Kunst der Massen, Kunst der Eliten

Ein Unbehagen geht um im gehobenen Bildungsbürgertum. In den Bibliotheken wird darüber gesprochen, ein Flüstern in Lese- und Musikzimmern, lautstarke Proteste in den Westkurven der Museums-Cafés, Diskussionen während einer Vernissage. Überall scheint er gegenwärtig zu sein, der Geschmacksgulag der Massen: Leonardos Gioconda auf Untersetzern für Schnapsgläser, Raffaels sixtinische Putten auf Schanayas Schlabberlätzchen, Impressionisten auf den Skatkarten der Dorfkneipe und Picassos blauer Harlekin auf dem Gäste-WC der Reingungskraft – ganz zu schweigen von der Gossifizierung der Kunst bei IKEA und in den Baumärkten. Im Fernsehen wartet gar der Leibhaftige mit Minipli höchstersönlich auf die armen Seelen, Bob Ross als Endloswiederholung in Farbe, und so etwas hätte es früher ja nicht gegeben.

Was sich hier – etwas unfair, das ist wahr – wie die übertriebene Darstellung eines narzistisch gewürzten Hochmuts liest, beruht auf dem verbreiteten Unverständnis kulturell gebildeter Menschen gegenüber den unterschiedlichen Auffassungen zum Begriff Kunst innerhalb der Gesellschaft.

Erkenntnisse und Urteilsbildung

„Die Kernaussage des radikalen Konstruktivismus ist, dass eine Wahrnehmung kein Abbild einer bewusstseinsunabhängigen Realität liefert, sondern […] immer eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung darstellt. Deshalb ist Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von wahrgenommenem (konstruiertem) Bild und Realität unmöglich; jede Wahrnehmung ist vollständig subjektiv.“

Es stimmt schon, derart früh aus Wikipedia zu zitierten ist fast immer ein sicheres Zeichen für den Beginn eines belanglosen Textes. Hier soll das Zitat dagegen als Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Kunsturteile und deren Vermittlung dienen. Bevor Missverständnisse auftreten: der radikale Konstruktivismus bezeichnet nicht die gemalten Quadrate eines Herrn Malewitsch, sondern einen Zweig der Erkenntnistheorie, der nicht nur eine Erklärung zu den Ursachen unterschiedlicher Kunstauffassungen bietet, sondern auch  Grenzen und Wege der Kunstvermittlung.

Im täglichen Leben, das neben unserer Wahrnehmung der alltäglichen Welt auch die Wahrnehmung von Kunst beinhaltet, gehen wir davon aus, die Welt sei identisch mit dem Bild, das wir von ihr haben. Der radikale Konstruktivismus konstatiert die Unmöglichkeit, Realität zu erkennen, da Realität nichts anderes ist als ein von Sinneswahrnehmungen, Denkleistungen und Erfahrungen geschaffenes Konstrukt. Konstruktivisten sprechen daher auch von der „operationalen Geschlossenheit“ unseres Erkentnissystems.

Der Weg zu Erkenntnissen führt über die Methode der Unterscheidung. Aus den Erkenntnisse bilden wir wiederum Urteile, die damit ebenfalls keinen Anspruch auf absolute Wahrheiten erheben könnten. Zu diesen Gegensatzpaaren gehören natürlich auch die qualitativen Begriffe „gut“ und „schlecht“. Und damit sind wir schon bei den Urteilen über Kunst und Nichtkunst.

Das unbefangene Auge

Das immer wieder und gern beschworene „unbefangene Auge“ ist schon als Begriff falsch, da das Auge lediglich ein Organ darstellt, dessen weitergeleitete Reize vom Gehirn verarbeitet werden. Sehen ist außerdem ein Lernprozess. Da die gewonnenen Erkenntnisse von den bereits vorhandenen Erkenntnissen abhängig sind und auf ihnen aufbauen, kann man auch nicht vom unbefangenen Blick reden, erst recht nicht, wenn aus diesen Erkenntnissen Urteile abgeleitet werden: Das persönliche Kunsturteil ist nichts anderes als das Ergebnis subjektiver Gehirnakrobatik.

