-5 Unterrichtseinheiten

Vorlage

Das KI-Bild soll laut Texteingabe eine „dunkle Landschaft von Rembrandt“ zeigen. Das Ergebnis kann als Rembrandt-Derivat nicht wirklich überzeugen und erinnert eher an eine Ölskizze von Andreas Achenbach, einem Vertreter der Düsseldorfer Malerschule. Dennoch eignet sich das Motiv als Vorlage für die Umsetzung mit einer Grisaille-Untermalung, weil es nicht über eindeutige Farben definiert ist und deshalb maltechnisch anspruchsvoller ist, als es zunächst erscheint.

Ähnlich der nebeligen Landschaft mit tief stehender Sonne im Stil von Frederic Edwin Church vermittelt das Seestück eine atmosphärische Bildstimmung. Während das Church-Motiv mit Licht und weitgehend homogener Farbgebung Ruhe und Behaglichkeit vermittelt, gleicht die Rembrandt-Landschaft, die eigentlich ein Seestück ist, einem dramatischen, wilden, ja fast abstrakten Motiv mit einem starken Hell-Dunkel-Kontrast und Bewegung.

Weil man das Bild in seiner Gesamtheit unmittelbar und ohne Anstrengung erfasst, besteht die Gefahr, das Motiv auf Grund der undefinierten Formen und reduzierten Farbgebung als Herausforderung in der malerischen Umsetzung zu unterschätzen. Neben den Kontrasten sehr dunkler und sehr heller Flächen gibt es lediglich ein paar Bereiche, die in kalte Blautöne neigen und andere, die bräunliche Ockertöne zeigen. Auf den ersten Blick scheint das Motiv prädestiniert für eine flotte Umsetzung in Primamalerei in zwei oder drei Unterrichtseinheiten.

In der Praxis und im Gegensatz zum Impasto-Motiv einer anderen Rembrandt-Vorlage ist der Kontrast im bildbestimmenden Bereich des Himmels hier weitaus differenzierter und erzeugt in seiner Gesamtwirkung eine atmosphärische Tiefe durch verschiedene Kontraststufen aus weichen bis harten Übergängen. Selbst als Primamalerei müsste man sich dem Motiv annähern, um die homogene Gesamtwirkung zu erzielen. Die Herausforderung bestehen sowohl in der Vermeidung zu starker Hervorhebungen einzelner Bildbereiche, als auch in der Vermeidung einer zu vorsichtigen und kontrastarmen Umsetzung ohne räumliche Tiefe.

Da die Wirkung des Motivs eher auf Hell-Dunkel-Differenzierungen beruht als auf Farbkontrasten, bietet sich hier eine Untermalung als Grisaille an, also einer Malerei in Grautönen (frz. "gris", grau).

Die Kombination einer Grisaille-Untermalung mit anschließenden Ölfarbschichten ist vergleichbar mit der Handkolorierung eines Schwarzweißfotos. Setzt man eine Hälfte des Bildes digital in eine neutrale Schwarzweißdarstellung, wird die nur subtile, aber für die Gesamtwirkung entscheidende Farbgebung erkennbar.

Vorlage, zur Hälfte in Schwarzweiß

Erster Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Imprimitur und Unterzeichnung

Zunächst sollte eine Imprimitur in einem hellen Grau angelegt werden, um eine einheitliche Grundlage für die Hell-Dunkel-Verteilung zu schaffen. Dazu wird Molenaer Acrylfarbe Weiß mit Daler Rowney Schwarz im Verhältnis von ca. 6:1 gemischt und mit dem breiten Flachpinsel unverdünnt aufgetragen.

Die Vorzeichnung kann mit dem Aquarellstift oder einem Bleistift aufgebracht werden. Ein Raster kann, muss aber nicht aufgezeichnet werden, da außer dem Horizont nur wenige klare Anhaltspunkte für die Vorzeichnungen vorhanden sind, man kann mit kurzen Strichen an den Bildrändern jeweils die Mitte markieren und bei der Unterzeichnung gedanklich die entsprechenden Linien ziehen.

Zweiter Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Untermalung

In der Untermalung geht es lediglich um die monochrome Verteilung von Lichtern und Schatten. Da im Anschluss noch eine lasierende bis halbdeckende Ölfarbschicht folgt, sollten die Tonwerte insgesamt etwas heller als in der Vorlage umgesetzt werden. Eine flächige, skizzenhafte Anlage der Hell-Dunkel-Verteilung genügt. Zur Orientierung für die Tonwerte der Grisaille-Untermalung hier die Vorlage als helle Schwarzweißumsetzung.

