Europa und die Ideen von Humanismus und Liberalismus

Beitrag zur Blogparade „Europa ist für mich …“ | #SalonEuropa

Der Aufstieg Europas als Weltmacht beruhte auf der anthropozentrischen Idee des Humanismus mit dem Individuum als gesellschaftlich konstituierendes Merkmal. Der „Denker im Dienst“ Bazon Brock spricht vom Beginn einer Autorität durch Autorschaft anhand des ersten Künstlerstreites um die Türen des Florentiner Baptisteriums zwischen Ghiberti und Brunelleschi zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Diese Idee wird bis heute widergespiegelt in der (zumindest theoretisch) verbrieften Freiheit von Kunst und Wissenschaft, also von der Freiheit gleichgesinnter und gleichberechtigter Akteure. Brock weist auf den kulturalistisch bedingten Umstand hin, dass Begriffe wie Individuum oder freie Kunst keine semantische Entsprechung in vielen außereuropäischen Kulturen haben.

Humanismus und der Aufstieg des Kapitalismus

Während die Idee einer zentralen, göttlichen Ordnung und Vorhersehung jegliche Individualität obsolet machte, ja sogar als Häresie bewertet werden konnte, die anhand brennender Scheiterhaufen individueller Querdenker auch ausreichend belegt ist, führte die Individualisierung von Teilen der europäischen Gesellschaften im Laufe der folgenden Jahrhunderte zu einer Machtverschiebung in Richtung Bürgertum, aus der sich später nicht nur der Liberalismus und die Aufklärung rekrutierte, sondern vor allem der Kapitalismus. Die jenseitigen Heilsversprechen einer allumfassenden, göttlichen Ordnung wichen den individualisierten und kapitalisierten Heilsversprechen, die noch zu Lebzeiten eingelöst werden konnten. Aus den Handelsmetropolen Italiens des 15. Jahrhunderts sind uns nicht nur signierte Werke und Namen individueller und von Fürstenhäusern umworbener Künstler überliefert, dort entstand auch der Scheck in seiner heutigen Form. Als Stück Papier hat ein Scheck im Gegensatz zur Edelmetallmünze keinerlei eigenen Material- oder Gebrauchswert. Während der geprägte Kopf des gottgleichen oder von Gott legitimierten Herrschers für den Tauschwert der Edelmetallmünze einstand, war der Scheck das Versprechen eines Individuums, für den auf dem Papier schriftlich festgelegten Wert einzustehen – auch hier spielten Stand, Herkunft und Macht keine Rolle mehr, sondern ebenfalls nur eine Form der Autorschaft durch die Unterschrift.

Aus dem Humanismus leitete sich in Verbindung mit dem Fortschrittsgedanken die Idee des Liberalismus ab, dessen bis heute bekannteste Freiheitsversprechen lautet, jeder sei seines Glückes Schmied. Gern wird übersehen, dass der Liberalismus anfangs vor allem eine Kooperation aus überkommenen und nicht mehr zeitgemäßen Herrschaftsautoritäten mit der wirtschaftlichen Herrschaft fortschrittlicher Industrien bildete. Für uns ist heute wichtig und selbstverständlich, dass es innerhalb der europäischen Nationalstaaten einheitliche Regelungen für gesellschaftlich relevante Lebensbereiche gibt. Die Grundlagen der Rechtsprechung in Flensburg sind identisch mit denen in Passau, Köln oder Dresden. Ähnliches gilt für die Zeitmessung. Während bis zum 15. Jahrhundert die einzigen Uhren an ausgesuchten Kirchtürmen zu finden waren, deren Stundenzeitangabe nach der Regel „Pi mal Daumen mal Könntestimmen“ geeicht waren und mehr als ausreichten, galt seit 1884 die Zeit am Nullmeridian in Greenwich als einheitliches und vereinheitlichendes Maß, das vor allem den Notwendigkeiten von festgelegten Regeln für Schichtbeginn, Mittagspause und Feierabend in den Industriestädten geschuldet war.

Vom Humanismus zum Humankapital

Aus den vermeintlich im Mittelpunkt stehenden Individuen wurden zunehmend die „vereinzelten Einzelnen“, wie Karl Marx das bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erkannte. Deren Freiheit hatte nicht mehr viel mit dem Freiheits- und Autoritätsbegriff des ursprünglichen Humanismus zu tun. Nicht nur Künstler und Wissenschaftler müssen ihre Waren und Leistungen und damit ihre Haut zu Markte tragen, mittlerweile wird das zunehmend auch von Kulturinstitutionen verlangt, die ursprünglich unter einem Allmende-Gedanken und frei von Verwertungszwängen geschaffen wurden. Die in Deutschland sogar grundgesetzlich verankerte Freiheit von Kunst und Wissenschaft reduziert sich im realen Dasein oft nur auf die Freiheit bei der Suche nach interessengesteuerten Finanzierungsquellen und aus dem Versprechen und der Freiheit, nach Glück zu streben, ist längst ein überlebensnotwendiger Imperativ geworden. Der Begriff „Humankapital“, 2004 noch Unwort des Jahres, hat 14 Jahre später jegliche negative Konnotation verloren, auf dem freien Markt gilt für jedes Individuum wie für jede Institution Thatchers neoliberales Vermächtnis, sie kenne keine Gesellschaft, sie kenne nur Individuen.

