K+U 493/494

Nils Pooker

Hell-Dunkel- und Impastomalerei im Stil von Rembrandt: 2-3 Unterrichtseinheiten

Vorlage

Für das Beispiel einer typischen Hell-Dunkel-Malerei mit pastosen Impasto-Effekten wurde über das KI-Tool eine „dunkle Landschaft, gemalt von Rembrandt“ generiert.

Das Bild dient als Vorlage für einen starken Hell-Dunkel-Kontrast, das als Gestaltungs- und Stilmittel im 17. Jahrhundert einen Höhepunkt in den Gemälden von Rembrandt fand, der die Hell-Dunkel-Malerei mit einem pastosen Farbauftrag kombinierte. Er überhöhte die plastische Wirkung der Farbe, indem er eingekochtes und damit zähflüssiges Leinöl als Malmittel verwendete und die Farbe millimeterdick auf die Leinwand aufbrachte. Oft legte er darüber noch dünne Lasuren, die er mit einem Lappen vertrieb, so dass in den Tiefen der Farbtexturen die dünnen Farbreste stehenblieben und zusätzliche, künstliche Schatten bildeten. Aus der Distanz ergaben sich dann geradezu hyperrealistische Effekte, für die Rembrandt schon zu Lebzeiten berühmt war.

Das KI-generierte Motiv wirkt in der Wahrnehmung viel komplexer, als es tatsächlich ist. Mehr als ein Drittel ist lediglich eine schwarze Fläche, der Himmel darüber besteht aus einem hellen Bereich, der Rest bleibt eine unklar definierte Dunkelheit, die ebenfalls fast schwarze Flächen zeigt. In unserer Wahrnehmung kommt hier das Wissen ins Spiel, dass viele vermeintliche Details im Vordergrund lediglich nicht erkennbar sind, aber dort sein müssten, ein weites Feld, vielleicht eine Wiese. Der Blick konzentriert sich lediglich auf den Lichtstreifen am Horizont. Diese Inszenierung des Lichts ist das Kernmerkmal dieser auch Chiaroscuro-Malerei genannten Hell-Dunkel-Malerei.

Diese Übung benötigt auf Grund des einfachen Motivs lediglich zwei bis drei Unterrichtseinheiten.

Erster Arbeitsgang / 1 (halbe) Unterrichtseinheit

Imprimitur

Da die Imprimitur nur die Hälfte einer Doppelstunde in Anspruch nimmt, aber einen Tag trocknen sollte, könnte die verbleibende Zeit auch für die Imprimitur oder Unterzeichnung einer weiteren Übung genutzt werden.

Die Imprimitur wird mit Molenaer Acrylfarbe Braun und Ocker gemischt, dazu aus dem Daler-Rowney-Set etwa 1/5 Brilliant Rot und ca. 1/10 Schwarz. Der Farbton sollte einer dunklen Holzart entsprechen. Die Imprimitur wird ohne Wasser mit dem breiten Synthetik-Haarpinsel auf den Bildgrund auftragen, um eine weitgehend deckende Farbschicht zu erzielen.

Eine Untermalung ist bei diesem Motiv nicht notwendig, die Acrylfarbe wäre auch zu wenig deckend.

Zweiter Arbeitsgang, ein bis zwei Unterrichtseinheiten

Ölfarbschicht

Die Umsetzung gleicht eigentlich einer Primamalweise. Der Unterschied zur üblichen alla-prima-Praxis ist jedoch, dass das Motiv hier nicht in vollständig deckender Malweise auf einem weißen Untergrund fertiggestellt wird, sondern auf einem dunklen Untergrund, der im Tonwert bereits großen Teilen des Bildes entspricht. Es geht also eher darum, diese dunklen Bereiche farblich zu differenzieren, der Tonwertkontrast ist außerhalb des hellen Bereiches oberhalb des Horizonts nur gering.

Sechs Farben genügen, um das Bild weitgehend in einem Zuge fertigzustellen: Kremserweißton, Bleizinngelb, Lichter Ocker, Siena gebrannt, Elfenbeinschwarz, etwas Azurit. Malmittel wird nicht benötigt. Als Pinsel kommen der breite und dann der schmale Borstenpinsel zum Einsatz.

