Kunst: verwaltet, vermittelt, verwertet … Fragezeichen?

Vor gut einem Jahr, im März 2015, erschien in der ZEIT ein Artikel des Kunstwissenschaftlers Prof. Dr. Wolfgang Ullrich mit dem Titel „Stoppt die Banalisierung“ zum Thema Museumspädagogik in Kunstmuseen. Ich bin erst vor wenigen Tagen über ein Blog darauf aufmerksam geworden. In einem anderen Blog antwortete Lisa-Katharina Förster mit dem interessanten Artikel „Wem gehört die Kunst?“, zu dem es dann eine rege Diskussion gab, an der sich auch Ullrich beteiligte.

Der Titel, laut Ullrich von der Redaktion gewählt, ist missverständlich. In dem Artikel kritisiert er vor allem bestimmte Formen banalisierender Vermittlung, nicht die Banalisierung durch die Rezeption kunstferner Bevölkerungsschichten. Es geht also nicht um den elitären Schutz eines aus der Moderne überkommenen Kunstbegriffes vor dem kunstfernen Pöbel – diesen Kunstbegriff stellt er in seinen Artikeln und Büchern selbst immer wieder in Frage.

Es war nicht überraschend, dass neben Aspekten der Kunstvermittlungspraxis subjektive Meinungen und Statements zum Selbstverständnis des Kunstbegriffes innerhalb der Kommentarliste unter dem ZEIT-Artikel nicht lange auf sich warten ließen. Man könnte beim flüchtigen Lesen des Artikels und einiger Kommentare den Eindruck gewinnen, Kunstvermittlung sei mit wenigen Ausnahmen die ganz heiße Ware der vergangenen Jahre. Museale Kunstvermittlung im Zuge des Bildungsauftrags findet natürlich schon seit Jahrzehnten statt, nur hat sich das Wie und das Selbstverständnis der Vermittlung verändert. Heute sollen Museen allen Menschen einen Zugang zur Kunst ebnen. Das steht auch so in den Qualitätskriterien für Museen des Bundesverbands Museumspädagogik e.V. Kurioserweise, das fragt auch Ullrich, wird aber nicht diskutiert, warum Museen zwingend allen Menschen einen Zugang jenseits der Öffnungszeiten und der vorhandenen Bildungsangebote vermitteln sollen.

Nun begann vor 30 Jahren eine ökonomische Entwicklung, die überhaupt erst die Grundlage sowohl für diese Diskussionen als auch für die kulturpolitischen Dimensionen im Hintergrund der Kunstvermittlung geschaffen hat. Diese Entwicklung wurde von der Hoffnung getragen, die Rücknahme, beziehungsweise Ökonomisierung der Staatsleistungen würden zukünftige Krisen des Kapitalismus vereiteln. Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher formulierte das Credo der neoliberalen Wirtschaftspolitik mit dem Satz „Ich kenne keine Gesellschaft, ich kenne nur Individuen“, und ihr Bruder im Geiste Franz Müntefering, ein echter und aufrechter Sozialdemokrat, ergänzte später das Zitat des Apostels Paulus: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Es war abzusehen, dass sich irgendwann auch kulturelle Einrichtungen und Institutionen nicht mehr außerhalb, sondern innerhalb einer Kosten-Nutzen-Analyse wiederfanden. Der Begriff Neoliberalismus verlor zwar mit den Krisen der Finanzmärkte seinen vorbildlichen Status, aber zu dem Zeitpunkt war der Umbau bereits vollzogen. Mit der Selbstverständlichkeit der Ökonomisierung wuchs auch das Selbstbewusstsein derjenigen, die die jeweilige Musik bezahlen. Auch bei kulturellen Vortragsreihen und Konferenzen wirkt es längst nicht mehr peinlich oder gar frivol, wenn die Sponsoren mit großen Bannern neben den Rednern oder mit ihren Logos in den Vorlagen der Vortragsfolien unübersehbar präsent sein wollen.

