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Nils Pooker

Atmosphärische Phänomene im Stil von Frederic Edwin Church: 4-5 Unterrichtseinheiten

Vorlage

Das KI-Tool sollte hier eine Landschaft in dunstiger Atmosphäre und im Stil von Frederic Edwin Church ausgeben. Ursprünglich war noch ein Boot in der Mitte des Sees vorhanden. Das Motiv lässt sich als Pendant zur Übung mit einer Grisaille-Untermalung eines atmosphärischen Seestücks betrachten, um einen völlig anderen Bildaufbau vorzustellen.

Während jene dramatisch-atmosphärische Stimmung des Seestücks vor allem auf dem Hell- Dunkel-Kontrast beruht, ist die Stimmung des ruhigen Landschaftsmotiv im Stil von Church durch Licht und einen hellen, warmen Grundton bestimmt. Eindeutig definiert ist die tief liegende Sonne über einem See und zwischen zwei Bergen im Hintergrund. Das Licht wird durch Nebel und Dunst gebrochen und erzeugt so eine homogene Bildstimmung. Der dunkelste Bereich befindet sich im Bereich der Baumvegetation am linken Ufer.

Nur mit viel Erfahrung ist es möglich, dieses Motiv als Primamalerei in Öl umzusetzen. Die größte Hürde besteht im geringen Spektrum der Tonwerte außerhalb der Baumvegetation am linken Bildrand, also die nur subtilen und partiellen Unterschiede in den Helligkeitswerten einer im Dunst oder Nebel liegenden Landschaft. Setzt man das Bild am Rechner einmal in eine neutrale Schwarzweißdarstellung um, wird das geringe Tonwertspektrum offensichtlich.

Vorlage in Schwarzweiß

Eine weitere Hürde sind die wichtigen Farbdifferenzierungen über die gesamte Bildfläche hinweg, die von einem hellen Gelb im Bereich der Lichter über verschiedene Orangetöne im Himmel und dem See bis zu zarten Rot- und Blautönen in den Bergen reichen.

In einer Umsetzung als Primamalerei müsste man also sehr genau darauf achten, sowohl die subtilen Tonwerte, als auch die subtilen Farbunterschiede wiederzugeben. Eine Grisaille-Malerei bietet auf Grund der kaum differenzierten Tonwerte ebenfalls keine Alternative. Die Lösung hier besteht in einer sehr hellen Imprimitur, über die in dünnen, aquarellartigen Farbschichten zunächst eine helle Untermalung angelegt wird, die dann als Grund- und Vorlage für die Ölfarbschicht dient. Auch wenn immer die Gefahr einer zu kontrastarmen Darstellung besteht, kann man sich als Faustregel merken, dass eine eher helle Bildwirkung leichter über eine sukzessive Verstärkung von Tiefen zu erzielen ist als über das Aufhellen von zu dunklen Bereichen, vor allem bei warmtonigen Motiven. Das grundsätzliche Vorgehen ähnelt dem Bildaufbau des Himmels in der Übung zur Romantik im Stil von Caspar David Friedrich.

Erster Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Imprimitur, ggfls. Raster und Unterzeichnung

Der Farbton der Imprimitur entspricht etwa dem Farbton oberhalb der aufgehenden Sonne, also einem sehr hellen Ockergelb. Dazu wird Molenaer Acrylfarbe Weiss und Ocker im Verhältnis 4:1 gemischt und mit dem breiten Flachpinsel homogen und ohne Wasser aufgetragen. Ich selbst habe nach dem Trocknen der Imprimitur kein Raster angelegt, sondern nur vier mittige kleine Striche an den Bildrändern markiert. Ein Raster mit dem Aquarellstift bietet jedoch eine Orientierungshilfe für die Unterzeichnung und lässt sich im Anschluss mit einem harten Bleistift leicht entfernen.

Zweiter Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Untermalung

Die Untermalung wird mit Molenaer Acrylfarbe Weiß und Ocker, sowie den Daler Rowney-Farben Lichter Ocker, Hellbraun und Ultramarin ausgeführt. Vom Hellbraun und Ultramarin reichen geringe Mengen aus den Farbtuben. Es wird weiterhin mit dem breiten Flachpinsel gearbeitet.