Da die Mindestmenge von gemischtem Azurit den Bedarf für das Motiv übersteigt, reicht die Menge mindestens für zwei Schüler:innen. Es wäre auch möglich, einen bläulichen Farbton rechts am Horizont mit Schwarz und Weiß zu erzielen, würde man die Farbe nur verdünnt auftragen. Der Grund ist die „optische Mischung“ von Farben beim Durchdringen von Licht auf den Untergrund. Ist eine Lasur heller als der Untergrund, wird diese dünne Schicht immer als kalter, ins Blau reichender Ton wahrgenommen. Das würde hier auch für einen Grauton gelten, der auf die dunkelbraune Imprimitur gemalt wird. Anschließend könnte man darüber dann auch noch eine dünne Lasur Ocker auftragen und würde so ebenfalls die leichten Grüntöne erzielen. Da das Bild aber zügig und ohne Lasuren gemalt wird, ist die Verwendung von Azurit als Blaufarbton zielführender.

Eine Vorzeichnung oder gar ein Raster ist für dieses Motiv nicht nötig. Der Horizont beginnt am linken Bildrand ungefähr auf der Höhe des sogenannten Goldenen Schnitts, eines Prinzips der Proportionierung von Flächen, die als besonders harmonisch empfunden wird. Im Vergleich zur bekannten Drittelregel beträgt das Verhältnis beim Goldenen Schnitt nicht 33,3 % zu 66,6 %, sondern 38,2 % zu 61,8 %. Um sich in der Malpraxis eine übertriebene Dreisatzrechnung zu sparen, kann man einfach grob von etwas mehr als einem Drittel ausgehen. Im rechten Bildbereich beschreibt die schwarze Fläche eine leichte Biegung nach unten, auf die Höhe von etwa einem Drittel der Bildhöhe. Mit dem breiten Borstenpinsel und Elfenbeinschwarz kann nun diese Linie gezogen und der untere Bildbereich ausgemalt werden. Hier sollte zügig und in wechselnder Deckkraft gearbeitet werden, von halbdeckend bis deckend. Es schadet auch nicht, wenn einige Stellen der dunklen Imprimutur unbedeckt bleiben, um der Fläche sozusagen „Spuren des Ungefähren“ zu geben, als seien dort zwar nicht klar erkennbare, aber doch vorhandene Strukturen.

Danach wird der etwas hellere Streifen des Horizonts gemalt, bevor mit diesem Farbton die dunkelsten Bereiche im Himmel angelegt werden. Der Pinsel muss dafür nicht mit Verdünner separat gereinigt werden, da in nahezu allen Bereichen des Himmels auch Schwarzanteile vorhanden sind.

Anschließend kann man damit beginnen, die etwas helleren Mitteltöne zu mischen und partiell aufzutragen, um der Farbe dann schrittweise Ocker, Bleizinngelb oder Kremserweiß zuzusetzen. Wichtig ist, sich der Gesamtwirkung im Malprozess zu nähern und in diesem Stadium allzu pastose Farbe zu vermeiden. Grundsätzlich wird dieses Motiv von dunkel nach hell umgesetzt, aber die entscheidenden Höhen und Lichter als Kontrast zum Schwarz des Vordergrunds sollten zuletzt aufgetragen werden.

Im letzten Schritt des Malprozesses folgt nun die Verstärkung sowohl der Kontraste als auch der Farben mittels der Impasto-Technik. Dafür eignet sich der schmale Borstenpinsel. Nun werden die Flächen heller gesetzt, bzw. die Details im Himmel durch pastos aufgenommene Farbe hervorgehoben. Das Mischen kann dabei sozusagen beim Farbauftrag erfolgen, indem man eine ausreichende Menge von zwei oder drei Farben mit dem Pinsel aufnimmt und so mehrfarbige Pinselstriche ermöglicht, die mit zunehmendem Betrachtungsabstand wie ein Farbton erscheinen. Diese Technik verwendeten 200 Jahre später übrigens auch die Impressionisten, nur mit leuchtenden, hellen Farben.

Entscheidend ist die Pinselhaltung: je flacher der Pinsel zur Bildfläche gehalten und die Farbe ohne Druck gezogen wird, umso pastoser bleibt die Farbe stehen. Beim pastosen Lichtstreifen über dem Horizont mit Kremserweiß und Bleizinngelb kann der Pinsel also fast parallel zur Bildfläche gehalten und nur durch leichtes Aufsetzen nach hinten gezogen werden.


Download Bildmaterial (CC0-Lizenz)

Download: Bildmaterial zur Übung als ZIP-Datei herunterladen (ca. 2.5 MB)

CC0

Rembrandt und Hell-Dunkel-Malerei mit Impasto-Effekt

Bereits Leonardo da Vinci nutzte den Effekt von stärkeren Lichtern und tiefen Schattenpartien in einigen Gemälden. Als stilbildendes Gestaltungsmittel wurde der Effekt vor allem von Caravaggio (eigentlich Michelangelo Merisi da Caravaggio, 1571-1610) eingesetzt. Caravaggio und auch Rembrandts Zeitgenosse Georges de la Tour (1593-1652) blieben jedoch bei einer relativ glatten Malweise.

