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Nils Pooker

Impressionismus im Stil von John Singer Sargent: 5 Unterrichtseinheiten

Vorlage

Das KI-generierte Bild zeigt eine Landschaft im Stil von John Singer Sargent. Bilder im gefälligen, impressionistischen Stil des US-amerikanischen Porträtmalers beherrscht Midjourney in der Version 6.1 sehr gut. Dies Bildbeispiel ist ideal für eine Übung mit einer ausgearbeiteten, monochromen Untermalung auf Grundlage der Helligkeits- und Tiefenwerte des Motivs.

Das Motiv erscheint auf den ersten Blick recht einfach, besteht es doch vorwiegend aus subtil ausgemischten Blau- und Erdtönen. Genau diese Subtilität der Farbnuancen bei gleichzeitig feinen Differenzierungen der Tonwertverteilung würde die Umsetzung als Primamalerei auf einer monochromen Imprimitur schnell zu einer höchst anspruchsvollen Aufgabe machen. Die Untermalung einer klassischen Schichtenmalerei baut auf einer Anlage der Lokaltöne auf. Dieses Vorgehen wäre als Lösung hier wenig hilfreich, das Ergebnis wäre nur eine grobe Verteilung von Blau- und Erdtönen. Das Problem der differenzierten Tonwerte wäre damit aber nicht gelöst.

Eine monochrome Untermalung kann in reinen Grautönen als Schwarzweiß-Ausmischung erfolgen, das wäre dann eine sogenannte Grisaille (abgeleitet von frz. "gris", grau). Die italienischen Maler der Renaissance mischten auch Ocker und Grünerden dazu, diese Art der Untermalung nennt man Verdaccio (abgeleitet von ital. "verde", grün), die interessante Komplementärkontraste im Inkarnat der Hauttöne ermöglichten. Bei dem Motiv der Übung bietet sich eine Untermalung in den sichtbaren, warmen Erdtönen an. Dieses Vorgehen wurde im 17. Jahrhundert populär.

Erster Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Imprimitur, Raster und Unterzeichnung

Sowohl für die Imprimitur als auch für die Untermalung wird ein Grundton gewählt, der in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen mit Weiß verwendet wird. Dieser Grundton wird mit Daler-Rowney Acrylfarben gemischt: Gelber Ocker, Hellbraun, Braun im Verhältnis 1:1:1.

Für die Imprimitur wird der Grundton 1:2 mit Molenaer Weiß gemischt (also 1 Teil Mischung, 2 Teile Weiß). Die Farbe mit wenig Wasser und mit dem breiten Flachpinsel auftragen.

Für die Unterzeichnung des etwas komplexeren Motivs empfiehlt sich ein Raster als Orientierungshilfe für die Unterzeichnung. Das mit Bleistift oder Aquarellstift dünn gezeichnete Raster muss nicht unbedingt nach der Unterzeichnung entfernt werden, da das Bild mit eher deckenden Farbschichten fertiggestellt wird.

Zweiter Arbeitsgang / 1 Unterrichtseinheit

Untermalung

Für die Untermalung wird erneut die Mischung aus den Daler-Rowney Acrylfarben Gelber Ocker, Hellbraun, Braun im Verhältnis 1:1:1 benötigt, ungefähr in einer weintraubengroßen Menge. Fünf Tonwertabstufungen ermöglichen eine ausreichende Differenzierung und sind leicht nachzuvollziehen. Für den Auftrag empfiehlt sich der da Vinci Nova Katzenzungenpinsel.

Man beginnt mit den dunkelsten Bereichen, hier wird die Farbmischung ohne Weiß aufgetragen. Diese Bereiche umfassen den Küstenvorsprung, der von rechts in den See ragt, einige beschattete Bereiche am Ufer des Vordergrund und Teile der Bäume am linken Bildrand.

Danach folgt die erste Ausmischung mit Weiß im Verhältnis 2:1, also ein moderates Aufhellen des Grundtons. Damit werden dann die Berge und der Rest der Bäume angelegt.

Mit der folgenden Ausmischung mit Weiß im 1:1-Verhältnis werden die nächst helleren Partien definiert: dunkle Wolkenbereiche, der See und der Mittelgrund am Uferrand.

Eine weitere Mischung im Verhältnis 1:2 ist nicht notwendig, hier übernimmt die Imprimitur die Funktion als eigenständiger Tonwert in der Untermalung.

Zuletzt folgen Höhen und Lichter, also die hellsten Bereiche vor allem in den Wolken. Auf Grund der geringen Deckkraft kann ungemischtes Acryl-Weiß eingesetzt werden.

Dritter Arbeitsgang / 3 Unterrichtseinheiten

Ölfarbschicht

Wenn ich selbst auch nur 2 Stunden an der Ölfarbschicht gearbeitet habe, ist es in der Praxis des Kunstunterrichts realistischer, von drei reinen Arbeitsstunden auszugehen.

Da der Kremserweißton nur eine reduzierte Deckkraft besitzt, ist es sinnvoll, ihn für dieses Motiv 1:1 mit Titanweiß zu mischen. Weitere Farbtöne: Lichter Ocker, Siena gebrannt, Ultramarinblau, eine kleine Menge Preußischblau und Schwarz. Dazu etwas Malmittel. Gearbeitet wird mit dem breiten und dem schmalen Borstenpinsel.

Wie bei den meisten Landschaftsmotiven empfiehlt sich ein Arbeiten von hinten nach vorn, da neue Farbschichten die davor gemalten überdecken können und so dem Wahrnehmungseindruck der Realität entsprechen.