Wenn auch alle Gesellschaftsschichten die Ikonoklasten der IS in Syrien einhellig als „Verbrecher“ brandmarken, erscheint es gleichzeitig vielen dieser Empörten durchaus angemessen und der BILD-Zeitung 2010 eine Headline wert, den verschuldeten Griechen den Verkauf der Akropolis nahezulegen, während die Schließung des Museums Morsbroich nur ein Achselzucken verursacht, wenn überhaupt. Die Stadthallen und Stadien haben es ja vorgemacht, alles wurde zur Arena („Fussball ist unser Leben“), Proteste in der Westkurve blieben die Ausnahme, die Loge bezahlte zu gut. Das Volksparkstadion in Hamburg hieß zwischenzeitlich schon AOL Arena, HSH Nordbank Arena und Imtech Arena. München natürlich wieder im Glück: einen BMW Art Journey award gibt es schon, vielleicht darf sich ein größeres Haus in einigen Jahren BMW Kunstparthenon nennen und für Newcomer-Stars auf dem Kunstmarkt gibt es dann vermutlich die „BMW Erlkönig-Ausstellungshalle“.

Ich sehe allerdings einen entscheidenden Unterschied zu den von Ullrich als Vergleich erwähnten Staats- und Landesbibliotheken. Ein Faktor mag schon die Tatsache sein, dass der Kunst ein pseudo- oder ersatzreligiöser Auftrag nicht nur zugebilligt, sondern für die Gesellschaft insgesamt zugeschrieben wird. Blödsinnig genug. Ich glaube aber nicht, dass es ausschließlich der fehlende oder zumindest differenzierte Kunstcharakter ist, der das Buch – auch als singuläres Objekt – gegenüber dem Museumskunstwerk einen größeren Freiraum gegenüber der Rechtfertigung von Steuerausgaben ermöglicht. Ist es nicht eher die simple Tatsache, dass der Zugang zu einem Buch (in der Regel) lediglich die Fähigkeit des Lesens voraussetzt? Die Fähigkeit des Sehens reicht nämlich (in der Regel) nicht aus, den Zugang zur Mehrzahl der Kunstwerke in einem Museum zu erfassen, Kunst bedarf nicht zwingend einer Vermittlung, aber sie kann und sollte unterstützend tätig sein, sofern das Kunstwerk eine Vermittlung für ein differenziertes Publikum zulässt.

Frau Förster hinterfragt einen wichtigen Aspekt:

„Bedeutet ein niederschwelliger Einstieg also automatisch Trivialisierung und damit die von Ullrich angedrohte Banalität? Und wo fängt Banalität überhaupt an?“

Eine Antwort hatte Wolfgang Ullrich allerdings schon indirekt in seinem Artikel gegeben:

„Kunstvermittler […] sind höchst findig, wenn es darum geht, ihr Publikum dort abzuholen, wo es steht. Nur liefern sie es leider genau dort auch wieder ab.“

Frau Försters Frage war durchaus legitim, Mathematik beginnt schließlich auch mit der denkbar banalen Addition von einstelligen Zahlen, die jeder Mensch schnell und einfach nachvollziehen kann, sie endet aber nicht bei der Subtraktion und auch nicht beim kleinen Einmaleins, sondern in höherer Algebra und theoretischer Physik. Die Banalität offenbart sich tatsächlich nicht in der Höhe der Einstiegsschwelle, wohl aber in der Schwellenhöhe des Ausgangs.

Muss nun aber jeder Mensch einen Zugang zur theoretischen Physik haben? Darf man sich nicht einfach allem verweigern, was über das kleine Einmaleins, Dreisatz, Prozent- und Bruchrechnen hinausgeht, weil man im täglichen Leben ohnehin kaum mehr an Mathewissen benötigt? Angesichts der Tatsache, dass vor allem Geistswissenschaftler diese gesunde Verweigerungshaltung praktizieren und vermutlich (so wie ich) heute grandios an den Mathematikaufgaben der eigenen Abiturprüfung scheitern würden: Warum wird gerade das Verständnis der Kunst auf diese Weise instrumentalisiert?

Es gibt nämlich bei diesem Vergleich noch ein großes Gefälle: die Grundlagen der Mathematik benötigt man für das tägliche Leben, man kann aber problemlos ohne Kunst leben.