Mit diesen kurzen Beispielen wird auch offensichtlich, dass sich das Geistige in der Kunst vielleicht im Kopf von Herrn Kandinsky so abgespielt haben mag, wie er es auf die Leinwand brachte, aber nicht unbedingt in anderen Köpfen.

Der befangene Betrachter

Es spielt damit eine entscheidende Rolle, welchen Hintergrund ein Kunstbetrachter und Kunstbeurteilender schon vorher als Betrachter und Urteilender hatte. Natürlich denkt man dabei sofort an das Fachpublikum mit geschultem Auge, die anhand ihrer Kunsterkenntnisse und Kunsturteile Konversation treiben. Vordergründig, um sich über die Aspekte der Kunst auszutauschen, hintergründig vor allem, um in der Gemeinschaft mit den Mitteln des Fachwissens und des Fachvokabulars zu schwatzen und zu glänzen.

Der Austausch, mehr der Worte denn der Gedanken, scheint ohnehin die Königsklasse der menschlichen Kommunikation zu sein. Man möge mir gern das Gegenteil meiner These beweisen, dass ich nämlich die Fähigkeit zur Sprache eben nicht auf Grund der anatomischen Gegebenheiten für eine typisch menschliche Fähigkeit halte, sondern als logische Folge einer gezielten Auslese der Evolution, in deren Verlauf sich stets nur die an den anatomische Voraussetzungen für ausdauernde Geschwätzigkeit perfekt angepassten Kehlkopfträger gleichzeitig auch als perfekte Erbgutträger durchgesetzt haben, während die stillen Denker genau wie die Albinos eher unbeliebte und allenfalls als Kuriosität tolerierte Mutationen eine fortlaufende Randnotiz darstellen, deshalb auch der Spruch über das Gold des Schweigens lediglich ein moralinsaures Alibi für den weitaus beliebteren Tratsch im Höhleneingang ist, beziehungsweise später im Treppenhaus. Ich entstamme, falls es noch nicht aufgefallen sein sollte, selbst einer derart tüchtigen Linie, die sich gegenüber potentiellen Paarungspartnerinnen und -partnern durch endlose Monologe unwiderstehlich machte, vermutlich schon im Neandertal, das ja bekanntermaßen in direkter Nähe zum fast schon uralten Galeriestandort Düsseldorf liegt. Die mögliche, wenn nicht gar zwingend erscheinende Kausalität zwischen dem Geschwätz im Neandertal und den Konversationen in Düsseldorfer Galerien wurde wissenschaftlich bisher nicht ausreichend gewürdigt oder gar untersucht.

Galeriegespräche

Höchste Würden der Akzeptanz konnte ich als junger Mann auf Vernissagen inmitten der andächtig auf die Bilder blickenden Gemeinschaft eingeschworener Kunstliebhaber stets mit der Bemerkung erzielen, das Blau (oder Ocker oder Rot, je nach erkennbarer Farbgebung) sei überwältigend in seiner Wirkung, die ich so nur in einem Tempel in Knossos erfahren hätte.

Die mit heftigem Kopfnicken und anerkennenden Blicken untermauerte Bewunderung meiner Auffassungsgabe änderte nichts an der Tatsache, dass ich Knossos und überhaupt Kreta als Reiseziele bislang nie besuchte und ich nicht einmal weiss, ob es dort überhaupt einen Tempel gab oder gibt, der dann noch Reste einer antiken Farbe aufweisen müsste, um meine Egriffenheit glaubhaft erscheinen zu lassen.