Die Untermalung sollte bereits die einheitliche Stimmung des fertigen Bildes wiedergeben. Wichtig ist dabei vor allem die Anlage der subtil unterschiedlichen Farbwerte. Das endgültige Tonwertspektrum kann in der Ölfarbschicht definiert werden. Hier ist also eher ein vorsichtiges, schrittweises Arbeiten vorteilhafter als ein zu forsches. Da die Daler Rowney Acrylfarben ein gutes Färbevermögen besitzen, empfiehlt es sich, zunächst eine weintraubengroße Menge des Imprimitur-Farbtons erneut zu mischen, also Molenaer Acrylfarbe Weiss und Ocker im Verhältnis 4:1. Dieser Basis-Farbton definiert die Grundlage für weitere Farbmischungen mit Weiß, Ocker, Hellbraun oder Ultramarinblau und garantiert, dass diese Farben optisch mit der Imprimitur korrespondieren und die einheitliche Bildwirkung nicht gefährden. Gerät etwas doch zu dunkel oder zu farbkräftig, kann man diese Partien durch eine Übermalung mit dem Basis-Farbton auch verbessern.

Die Farben sollten mit Wasser verdünnt aufgebracht werden. Beim Arbeiten von den hellen zu den dunkleren Bereichen können besser zwei oder drei Schichten aufgetragen werden als nur eine, die dann womöglich zu dunkel oder zu farbkräftig wird.

Es ist sinnvoll, in der Bildmitte mit den Bergen und ihren Spiegelungen zu beginnen. Dazu mischt man in den Basis-Farbton etwas Ultramarinblau und ganz wenig Hellbraun. Für einen Test eignet sich der linke Bereich, wo später die Baumvegetation entstehen wird. Stimmt der Ton, legt man die Berge damit zügig und flächig an. In die nasse Farbe lassen sich sanfte Akzente setzen, aber genauere Differenzierungen der Vorlage spielen hier keine Rolle.

Mit diesem gemischten Farbton wird nun auch die Baumvegetation am linken Bildrand dünn vorskizziert und anschließend unter Zugabe von Ultramarinblau, Hellbraun und etwas Lichtem Ocker fertig angelegt.

Die Reste im Pinsel werden anschließend mit dem Basis-Farbton und einer kleinen Zugabe Ultramarinblau vermischt, dieser Farbton sollte einen Helligkeitswert zwischen der Imprimitur und den bereits angelegten Bergen besitzen. Damit wird dann der Himmel und der See am linken und rechten Bildrand etwas abgedunkelt.

Nachdem der Pinsel mit ausreichend Wasser soweit gereinigt wurde, dass sich keine markanten Farbspuren mehr zeigen, wird der Farbton mit etwas Lichtem Ocker gemischt und links und rechts von der Sonne und vor allem im See die Färbung des Himmels hervorgehoben. Nach dem erneuten Reinigen folgen die letzten Höhen mit Weiß, also die Sonne selbst und ihre Reflexionen im Wasser.

Dritter Arbeitsgang / 2-3 Unterrichtseinheiten

Ölfarbschicht

Folgende Farben werden benötigt: Kremserweißton, Kadmiumgelb Zitron (Maimeri), Kadmiumgelb hell (imit.), Lichter Ocker, Kadmiumrot dunkel (imit.), Terra di Siena gebrannt, Ultramarinblau. Gearbeitet wird mit dem daVinci Nova Katzenzungenpinsel, dazu Malmittel und Verdünnung zur gelegentlichen Pinselreinigung.

Separat gemischte Töne sind bei diesem Motiv nicht notwendig. Betrachtet man die Vorlage genauer, erkennt man vor allem Farben in einem Spektrum aus Gelb, Ocker und Orange. Ein Cyanblau ist auf Grund des sehr hohen Färbevermögens riskant und Schwarz für den dunkleren Bereich der Baumvegetation kann gut durch eine Mischung aus Terra di Siena gebrannt und Ultramarinblau ersetzt werden.