Die Entwicklung der Kunstvermittlung sehe ich weniger als Zeichen einer „Sozialdemokratisierung“ von Kunst, wie Ullrich das definiert, sondern eher als Folge einer individualisierten Konsumgesellschaft, die mehr narzisstische als emanzipatorische Züge trägt – Leidtragende sind dann vor allem engagierte Kunstpädagogen, die an den absoluten Bildungsauftrag glauben. Sozialdemokratie (als sie noch eine Existenzberechtigung hatte, ganz weit früher) beinhaltete als Bewegung ursprünglich den emanzipatorischen Willen nach Teilhabe der Lohn- und Fabrikarbeiter an kultureller Bildung, nicht nach Teilhabe an Erstsemester- und AStA-Partys, bzw. „Spaß“ und „Genuss“, wie es der Bundesverband der Museumspädagogen als Teil der Motivation ihrer Zielgruppen formuliert.

Mit der Zielvorgabe, Museumskunst solle alle Menschen erreichen, kann freilich schnell das entstehen, was die Autoren Metz/Seeßlen in ihrem gleichnamigen Buch als „Blödmaschinen“ treffend charakterisiert haben.
Die grundsätzlich zu begrüßende Respektlosigkeit gegenüber herrschaftlichen Kräften, zu der auch die vermeintliche Aura des Kunstwerks oder der Mythos einer Erhabenheit und stillen Größe des Kunstmuseums gehören, hat sich zu einer verbrauchsorientierten Haltung entwickelt. Vor dem Konsum steht bekanntlich immer die Aneignung des zu konsumierenden Objektes. Und da spielt es keine Rolle, ob es sich um Medien, ein Smartphone, Literatur oder Kunst handelt. Im Vordergrund steht aber eben nicht mehr die Intention einer intensiven Beschäftigung oder gar langfristigen Auseinandersetzung.
Man könnte auch kulturpessimistisch formulieren, mit dem schmutzigen Badewasser des Elitarismus, der Herrschaft und der Ausgrenzung ist auch gleich das saubere Kind der emanzipatorischen Potentiale ausgeschüttet worden.

Mit schlechten Zielvorgaben kann es zudem keine guten Lösungswege geben: den Kunstvermittlern mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein bleibt dann nichts anderes übrig, als die Banalisierung erst zu erschaffen, wollen sie nicht einfach und ehrlich vor der Vermittlung mancher Werke kapitulieren. Die Folge ist dann ein echter Catch-22: Kunst muss für ihre Vermittlung bis zu dem Punkt heruntergebrochen werden, an dem sie jeglichen Kunstcharakter verliert.

Genau hier könnte man natürlich auch einmal einhaken mit der ganz blöden Frage, was denn eigentlich so furchtbar daran wäre, würde ein Bild, eine Skulptur oder eine Installation ihren Werkcharakter verlieren? Ist der Verlust nicht ohnehin allgegenwärtig durch Meme und Mash-Ups im Internet? Und was geht da überhaupt veroren, etwa wieder die Aura? Was schert es die Farbschicht, was mit ihrem Abbild geschieht? Ist es verboten, Albrecht Dürer in seinem Selbstportait von 1500 mittels Photoshop ein Hello-Kitty-Gesicht zu verpassen? Wäre es nicht lustig, Cézannes Großen Badenden ein paar schwülstige Najaden von Böcklin hinzuzufügen? Würde das Böcklin etwa auf Cézanne-Niveau aufwerten (neverever)? Und in welchem Kontext, nur im Internet auf den Inseln von tumblr und Pinterest, oder (gottbewahrejesusmaria) auch im Museum? Müsste man sich nicht aber vielleicht zukünftig damit abfinden (nur über meine Leiche!), dass das so kommen könnte? Welches Museum würde heute schon ohne Furcht vor der Einladung des Kulturdezernenten zu einem „ungezwungenen Personalwechselgespräch unter der Brücke“ eine Ausstellung wagen, in der ein weltberühmtes Original von Dürer ungerahmt, aber gut ausgeleuchtet wie ein Modell im Aktsaal zur freien Smartphoneverwertung in einem Vorraum hängen würde, während der ehrwürdige White Cube mit den verrücktesten, lustigsten und kreativsten tumblr-Ausdrucken der Ausstellungsbesucher gefüllt wäre und unter dem Hashtag #duereristinformiert Unmengen an Besucher aus dem Web anzieht? Keines? Aber warum eigentlich nicht?