Vielleicht ist es deshalb weniger überraschend, dass für zahlreiche Individuen nicht mehr die Selbstverständlichkeiten, Fortschritte und ein nie dagewesener stofflicher Reichtum als positive Folge des europäischen Liberalismus zählen und sie stattdessen nach einer einfachen übergeordneten Instanz der eigenen Identität suchen, frei von jedem Wandel oder ständigen Veränderungen innerhalb eines schmalen, aber berechenbaren Rahmens. Zwar hat die Kirche als Identifikationsrahmen ausgedient – obwohl selbst das kulturalistische Narrativ eines „christlichen Abendlandes“ wieder fröhliche Urstände feiert –, dafür werden mit Nation oder gar Volk radikal-regressive Konstrukte aus der Schublade gezogen und als Gegenmodelle zu den Ideen und Idealen der Freiheitsbegriffe in Stellung gebracht. Dass diese Vertreter ihre Meinung aber nur auf Grund der seit 600 Jahren erkämpften Autorität durch Autorschaft über Soziale Netzwerke, am Stammtisch, auf Parteitagen und sogar in demokratisch gewählten Parlamenten äußern können, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Die Krise des Liberalismus

Vor allem die Vertreter einer „Festung Europa“ schreiben und reden angesichts der Flüchtenden aus Afrika und dem Nahen Osten gern von Wirtschaftsflüchtlingen, von deren Unfähigkeit zu eigenem Fortschritt und Wachstum, oder von der Undankbarkeit angesichts der Modernisierungen durch die Kolonisierung, aber sie lesen oder hören nur ungern Geschichten über den Preis, den diese Länder zahlen mussten in Form von ausgerotteten, unterdrückten, versklavten oder ausgebeuteten Völkern rund um den Globus und von der Tatsache, dass es einer Festung nie bedurfte. Die europäischen Außengrenzen waren bis auf wenige Scharmützel mit dem ebenfalls imperial-expansiven Eroberungsstreben des Osmanischen Reiches stets offen, damit die Handelsschiffe für den Transport verwertbarer Bodenschätze, Arbeitskräfte und billiger Waren immer freie Fahrt über die Weltmeere hatten. Museumskunst kolonialer Provenienz, zu Recht Gegenstand aktueller Diskussionen, bilden nur die vergleichsweisen harmlosen Artefakte dieser unrühmlichen europäischen Tradition. Wer hingegen woanders eine Festung bauen wollte – und sei es nur zum Schutz der eigenen Bodenschätze, des Lands oder der Bevölkerung, bekam bewaffneten Besuch von den europäischen Mächten, gefolgt von Unterhändlern mit unterschriftsreifen Knebelverträgen mit Wiedergutmachungsforderungen. Um das Selbstverständnis des modernen Chinas etwas besser zu verstehen, reicht beispielsweise eine kurze Recherche zum sogenannten Opium-Krieg.

Die Ideen des Humanismus und Liberalismus hinterließen noch weitere blinde Flecken, die erst seit kurzem ins Bewusstsein geraten. Dass ich im zweiten Absatz die „Individualisierung von Teilen der europäischen Gesellschaften“ erwähnte, ist vermutlich kaum jemanden aufgefallen. Tatsächlich galt die anfangs zitierte Autorität durch Autorschaft nur für einen kleinen Teil der europäischen Gesellschaften, und die war männlich, weiß und frei. Für Frauen, Bauern oder gar Leibeigene gab es auch in den folgenden Jahrhunderten weiterhin keine Autoritätsansprüche, die nicht von der jeweils herrschenden Klasse legitimiert wurden. Daran änderte sich auch im Long Century des 19. Jahrhunderts nicht viel, die ausgeschlossenen Akteure waren dann die Sklaven (die es auch in und vor allem für Europa gab und auf den Zuckerrohrplantagen für billigen Zucker sorgten) oder die Fabrikarbeiter, zu denen anfangs auch Kinder gehörten. Von der Kapitalverwertung abgespalten blieb auch im 19.  und bis weit ins 20. Jahrhundert die Arbeit von Frauen, solange es sich um die ihnen seit der Antike zugedachte häusliche Tätigkeiten handelte. Ohne diese Tätigkeiten wäre selbst der ach so freie und in seiner Selbstwahrnehmung gleichberechtigte, liberale Laden innerhalb weniger Jahre zusammengebrochen.