Ist der Himmel soweit angelegt, werden die Berge in der Ölfarbschicht umgesetzt. Grundsätzlich sollte man nicht unbedingt auf eine genaue Wiedergabe von Details der Vorlage achten, sondern auf die Wiedergabe der Stimmung. Ich habe beispielsweise den nur leichten Terra di Siena-Ton im Berg rechts etwas dominanter angelegt, um die zu einheitliche, bläuliche Bergkette etwas zu brechen. Wichtig ist, dass die Bergrücken nicht klar definiert als Kante abschließen, sondern mit dem Pinsel leicht vertrieben werden.

Nach dem Anlegen der Berge folgt die Fläche des Sees, der insgesamt etwas dunkler geraten kann als der Himmel, doch auch hier ist es besser, die Wirkung schrittweise aus der Helligkeit heraus aufzubauen. Die Sonne selbst und die Sonnenspiegelung im See sollten nicht gleich in reinem Weiß angelegt werde, sondern mit dem warmen Umgebungsfarbton, dem man lediglich Weiß zusetzt. Hier zeigen sich am Ende die stärksten Lichter, die man wie die dunkelsten Tiefen am besten als letzten Arbeitsschritt als Akzent setzt.

Nachdem nun etwa zwei Drittel der rechten Bildfläche umgesetzt sind, wird die Baumvegetation und ihre Spiegelung im Wasser genauer angelegt. Um die dunklen Bereiche angemessen im warmen Grundfarbton der Bildwirkung zu halten, empfiehlt sich zunächst eine dünne Anlage mit einem warmen Braunton, den ich mit Terra di Siena, Lichtem Ocker und etwas Kadmiumgelb hell gemischt habe. Anschließend habe ich die Vegetation mit einer Mischung aus Terra di Siena und Ultramarinblau und einer minimalen Zugabe von Ocker strichelnd und halbdeckend fertiggestellt. Auch hier sollten keine harten Ränder entstehen, vor allem nicht auf Höhe der Berge, um den Effekt von Nebel oder Dunst über dem See zu wiederzugeben. Den Farbton im Pinsel habe ich mit Ultramarinblau, etwas Kadmiumgelb Zitron Maimeri und etwas Weiß gemischt und den blauen Bereich fertiggestellt, der die Spiegelung der Baumvegetation im See unterbricht.

Der Farbauftrag sollte – wie in der Untermalung – schrittweise erfolgen, von dünnen Lasuren bis zu halbdeckenden Schichten. Oft gilt ein zu dünner Farbauftrag als Merkmal zu großer Vorsicht und wird als Vorgehen kritisiert, das in der Ölmalerei zu vermeiden sei. Bei einigen Übungen weise ich selbst darauf hin, dass es ratsam ist, dem eindeutigen Pinselstrich den Vorzug vor einem eventuellen Fehler zu geben. Bei dieser Übung ist es aber wichtiger, die Kontrolle über die anspruchsvolle Gesamtästhetik zu behalten.

Während die Untermalung mit den Bergen begonnen wurde, sollte in der Ölfarbschicht zunächst der Himmel angelegt werden. Die wichtigste Farbe ist der Kremserweißton, der hier besonders sinnvoll ist, da er weder so deckend, noch so dominant ist wie ein Titanweiß, das schnell pastellartige Farbtöne erzeugen würde.

Es ist wichtig zu erkennen, dass der Himmel nicht aus einem eindeutigen Farbton besteht, sondern aus einem heterogenen Spektrum aus kalten bis zu warmen Tönen, hier ist der Katzenzungenpinsel sinnvoller als der breite Flachpinsel. Für das gesamte Bild ist eine eher strichelnde Malweise mit der Pinselspitze zu empfehlen.