Banalisierung wäre doch zumindest überall dort legitim, wo sie als alternatives Mittel zur Schaffung neuer Werke fungiert und eine Banalisierung des Werkcharakters lediglich eine mögliche Folge der kreativen Beschäftigung mit diesem Werk darstellt. In diesem Fall wäre Banaliserung nur ein variables Kriterium der Bewertung, denn Kinderzeichnung nach dem Dürer-Selbstbildnis stellen ja nicht unbedingt eine echte Banaliserung dar, ebensowenig eine digitale oder gemalte Collage aus den verschiedenen Versionen der Großen Badenden von Cézanne.

Problematisch wird es jedoch, und da setzt Ullrichs Kritik an, wenn die Banalisierung ungewollt als Selbstzweck dient – nicht als Folge, sondern als billigend in Kauf genommene Grundvoraussetzung der Zielerreichung einer gesellschaftsübergreifenden Kunstvermittlung. Beim Cézanne wäre die simplifizierte Idee, bunte Kugeln, Kegel und Zylinder aus Schaumstoff aufzustellen und kleine, junge oder erwachsene Besucher zu animieren, die Großen Badenden nachzubauen. Die Besucher hätten dann einen schöne halbe Stunde im Museum verbracht, aber dazu hätte die Reproduktion eines x-beliebigen Cézanne-Motivs oder gleich die eines Kubisten als Vorlage ausgereicht. Einen besseren Zugang zu diesem einen Werk der Badenden würden sie aber nicht bekommen.

Es wäre nun unfair und entspräche auch nicht der Realität zahlreicher guter Vermittlungsbeispiele, der Museumspädagogik dieses Vorgehen pauschal zu unterstellen. Eine zu hoch gehängte Zielvorgabe jedoch, die zusätzlich einen moralischen Imperativ zur Selbstverpflichtung der engagiert handelnden Personen verursachen muss, lädt zumindest unbewusst dazu ein, diesen Weg in Betracht zu ziehen.

Neben der Ökonomisierung von Kultur und Alltag ist der zweite und in seiner Tragweite noch größere Einschnitt die Verbreitung des Internets als bislang wichtigste Errungenschaft des Informationszeitalters. Auch wenn immer mehr Museen diese Entwicklung endlich aktiv für ihre Häuser nutzen, wird meiner Ansicht nach diese unwiderrufliche und noch immer in den Kinderschuhen steckende Entwicklung zu selten als Chance für die Kunst und deren Vermittlung gesehen.

Bei einem Klassentreffen vor wenigen Jahren beschrieb einer meiner ehemaligen Lehrer das tatsächliche Problem der verfügbaren Datenmenge für die heutigen Schüler, dieses Angebot nach Relevanz und Anspruch an die Rezipienten zu organisieren. Die Dezentralisierung der Daten als inhärentes Merkmal des Internets bedingt die Abwesenheit einer zentralen und vor allem kompetenten Benutzerführung.

Wenn aber fehlende Benutzerführung und Kompetenz ein zu lösendes Problem darstellt, kann man doch fragen, wer denn für Werke eines Museums eine größere Kompetenz der Informationsbereitstellung und Hilfe bei der Vermittlung besitzen würde als eben dieses Museum?
Weiter darf man dann fragen, warum sich außerhalb der Big Player in der internationalen Museumslandschaft die Aktivitäten und Interaktivitäten der Museen auf oft genug unattraktive, inhaltlich dünne und benutzerunfreundliche Websites beschränken. Das regelmäßig fundiert gefüllte Blog des Städels ist nicht die Regel. Rühmliche Ausnahme bilden auch die spannenden digitale Projekte der Kunsthistorikerin Tanja Praske mit vielen Links und innovativen Ideen zur digitalen Kommunikation und Kulturvermittlung.
Die #paintmuseum-Initiative zum internationalen Museumstag verfolgt ebenfalls einen hochinteressanten Ansatz. Auch wenn die Resonanz an angefertigten Werken meines Erachtens leider noch mager war, wäre es doch fantastisch, wenn unter diesem Hashtag eine dauerhafte Aktion entstehen würde.