Hier kann ebenfalls mit der Molenaer Acrylfarbe Weiß und Daler Rowney Acrylfarbe Schwarz gearbeitet werden. Es gäbe nun die Möglichkeit, mit einem Grau für die Tiefen zu beginnen und dann die Mischfarbe immer heller werden zu lassen. Da die Untermalung aber grundsätzlich etwas heller als die Tonwerte der Vorlage geraten sollen, ist es sicherer, mit den Höhen zu beginnen, also den hellsten Bereichen. Da es keine Formdetails gibt, kann die gesamte Untermalung weiterhin mit dem breiten Flachpinsel umgesetzt werden. Das Weiß wird zunächst mit etwas Wasser verdünnt auf die Bereiche der hellsten Stellen aufgetragen. Da die Imprimitur den Tonwerten sozusagen einen sicheren Halt gibt, kann man den Pinsel über die Übergangsbereiche der nächstdunkleren Bereiche ziehen oder wischen. Die nicht sehr hohe Deckfähigkeit der Acrylfarbe sorgt dabei für einen Lasureffekt. Nun gibt man einer etwa weintraubengroßen Menge Weiß ein wenig Schwarz hinzu.

Die Daler Rowney-Farbe ist etwas höher pigmentiert, deshalb ist Vorsicht geboten, dass der Ton nicht schon zu dunkel wird, er sollte noch auffallend heller sein als der Ton der Imprimitur. Der dritte Ton entspricht in etwa der Imprimitur und eignet sich gut, um die Übergänge im Bereich des Himmels auszuarbeiten, hier kann je nach Bildbereich auch etwas mehr Weiß oder ein wenig Schwarz dazu gemischt werden. In einem vierten Schritt folgt die Anlage der dunkleren Mitteltöne, die anschließend schrittweise mit etwas mehr Schwarz bis in die dunkelsten Tiefen verstärkt werden.

Am Ende und nach einem angemessenen Auswaschen des Pinsels lohnt es sich, die Höhen der hellsten Stellen noch einmal mit Weiß zu verstärken und eventuell mit letzten Lasuren störende Bereiche im Sinne der atmosphärischen Gesamtstimmung zu egalisieren und undefinierte Bereiche stärker zu differenzieren.

Dritter Arbeitsgang / 3 Unterrichtseinheiten

Ölfarbschicht

Bildbestimmend für das Motiv sind die starken Tonwertkontraste. Das Bild zeigt keine einheitliche farbliche Tonalität, passend für ein Seestück gibt es einen leichten Überhang zu eher kalten Tönen.

Folgende Farben werden benötigt: Kremserweißton, eine kleine Menge Zitronengelb (Primär-Gelb), Lichter Ocker, Terra di Siena gebrannt, Ultramarinblau, eine kleine Menge Cyan (Primär-Blau), Vandyckbraun. Das sehr farbkräftige Cyan (Primär-Blau) wird nur minimal an einzelnen Stellen eingesetzt. Als Pinsel kommen zunächst der breite Flachpinsel und später der daVinci-Katzenzungenpinsel zum Einsatz, dazu Malmittel und Verdünnung zur gelegentlichen Pinselreinigung.

Da das Motiv bildübergreifend sowohl von kalten Blautönen als auch von warmen Erdtönen bestimmt wird, ist es hier relativ egal, mit welchem Farbton man beginnt. Traditionell würde man die Untermalung mit einem warmen, bräunlichen Ton sehr dünn bedecken. Bei diesem Motiv lässt sich aber gut demonstrieren, dass man auch mit einem kalten Farbton beginnen und mit warmen Tönen weiterarbeiten kann. Zunächst wird Ultramarinblau mit etwas Weiß und minimal Terra di Siena gebrannt gemischt, mit Malmittel ausreichend verdünnt und lasierend auf den dunkleren Bereichen der Grisaille-Untermalung aufgetragen, auch dort, wo das Motiv eher schwarz erscheint. Mit einer stärkeren Zugabe von Weiß folgen dann die nächsthelleren Bereiche, bis in der Bildmitte die Höhen mit reichlich Zugabe von unverdünntem Kremserweißton angelegt wird.

In einem nächsten Schritt werden Terra di Siena gebrannt, Lichter Ocker und ein wenig Zitronengelb mit etwas Weiß gemischt und die dem Motiv entsprechenden, wärmeren Bildbereiche im Himmel ebenso dünn angelegt. Anschließend wird dieser Farbton mit einer minimalen Zugabe von Ocker und Zitronengelb auch für die Bereiche im Meer aufgetragen. Dort vermischt sich nun der Braunton partiell mit dem schon vorhandenen Blauton und ergibt ein dunkles, gebrochenes Blaugrün.

Links über dem Horizont und rechts auf halber Bildhöhe sind Bereiche mit einem leichten Grünton zu erkennen, sie spielen in der Farbkomposition keine entscheidende, aber eine interessante Funktion als differenzierter Farbakzent neben den bildbestimmenden kalten Blau- und wärmeren Brauntönen, darum sollte man diese Bereiche auch darstellen, zunächst mit etwas Ultramarinblau, Zitronengelb und Weiß. Anschließend werden die Grenzen zwischen den Farbbereichen mit dem senkrecht auf das Bild gehaltenen Flachpinsel sanft vertrieben, gegebenenfalls mit Zugabe von unverdünnter Farbe.