Michelangelo Merisi da Caravaggio, Der ungläubige Thomas, um 1601 Georges de la Tour, Büßende Maria Magdalena, 1635-1640 (Ausschnitt)

Rembrandt

Rembrandt van Rijn (1606-1669) kombinierte die Hell-Dunkel-Malerei dann mit einem pastosen Farbauftrag, der schon von Malern wie Tizian oder El Greco in der Spätrenaissance genutzt wurde, um vor allem hellen Bildbereichen eine unebene, plastische Form zu geben, an der sich das Licht mehrfach brechen konnte und sich gleichzeitig feine Schatten bildeten.

Rembrandt überhöhte noch die plastische Wirkung der pastosen Farbe, indem er eingekochtes und damit dickflüssiges Leinöl als Malmittel verwendete und die Farbe millimeterdick auf die Leinwand aufbrachte, teilweise auch in mehreren Schichten. Oft legte er darüber noch dünne Lasuren, die er mit einem Lappen wieder vertrieb, so dass in den Tiefen der Farbtexturen dünne Farbreste stehenblieben und zusätzliche, künstliche Schatten bildeten. Aus unmittelbarer Nähe betrachtet, erscheinen die Farben wie Reliefschichten ohne klare Formgebung, erst aus der Distanz ergeben sich fast hyperrealistische Effekte.

Schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert waren das Leben, die außergewöhnlichen Bilder und die Maltechnik von Rembrandt ein idealer Nährboden für zahllose Mythen, Legenden und falschen Behauptungen. Er galt als frühes Paradebeispiel für den gefallenen Malerfürsten, der am Ende verkannt und verarmt sterben musste.

Lange hielt sich der Mythos, Rembrandts finanzieller Untergang und sein Ende in Armut sei auf die Ablehnung des Bildes "Die Nachtwache" zurückzuführen, bis heute sein bekanntestes Werk. Das Gemälde sei den Auftraggebern, einer Amsterdamer Schützengilde, zu düster und die Personen seien zu ungenau dargestellt. Fast nichts davon entspricht den Tatsachen. Rembrandt beschäftigte viele Schüler in seinem Atelier, die seinen Stil teilweise perfekt kopierten, weshalb es bis heute Diskussionen über Zu- und Abschreibungen seiner Werke gibt. Er lebte verschwenderisch und weit über seine Verhältnisse, obwohl er ein sehr erfolgreicher Künstler war. Der Konkurs zum Ende seines Lebens beruhte vor allem auf seiner Sammelleidenschaft und auf fehlgeschlagene Spekulationen mit riskanten Schiffsbeteiligungen, weniger auf berufliche Rückschläge.

Die ungewöhnliche Lichtführung der Nachtwache fiel den Zeitgenossen auf, aber die 16 Auftraggeber zahlten anstandslos die vereinbarten 1600 Gulden, eine stattliche Summe. Die insgesamt düstere Stimmung der Nachtwache verstärkte sich jedoch im Verlauf der folgenden 150 Jahre durch Firnisschichten, die stark zur Vergilbung neigen. Den Titel "Die Nachtwache" erhielt das Bild 1781 durch den Maler Joshua Reynolds. Im Rijksmuseum steht als Untertitel "Offiziere und andere Schützen des Bezirks II in Amsterdam, unter Führung von Hauptmann Frans Banninck Cocq und Leutnant Willem van Ruytenburch".

Rembrandt van Rijn, Die Nachtwache, 1642 (Ausschnitt)

Rembrandt experimentierte schon während seiner Lehrzeit mit verkochten und eingedickten Ölen, um die Materialität der Farbe stärker hervorzuheben, das beruhte aber eher auf einem der vielen Trends seiner Zeit. Er verwendete übliche Rohstoffe und gängige Techniken in der Umsetzung. Geheimrezepturen wurden ihm im 19. Jahrhundert nur deshalb angedichtet, weil das Wissen um historische Maltechniken weitgehend verlorengegangen war. Richtig ist, dass gegen Ende von Rembrandts Leben sowohl die eher düstere Hell-Dunkel-Malerei als auch die Impasto-Technik zunehmend aus der Mode kam und die farbigen und helleren Barockstile aus Frankreich und Italien bevorzugt wurden. Selbst die ehemaligen Schüler Rembrandts malten bis auf wenige Ausnahmen nur noch in der sogenannten „feinen Manier“, bei der nicht mehr die Bildwirkung durch Materialität der Farbe und sichtbarer Pinselstriche angestrebt wurde, sondern eine unaufdringliche Malweise, die die Technik als Gestaltungsmittel verbergen sollte.