Immerhin hat die Demokratisierung der Datenverbreitung per Internet – unabhängig von den immer noch notwendigen Diskussionen zu Eigentumsverhältnissen der Bild- und Urheberrechte – zu einem Lernprozess auch bei Museen geführt. Die Erfindung der Fotografie ist ja gerade einmal nur gut 150 Jahre alt, und schwups – schon ist das Ablichten der Werke in vielen Häusern heute bereits erlaubt, teilweise wird sogar das Fotografieren gefördert. Dennoch trifft man immer wieder auf Kunstmuseen, bei denen noch die Hausrecht-Scharia eines medientechnisch finsteren Kunstkalifats herrscht: Fotografieren verboten !Einself!

Die Verbreitung von Digitalisaten im Internet, die sich den simplen, aber effektiven Baukastenlösungen von Instagram, tumbr oder Pinterest bedienen, hat zu der schon erwähnten Weiterverwertungen wie Meme und Mash-Ups geführt, deren Potential für die Kunstvermittlung die Museen erst seit kurzem entdecken. Im Gegensatz zu früheren Formen der Verwertung wie Zeichnungen oder Gemäldekopien sind es in erster Linie nicht mehr Künstler, die sich der Museumskunst bedienen, sondern in der Mehrzahl Menschen mit Spaß an kreativer Verwertung. Nur die wenigstens von ihnen würden sich als echte Künstler bezeichnen und nur die wenigsten werden Kunstgeschichte studiert haben.

Nur, und diesen Umstand scheinen die Museen noch gar nicht als herausragenden Vorteil wahrgenommen zu haben, besitzt ein Digitalisat keinerlei physischen Werkcharakter. Damit meine ich nicht die viel beschworene Aura des Originals („Tolle Aura!“ „Nein, das ist nur Ektoplasma“), sondern die physische Präsenz eines Objektes in einer bestimmten Größe, bestehend aus Farb- oder sonstiger Materie. Bildschirmfüllend aufgezogen, kann mein 27-Zoll-Monitor maximal ein Bild in der Größe 33 x 59 cm 1:1 abbilden. Für einen kleinen van Goyen reicht es also gerade. Jeder Internetnutzer, der zum ersten Mal vor einem großformatigen Original von Rubens, Velazquez, Monet, Picasso, K.O. Götz oder Richter stand, kennt diesen gravierenden Unterschied bezüglich der Wirkung und subjektiver Bewertungsmöglichkeiten.
Wenn nun also trotz hundert- oder tausendfacher Verbreitung durch das Internet dieses eine Objekt in seinem Wercharakter singulär nur in einem einzigen Museum zu sehen ist und man diesem Museum deshalb die Kompetenz der Vermittlung aller nötigen Informationen auch unkritisch zutrauen kann, warum unternimmt das Museum mit zweifelhaften Aktionen den auch in der freien Wirtschaft extrem schwierigen und langwierigen Umweg, fremde Zielgruppen zu erreichen und zu binden, anstatt beispielsweise genau diejenigen abzuholen, die aus Interesse am Motiv zu den Hunderten oder Tausenden Meme- oder Mash-Up-Verwertern bei tumblr oder Pinterest gehören?

Frau Förster beschreibt die Sinnhaftigkeit ungewohnter und nicht der Information und Aufklärung dienender Kunstvermittlung als

„[…] zentrale Formen der Vermittlung, nämlich Methoden, die die Wahrnehmung im sozialen Miteinander und Austausch intensivieren. Dazu zählt […] aber auch Räume mit Klängen zu bespielen, welches wiederum die Wahrnehmung dieser verändert.“

Vielleicht ermöglicht tatsächlich die Intensivierung der Wahrnehmung im sozialen Miteinander und des Austausches einen alternativen Zugang zu einem Werk, es könnte auch sein, dass eine Raumwahrnehmungsänderung durch Klangbespielung möglich ist. Aus diesem Ineinander von Traum und Gegenwärtigkeit kommen die Bilder. Und das, was da heraufwächst, wird durchblutet von dieser verzweifelten Sinnlichkeit, die der Gegenwurf zu jener tiefen Trauer des Lebendigen um sein Vom-Tod-Umstelltsein ist.

Die letzten beiden Sätze sind ein Zitat Werner Haftmanns über Marino Marini, Quelle: Hans Platschek, Über die Dummheit in der Malerei, S. 35 ff., suhrkamp taschenbuch 1984.