Zunächst ist es wichtig, den korrekten Tonwert des Himmelblautons zu erzielen, der aus Kremserweißton, Ultramarinblau und minimal Lichtem Ocker gemischt wird und dann in lasierenden bis halbdeckenden Schichten unregelmäßig aufgebracht wird. Der Bereich um die Sonne ist durch hellere und wärmere Töne definiert, die Untermalung bietet hier eine gute Orientierung. Über der tiefliegenden Sonne bildet sich als Naturerscheinung meistens eine senkrechte, kaum wahrnehmbare Lichtsäule. Diese atmosphärische Erscheinung ist auch in der Vorlage sichtbar und beruht dort vermutlich vor allem auf dem Trainingsmaterial fotografierter Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge. Mit der Zugabe von etwas unverdünntem Kremserweißton kann man diese Erscheinung subtil anlegen.

Zum Schluss werden die Lichter gesetzt. Dafür eignet sich auch der daVinci Nova Rundpinsel, der ein genaues Arbeiten ermöglicht. Zunächst sollte eine sehr kleine Menge helles Orange aus Kadiumrot dunkel und Kadmiumgelb Zitron Maimeri gemischt werden. Mit der Pinselspitze Weiß aufnehmen und partiell auf die hellsten Bereiche setzen. Erst danach den Pinsel auswischen und mit reinem Weiß diese Akzente als Höhen definieren.


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CC0

Frederic Edwin Church, die Hudson River School und die Erhabenheit der Landschaft

Frederic Edwin Church (1826-1900) gehörte zur zweiten Generation von Landschaftsmalern, die als Vertreter der Hudson River School bekannt wurden, eine Bezeichnung, die der losen Gruppe erst um 1870 gegeben wurde. Vor allem Frederic Edwin Church und der aus Solingen stammende Albert Bierstädt orientierten sich sowohl am Selbstverständnis der Romantik als auch an den Inszenierungen der Natur im Stil der Düsseldorfer Malerschule. Ähnlich wie bei Caspar David Friedrich wirken die Landschaften wie getreue Naturdarstellungen, wurden aber anhand von Zeichnungen und Ölstudien im Atelier komponiert, jedoch ohne die kompositorische Strenge und die fast meditative Stille wie in Friedrichs Bildern.

Frederic Edwin Church, "Die Anden von Ecuador", ca. 1855

Das Kernthema von Church, Bierstädt und anderer Maler der Hudson River School war die idealisierte Größe und Erhabenheit der Landschaft. Dazu gehörten große Bildformate, eine sehr genaue Ausarbeitung bis in die Details, das Vermeiden sichtbarer Pinselstriche und vor allem die Wiedergabe dramatischer und atmosphärischer Naturphänomene. Die Hudson River School verband die internationalen, spätromantischen Tendenzen mit einem eigenen US-amerikanischen Selbstverständnis. In den Bildern wird die „Frontier“ des Westens idealisiert, ebenso die religiöse Aufladung von „God’s own country“, das gelobte Land vor allem für europäische Einwanderer, die dort ihr Glück eher zu machen hofften als in ihren alten Heimatländern. Das Schicksal indigener Bevölkerungsgruppen war in der Regel weder gestalterisch noch inhaltlich ein Bildthema.

Frederic Edwin Church, "Our Banner in the Sky", 1861

Frederic Edwin Church war von den Schriften des preußischen Entdeckers und Naturforschers Alexander von Humboldt sehr stark beeinflusst. Er unternahm vor diesem Hintergrund selbst viele und weite Reisen nach Südamerika, in die Karibik, nach Europa und in den Nahen Osten.

Um 1860 war Church der bekannteste amerikanische Künstler und sowohl kommerziell als auch künstlerisch erfolgreich. Bei seinem Tod im Jahr 1900 soll sein Vermögen eine halbe Million Dollar betragen haben. Gegen Ende seines Lebens geriet Church in Vergessenheit, mittlerweile hatten sich moderne, europäische Kunststile auch in den USA durchgesetzt, vor allem Künstler:innen der Schule von Barbizon und die französischen Impressionisten wurden zunehmend gesammelt und Künstler wie Winslow Homer oder John Singer Sargent feierten ihre ersten Erfolge.

Frederic Edwin Church, "El Rio de Luz"", 1877