Ich habe zunächst mit dem breiten Borstenpinsel die dunklen Bereiche des Himmels mit Ultramarinblau, Preußischblau, und Weiß angelegt. Wichtig ist, den Hintergrund für die optischen Farbmischungen etwas durchscheinen zu lassen und mit Malmittel sparsam zu bleiben.

Durch den Gebrauch des Borstenpinsels ist es möglich, mit zäher Farbe über die Oberfläche der Untermalung zu wischen, wenn man etwas Druck ausübt. Das Motiv lebt von der Sichtbarkeit der Pinselstriche. Die entstehen, wenn die Borsten ihre Spuren bis auf den Untergrund hinterlassen. In einer extremen Vergrößerung sähe das aus, als ob mit einem groben Kamm gearbeitet wurde. Die Farbe, die stehenbleibt, stammt aus den Zwischenräumen der Borsten. Hauchdünne Lasuren würde dagegen wie ein Farbfilter auf der Untermalung liegen und zu einer flachen, unerwünschten Farbwirkung führen. Selbst mit einem Borstenpinsel wäre der Pinselstricheffekt dabei kaum möglich, weil sich die verdünnte Farbe sofort verbinden würde.

In einem weiteren Schritt wird der Himmel zunächst vervollständigt. Ich habe mit Weiß und dem grob ausgewischten Pinsel die hellsten Stellen der Wolkenformation deckend überarbeitet, die Zwischenbereiche mit etwas zusätzlichem Ultramarin- und Preußischblau ausgeführt und die Übergangsbereiche etwas egalisiert.

Im Anschluss folgt die Bearbeitung der Berge im Hintergrund, ebenfalls mit Ultramarin- und Preußischblau, man kann den Farbton auch mit etwas lichtem Ocker oder Siena gebrannt brechen. Auch dort kann die Untermalung durchscheinen oder stellenweise frei sichtbar bleiben. In diesem Abgleich zwischen Himmel und Bergen wurden noch einmal im Himmel helle Bereiche deckend verstärkt und allzu störende Übergänge mit dem Pinsel vertrieben.

Im nächsten Schritt wird mit dem schmalen Borstenpinsel der beschattete Küstenvorsprung in der Bildmitte angelegt, in erster Linie mit Preußischblau und Siena gebrannt, beide Farben ergeben nebeneinandergesetzt einen interessanten dunklen, harmonischen Ton, ohne die flache Wirkung von Schwarz. Der untere Teil bleibt zunächst frei und zeigt die Untermalung. Mit etwas lichtem Ocker und Weiß wird nun von oben aus den Bergen in den Küstenbereich nass in nass gearbeitet, um Vegetation anzudeuten, die in der Mischung entstehende Farbe ergibt einen passenden, matten Grünton. Damit kann nun auch die Vegetation am linken Bildrand angelegt werden. Mit weiterer Farbaufnahme der beiden hellen Töne werden Pinselstriche auf den Küstenstreifen gesetzt.

Der übrige Vordergrund besteht vorwiegend aus Mischungen von Weiß, Ocker, Siena gebrannt und etwas Schwarz.

Vor dem letzten Arbeitsschritt ist es wieder wichtig, einen aufmerksam-kritischen Abgleich zwischen Vorlage und Umsetzung vorzunehmen, um dann das Gesamtbild der eigenen Arbeit zu bewerten. Dabei sollte man sich fragen, an welchen Stellen die Gesamtharmonie des Bildes gestört ist, wo Bereiche vielleicht stärker akzentuiert und zu dominante Stellen zurückgenommen werden müssen.

Anschließend kann der Vordergrund zunächst fertiggestellt werden, um dann in anderen Bereichen die letzten Korrekturen vorzunehmen.


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CC0

John Singer Sargent

John Singer Sargent (1856-1925) war kein Landschaftsmaler, sondern einer der gefragtesten und erfolgreichsten Porträtisten seiner Zeit. Die Aristokratie in Europa und der sogenannte Geldadel in seinem Heimatland USA zählten zu seiner Kundschaft. Dass sein Stil so gut vom KI-Tool Midjourney interpretiert und simuliert wird, liegt sicher auch an seiner umfassenden Präsenz in der Bild-Text-Datenbank. Landschaften erscheinen in seinen Bildern vorwiegend nur als Hintergrund und Staffage für die Porträts.

Singer Sargent war handwerklich ein virtuoser Maler, in der Kunstgeschichte spielt er keine herausragende Rolle, da sich sein Stil stets zwischen einem konventionellen Realismus und einer moderaten Form des frühen Impressionismus bewegte, der zur Zeit seiner Erfolge etabliert war. Monet begann da schon mit seinem Spätwerk und Spätimpressionisten wie van Gogh, Gauguin und Cézanne beschritten mit ihren Werken bereits den Weg in die klassische Moderne.

Dennoch war Singer Sargent kein Nachahmer überkommener Kunst und es ist nicht nur nur seine technische Meisterschaft, die seinen individuellen Stil definiert. Wie Édouard Manet bewunderte er die Bilder von Diego Velázquez, beeinflusst wurde er auch von James McNeill Whistler. Seine Maltechnik orientierte sich eher an den Impressionisten. All diese Einflüsse wurden sichtbar in seinem berühmtesten Bild „Madame X“, das im konservativen Pariser Salon 1884 auf Grund des etwas freizügigen Oberkörpers noch einen Skandal verursachen konnte.

John Singer Sargent, "Madame X", 1884