Ja, das war etwas unfair. Das ist mir aber alles etwas zu sehr „Waldorf-Kindergarten tanzt in der Basilika von St. Georg Jonathan Meese“. Offensichtlich gilt Goethes Wort immer noch, dass es „rechte deutsche Art sei, zu einem Gedicht oder anderem Werk den Eingang überall, nur nicht durch die Türe zu suchen“. Wenn die Kunstvermittlung den elitären Umgang mit Kunst überwinden will, sollte sie elitären Umgang und Sprache tunlichst nicht durch Aktionen und Erklärungsversuche ersetzen, die irgendwo in einem auch sprachlich undurchsichtigen Nebel zwischen Schamanismus und Selbsterfahrung zu verorten ist. Man verdeckt die Kunst ansonsten erneut, lediglich das Gewand ändert sich. Mehr noch: je weiter sich die Methoden der Vermittlung inhaltlich vom eigentlichen Werk entfernen, umso größer ist die Gefahr, dass die Methode oder die Aktion als gleichberechtigtes Werk selbstreferenziell eine Parallelwelt schafft, der Besucher also keinesfalls zwingend einen Bezug zum gemeinten Werk herstellt, auch wenn er sich vielleicht inspirierter fühlt oder meint, das Werk nun in mit anderen Augen zu sehen.
Wenn die Kunstvermittlung im Bereich Genuss, Spaß, Freizeitbeschäftigung bereits gegen eine wirtschaftlich mächtige Freizeitindustrie ankämpfen will, sollte sie auf einen zusätzlichen Wettbewerb mit Esoterikzirkeln, Kloster-Retreats und Klangschalentherapien verzichten. In erster Linie nicht, weil der Kampf ohnehin aussichtslos wäre, sondern weil es weder der Kunst gerecht wird, noch den Rezipienten Kunst näherbringen kann.

Wenn hier aber schon die Rede von der emanzipatorischen Idee des guten Lebens die Rede, muss akzeptiert werden, wenn ein Besucher ein Werk nicht versteht. Jeder hat ein Grundrecht auf Unwissenheit und Desinteresse. Dazu gehört auch, dass dieser Besucher seine poetischen Momente vergessen und zum Museumspädagogen sagen darf: „Alda, find‘ ich trozdem scheiße.“ Er muss das sagen dürfen, ohne einen neuen Vortrag zu erhalten und ohne böse Blicke von der kulturell durchgeglühten Museums- und Bildungsbürgerentourage. Im Zweifel steht leider immer noch Baudelaire neben dem Museumseingang, der mit erhobenem Zeigefinger auf die fulminanten Fehlurteile des „Figaro“ bezüglich der Impressionisten verweist. Baudelaire stand da allerdings auch, als Serge Poliakoff, Georges Mathieu oder Bernard Buffet gefeiert wurden.

Bedenklich finde ich, dass der Bundesverband der Museumspädagogen e.V. in seinen Qualitätskriterien eine Zielgruppendefinition präsentiert, die überhaupt keine ist. Alle Menschen sind keine Zielgruppe. Die Beliebigkeit des „everybody’s darling“ funktioniert nicht in der freien Wirtschaft, sie kann auch nicht im kulturellen Bereich funktionieren. Es gibt eine große Zahl von Menschen, die sich nicht für Kunst interessieren, angesichts drängender Fragen der Welt könnte man das doch einfach akzeptieren, sofern diejenigen, die sich für Kunst interessieren, dennoch einen ausreichenden Zugang erhalten. Es ist legitim und gut, denjenigen, von denen man ausgehen könnte, dass sie sich auf Grund bestimmter Parameter für Kunst interessieren könnten, entsprechende Angebote zu machen. Gerade Museumskunst sollte aber auch frei und unabhängig von der Vereinnahmung durch ihre besten Freunde bleiben, denn ein Angebot, das aus einem wo auch immer verorteten Sendungsbewusstsein gespeist wird, birgt mehr Risiken als Chancen. Wo wären angesichts der von Ullrich aufgezählten Beispiele aktueller Vermittlungstendenzen die Grenze erreicht?