Während seit dem Niedergang des Fordismus in den 1980er Jahren nahezu alle, teilweise hart erkämpften Rechte europäischer Sozialstaaten sukzessive aufgeweicht oder in Frage gestellt werden, änderte sich für das Selbstverständnis der weißen, männlichen Führungsschicht nur wenig. Groß ist jetzt das weltfremde Unverständnis und die wohlfeile Empörung genau dieser Eliten angesichts der MeToo-Debatten und deren Konsequenzen. Ich halte es deshalb auch für falsch, das ständige Eliten-Bashing regressiver Kräfte als Grund zur Verteidigung dieser Eliten zu betrachten. Kritik von der falschen Seite darf Kritik per se nicht tabuisieren, unabhängig davon, dass es (anthropologisch bedingt) immer eine Form von Eliten geben wird und vermutlich geben muss, die bestimmte legislative Aufgaben innerhalb von menschlichen Gesellschaften übernehmen.

Fehlt mir auch die Fantasie, mir einen „Verein freier Menschen“ in naher Zukunft vorzustellen, von denen emanzipatorisch eingestellte Marxisten so gern reden, so halte ich ein „Weiter so“ als Festhalten an diesen bestehenden Verhältnissen für ebenso brandgefährlich wie die undifferenzierte Kritik eines vermeintlichen „Brüsseler Regulierungswahn“.

Europa als Idee und Baustelle

Was also ist Europa für mich? Zunächst einmal das gleiche wie der Humanismus und der Liberalismus: eine Idee. An dieser Idee ist nichts Naturgegebenes, das sich wissenschaftlich beweisen oder falsifizieren ließe. Das ist aber nicht weiter schlimm oder an sich kritikwürdig. Weil es aber eine Idee ist, wünschte ich mir, dass man sie auch so behandelt. Das Europa von heute ist eine Folge endloser Kriege mit unzähligen Toten, von dem im Blogpost nicht einmal die Rede war. Dass sich diese Idee von Europa durchgesetzt hat, so wie die Ideen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten, brauchte es Engagement von Menschen, die an diese Idee glaubten. Ja, Europa hat mehr mit einem Glaubensbekenntnis zu tun als mit einem Naturgesetz. Im Gegensatz zu einer Religion muss sich diese Idee aber immer wieder der Diskussion stellen. Es ginge dabei weniger um die Interpretation von festgelegten Gesetzen, Zielen und Werten, sondern um das Hinterfragen und kritisieren von Selbstverständlichkeiten, die sich subtil, unbewusst und über bestimmte Zeiträume bilden.

Dazu gehört ebenso das Selbstverständnis, Europa mit ihrer Geschichte nicht als Blaupause für die Welt zu nehmen und angesichts eigener Auflösungsrisiken und erstarkendem regressiven Nationalismus nicht mit dem Finger auf die USA zu zeigen. Dazu gehört für mich aber auch die Notwendigkeit, in einer ohnehin total globalisierten Welt Europa als Teil dieser Welt zu sehen und nicht als Maß.

Kritik im klassischen Sinne der differenzierten Auseinandersetzung bleibt für mich die Notwendigkeit im Umgang mit dem europäischen Gedanken. Zu tun gibt’s noch genug und das wird nur gemeinsam im globalen Kontext gelingen.

Kunst: verwaltet, vermittelt, verwertet … Fragezeichen?

Vor gut einem Jahr, im März 2015, erschien in der ZEIT ein Artikel des Kunstwissenschaftlers Prof. Dr. Wolfgang Ullrich mit dem Titel „Stoppt die Banalisierung“ zum Thema Museumspädagogik in Kunstmuseen. Ich bin erst vor wenigen Tagen über ein Blog darauf aufmerksam geworden. In einem anderen Blog antwortete Lisa-Katharina Förster mit dem interessanten Artikel „Wem gehört die Kunst?“, zu dem es dann eine rege Diskussion gab, an der sich auch Ullrich beteiligte.

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Rezension: „Falsche Bilder – Echtes Geld“

Stefan Koldehoff und Tobias Timm erzählen in ihrem Buch „Falsche Bilder – Echtes Geld“ nicht nur die Geschichte des Fälschungsskandals um Wolfgang Beltracchi und seiner Entourage, sie nehmen jeden Faden auf, der fein gestrickt bis in die kleinsten Maschen des Kunsthandels reicht, sie beleuchten die Praxis gängiger Expertisenbeschaffung und dokumentieren detailliert die Mängel einer Branche, die im Jahr 2012 international 43 Milliarden Euro umgesetzt hat. Vor allem belegen sie die Tatsache, dass ein Kunstwerk im Moment seiner Merkantilisierung zu einer austauschbaren Ware innerhalb eines Marktes wird, der nur den Gesetzen von Angebot, Nachfrage und Wertschöpfung gehorcht.

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