Bis auf die Höhen, die schon fast deckend aufgetragen werden können, wird mit diesen ersten Ölfarbschichten die graue Untermalung sozusagen zunächst nur lasierend bis maximal halbdeckend eingefärbt. Die Flächen haben durch die notwendige Verwendung von Weiß zwar eine etwas zu flache Erscheinung, vergleichbar mit einer Gouache- oder Deckfarbkastenenmalerei, dafür können diese ersten Arbeitsschritte durch die formale Grundlage der Grisaille-Vorgabe sehr schnell ausgeführt werden und den kontrollierten Aufbau der Farbkomposition gewährleisten. Ohne den Weißanteil würden die dünnen Farbschichten zu transparent für das Licht werden und dadurch zu dunkel wirken, das ist nur bei einem Bildaufbau auf einer hellen Grundlage sinnvoll.

Nach der Anlage der Gesamtwirkung werden die Bereiche des Himmels noch einmal mit den schon verwendeten Farben und ab jetzt mit dem Katzenzungenpinsel halbdeckend bis deckend überarbeitet. Tiefen lassen sich mit reinem Ultramarinblau, lichtem Ocker und Terra di Siena gebrannt verstärken, Lichter werden mit deckendem, ja sogar pastosem Farbauftrag von Weiß gehöht. Nun können auch die beiden eher grünen Bereiche hervorgehoben werden durch ein wenig gemischtes Cyanblau mit Zitronengelb. Im unteren Bilddrittel sollte man die lichtbeschienen Wellen verstärken, ebenso die Übergänge zwischen hellen und dunklen Bereichen.

Immer im Abgleich mit der Bildwirkung der Vorlage und dem eigenen Werk werden nun im Bereich des Himmels letzte Korrekturen, Verbesserungen oder feine Übermalungen vorgenommen. Dann folgen die dunkelsten Bereiche des Meeres. Schwarz wäre zwar der einfachste Weg und es entspräche auch der Vorlage des KI-Bildes, darauf wurde hier aber bewusst verzichtet. Zum einen ist selbst in der Vorlage eine etwas zu große Diskrepanz zu den subtilen, interessanten und differenzierten Farbnuancen im Bereich des Himmels erkennbar, außerdem ist Schwarz auch nicht notwendig und lässt sich durch eine Mischung aus dem dunklen Ultramarinblau mit Terra di Siena gebrannt und dem dunklen Vandyckbraun ersetzen. Der Vorteil dieser Farbmischung besteht auch in der Möglichkeit unterschiedlicher Gewichtungen je nach gewünschter Wirkung. Jeder Pinselstrich kann - je nach Wunsch - mehr Richtung Blau, mehr Richtung Siena gebrannt oder mehr Richtung Dunkelbraun gehen.

Zum Schluss können auch hier die Lichter noch pastos verstärkt und die Gischt als Striche in reinem Weiß ergänzt werden.


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CC0

Grisaille

Grisaille-Malereien haben eine lange Tradition seit der Frührenaissance und dienten nicht nur der Untermalung. Sorgfältig ausgearbeitete Gemälde wurden auch oft in diesem Zustand belassen. Die Reduzierung der Darstellung auf das Spektrum zwischen Schwarz und Weiß fokussiert die Wahrnehmung auf die dreidimensionale Illusion von Licht und Schatten. Auch wenn wir die Welt in Farben wahrnehmen, als falsch oder unrealistisch erscheinen uns diese Grisaille-Malereien ebenso wenig wie Schwarzweiß-Fotografien. Dass bereits in der Renaissance auf warmtonigen Untergründen gemalt wurde oder den Grautönen gelegentlich etwas Gelber Ocker in den Höhen und eine Umbra in den Tiefen zugesetzt wurde, ändert an der Bezeichnung und monochromen Wirkung nichts. Grisaille-Malereien im reinen Sinne waren besonders im Barock als illusionistische Wandmalereien zwischen Architekturelementen vor allem in schlichten, protestantischen Kirchen beliebt.

Als Variante der Grisaille-Untermalung verwendete man schon in der Byzantinischen Kunst und bis weit in die italienische Renaissance auch gern das sogenannte Verdaccio (abgeleitet von ital. "verde", grün) als Untermalung für das Inkarnat, also für die Hauttöne. Hier wurde den mittleren Grautönen Gelber Ocker zugegeben, die subtile Grüntöne ergaben. Durch die darüber liegenden, durchscheinenden Ölfarbschichten nimmt man die gemalten Partien als subtil durchscheinende, realistische Hauttöne wahr, hervorgerufen durch den Komplementärkontrast der eher rötlichen Ölfarbschichten über der grünlichen Untermalung.

Aus der Grisaille-Untermalung der Renaissancezeit entwickelten sich im Barock neben grautonige Grundierungen vor allem in den Nördlichen Niederlanden skizzenhafte Monochrom-Untermalungen in warmen Erdtönen als Anlage der Komposition und Lichtführung. Oft diente dabei eine dünne, ockerfarbene Imprimitur auf dem weißen Leimkreidegrund als heller Mittelton, auf dem Schatten und Tiefen in Siena- und Umbratönen angelegt und nur die hellsten Bereiche gehöht, also mit Weiß definiert wurden.

Grisaille: Grünewald (Ausschnitt)
Verdaccio: Michelangelo (Ausschnitt)
Braununtermalung: van Dyck (Ausschnitt)