Was würde beispielsweise eine von der Politik wärmstens empfohlene PR-Agentur angesichts des Ankaufs eines Whistlers veranstalten oder zumindest anraten? Ein überaus erfolgreiches „Nocturne-Event für kreative Nachtschwärmer“ vielleicht? Ein quotenträchtiges Ereignis für Jung und Alt und alle Gesellschaftsschichten, inklusive Malkurs bei Kerzenschein, dem Selfie-Wettbewerb „Gesichter der Nacht“, Bierwurst-Schnittchen mit dem Konterfei von Whistler, einer Lichtinstallation „Nocturne & Light“, einem Feuerwerk auf dem Museumsvorplatz, das am Ende Pyro-Portraits von Whistler und Ruskin an den Himmel zaubert, dazu abwechselnde Händel-Interpretationen der örtlichen Death-Metal-Band und dem Hegering-Jagdbläserchor? Das Museum wäre  – zwar nur an diesem einen Tag, aber immerhin quotenfördernd – bestens besucht, die Lokalpresse voll des Lobes und die Verantwortlichen in der Politik zufrieden.

Genug Polemik. Ich selbst finde gute Kunstvermittlung fantastisch und wichtig. Ich entstamme einem sogenannten gutbürgerlichen, aber kunstfernen Elternhaus – außer man würde Dürers betende Hände als Relief irgendwo an einer freien Flurwand als kunstnah bezeichnen. Anfang der 1980er Jahre hätte ich bei den ersten Schritten in die Kunst und auf der Suche nach Informationen über die Kunst vermutlich selbst die schrägsten Vermittlungsaktionen dankbar angenommen (wir hatten ja nüscht).

Es gibt zahlreiche hochinteressante Konzepte der Vermittlung: kreative Mitmachaktionen für Besucher, das Spiel mit Materialien und Motiven, Hintergrundinformationen, die über eine trockene schulische Datenvermittlung weit hinausgehen. Ich finde es auch klasse, in einer Dauerausstellung Kinderbilder oder Werke von Besuchern zu sehen, die in solche Aktionen eingebunden waren und so ihre eigene Sicht auf eine Epoche, ein Werk oder deren Wirkung nicht nur für die Dauer dieser Aktion für sich, sondern auch konserviert für andere Besucher einbringen konnten. Diese Artefakte der Interaktion können genauso inspirieren und ein interessantes, neues Licht auf ein Werk bieten wie Zitate, Studien oder die verwendeten Farben auf der Palette des Künstlers. Zu diesem Dialog zwischen Besucher und Museum gehören auch restauratorische Ergebnisse. Was in internationalen Ausstellungskatalogen seit Jahrzehnten Standard ist, wird im deutschsprachigen Raum immer noch stiefmütterlich behandelt: Materialien und Methoden bei Restaurierungsprojekten, und die museumseigenen Werkstätten verfügen über massenweise und auch für Besucher jeder Altersklasse perfekt aufzubereitendes Foto- und Werkmaterial. Das alles wird heutzutage teilweise zum Glück einbezogen und hier gäbe es auch unendlich viele Ansatzpunkte zu den digitalen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts für einen sinnvollen, stets an die Kompetenz und die Kunst des Museums gebundenen, aber eben auch außerhalb des Museums funktionierenden Dialog.

Alles sollte gehen, solange der Kontext zum Werk erhalten bleibt und die Vermittlung dem Kunstwerk auf eine unterstützend gestaltende Art folgt und die Besucher vielleicht inspiriert und ermutigt, selbst etwas zu tun: nachdenken, sich aufregen, kreativ werden, sich amüsieren, lachen oder sogar auf einer der Bänke sanft einschlafen.
Wäre Sullivans „form follows function“ nicht auch dafür eine gute Handlungsanweisung?

Ich persönlich würde mir ja wünschen, dass Museumsdirektoren, Kuratoren, Kunstvermittler, Kunstkritiker, Kunstwissenschaftler, Künstler und Kunstliebhaber viel intensiver gemeinsam agieren und sich darüberhinaus engagieren, in der gemeinsamen und in der politischen Auseinandersetzung, mit persönlichen Statements, in Artikeln, Blogs und sozialen Medien. Warum nicht auch als Kampfansage, wenn es nötig ist: Für ein nicht erpressbares Selbstbestimmungsrecht der Kunst, die sich jeder Fremdvereinnahmung und jeder Ökonomisierung entziehen darf, frei in der Verwertung, aber frei von Vereinnahmung, nur sich selbst verpflichtet und ansonsten bar aller Rechtfertigungszwänge. Und vielleicht noch für einen entspannten Umgang mit Kunst, die das bleiben darf, was sie ist: Kunst, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Zum Abschluss kein Wetter, dafür gute Antworten zur Kunstfrage in 5:40.

Edit: Durch den Pingback (1. Kommentar) habe ich gerade entdeckt, dass Tanja Praske eine ellenlange Liste mit interessanten Links zu dem Thema gesammelt hat. Großartig.

5 Gedanken zu „Kunst: verwaltet, vermittelt, verwertet … Fragezeichen?

  1. Pingback: Kunstvermittlung: schuldig pro Banalisierung der Kunst? #Lesetipp

  2. Tanja Praske

    Lieber Nils,

    wow … ein inhaltgeladener Artikel, der sich tatsächlich nicht einfach so herunterlesen oder scannen lässt, da viele, für die Kunstvermittlung wichtige Punkte drin stehen. Danke für die Erwähnung. Das freut mich sehr!

    Die Kritik am Gießkannenprinzip „ein Vermittlungsformat für alle“ funktioniert tatsächlich nicht, in der Wirtschaft, aber auch in der Museumswelt nicht. Das haben Amerikaner, Engländer, Niederländer und Skandinavier schon längst mitbekommen. Es wird für eine bestimmte Dialoggruppe Appetithappen geboten. Darum geht es, Vertiefungsebenen können weiterführen, sofern denn der Besucher das möchte – „snackable Content“ ist der neumodische Begriff dafür. Fürs Museum macht das Prinzip Sinn, wenn sie das nicht als reines Marketing begreifen, sondern als Chance, die Menschen an die Kunst heranzuführen und zwar nach deren Bereitschaft.

    Remixes finde icht total klasse. Musste hier sofort an die Projekte von @mSanderhoff, aber auch ganz aktuell an den Louvre denken. Die engagierten den ehemaligen Frontsänger, will.i.am der Black Eyed Peas, der ein Lied über das Lächeln der Mona Lisa herausbrachte. Hier schlüpfte er in historische Gemälde hinein – wunderbar!

    Kinder im Museum ist auch so eine Sache. Hier gibt es wunderbare Projekte. Ganz aktuell machte das Ägyptische Museum in München aus der Not eine Tugend: Statt ein Theaterstück einzuüben, realisierten sie ein Youtube – Rollenspiel über Ramses – grandios: https://arbabat.wordpress.com/2016/05/26/frust-ideen-kreativitaet-pfingstferienaktion-im-museum/
    Als ich mit meiner Kleinen einen Familienworkshop im Lenbachhaus besuchten, kurze Führung durch die Sammlung mit Lieblingsbild auswählen und die Formprinzipien Klees zu Papier bringen mit anschließender Ölpause im Atelier, war ich später baff, was sie zu Hause malte: http://www.tanjapraske.de/kinder-kultur/familienworkshop-im-lenbachhaus-klees-oelpause/

    Danke für den Denkstoff! Meine Studenten planen im 27.6.16 um 13:00 etwas spannendes im Netz und in der Residenz München. Dazu später mehr.

    Herzlich,
    Tanja

    P.S.: Natürlich ist dein Blogpost in meiner Übersicht zur Banalisierungs-Diskussion aufgenommen: http://www.tanjapraske.de/wissen/diskussion/kunstvermittlung-schuldig-pro-banalisierung-der-kunst-lesetipp/

    Antworten
    1. Nils Pooker Artikelautor

      Liebe Tanja,
      vielen Dank für dein Lob und vor allem für die weiterführenden Infos und Links.
      Das Theaterstück (erinnert ein bisschen an klassisches Papiertheater, nur mit Legofiguren) ist wirklich großartig. Und was Deine Kurzen da gezaubert haben ist auch wunderschön 🙂

      Gruß
      Nils

      Antworten
    1. Nils Pooker Artikelautor

      Lieber Herr Soemers,

      vielen Dank für den Link, sehr interessant, das werde ich mir später in Ruhe durchlesen.

      Gruß
      Nils Pooker

      Antworten

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