Um Glaubhaftigkeit geht es bei der Betrachtung von und den Austausch über Kunst auch nicht. Eher um den unerschütterlichen Glauben an die Kunst, in der Art, dass sich eine mit religiösen oder spiritistischen Vereinigungen vergleichbare Interessengruppe in ihrem Heiligtum zu einer ihrer Séancen trifft, um mit festen Ritualen einem Gebetsaustauschs zu huldigen. Wie bei allen Götzendiensten besteht auch dieser aus dem Einzug der im Glauben verbundenen Gemeinschaft in den Tempel, der Predigt einer durch kunstkritische Ehren dazu berufenen und autorisierten Person, verschiedenen – „Rahmenprgramm“ genannten – Ritualen, nur dass anstatt einem gemeinsamen Absingen von Kirchenliedern gehobene Konversation gepflegt wird, zum Beispiel über das Blau/Ocker/Rot im Bild/Tempel/Denken von Künstler/Stil/Knossos. Wie beim Gottesdienst ist auch hier das Abendmahl der rituelle Höhepunkt, nur dass statt billigem Rotwein und Oblaten guter Sekt und leckere Canapés gereicht werden.

Wenn von gehobener Konversation die Rede ist, sind damit keine Gespräche über ein neues Regalsystem im aktuellen IKEA-Katalog oder über die vergangene Ausstellung der Malklasse einer Volkshochschule gemeint. Auf diese Schlussfolgerung könnte man freilich entgegnen: stimmt schon, aber warum ist das so? Warum wird der Begriff Kultur eng mit Musik, Literatur und Kunst jenseits der Unterhaltungsbranche in Verbindung gebracht, und woher kommt dieses Urteil?

Herr A. hat es gern realistisch, für ihn sind Dürer, Rembrandt und Caspar David Friedrich die wahren Künstler: Kunst kommt von Können, auf Bildern erwartet er etwas Bekanntes, etwas, das er wieder erkennt. Herr A. besucht keine Galerie und er gehört zur Mehrheit der Gesellschaft. Bezüglich der Wahrnehmung und Erkenntnisbildung von Kunst gibt es allerdings überraschende Unschärfen.

Herr A. als Anhänger des Naturalismus muss nicht zwingend den ordinären Realismus eines Bob Ross mögen. Herr A. kann durchaus auch mit Jawlensky, Kandinsky und Picasso leben. Nicht etwa, weil er die Bilder versteht oder verstehen will, sondern weil er erfahren hat, dass nach allgemeiner, durch Medien verbreiterer Auffassung diese Maler große Künstler sein müssen, beziehungsweise zu sein haben. Briefmarken, Werbegrafiken, IKEA- und Baumarkt-Poster, Berichte in der Tagesschau: das alles ist Teil seiner Wahrnehmung und seiner Bildung, wenn auch ungefragt vermittelt. Qualitativ spielen diese Erkenntnisse für sein Kunsturteil allerdings keine größere Rolle als die ebenso massenmedial vermittelten Erkenntnisse über Kriege, Krisen und Katastrophen im fernen Ausland. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass der auf Bilder spuckende Besucher längst dem achselzuckenden Desinteressierten gewichen ist und Möchtegernskandalkünstler gesellschaftliche Tabubrüche als Kunstaktion deklarieren, um überhaupt mit dem Thema Kunst in Verbindung gebracht zu werden.

Bildung der Elite und Elitenbildung

Dass eine oft schon seit der Kindheit von „Hochkultur“ geprägte Gesellschaftsschicht ihre eigenen Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Urteile als Maßstab nehmen und diese eher mit anderen Mitgliedern der gebildeten Gesellschaftsschicht teilen als mit Bob-Ross-Fans, ist ebenso eine Binse wie die Tatsache, dass hier auch der Umkehrschluss für die Freunde von Bob Ross gilt. Das Umfeld bestimmt die Möglichkeiten der kulturellen Bildung. Herr A. wird ohne ein derartiges Umfeld weiterhin nur den Naturalismus in seinem Kunsturteil zulassen.

Dass es anders herum jedoch auch nicht besser läuft, zeigen die Beispiele aus dem „Sozialistischen Realismus“. Der idealistisch motivierte Versuch, eine gesellschaftlich relevante und für alle Mitglieder der Gesellschaft zugängliche Kunst zu fördern, führte zu einem formal und inhaltlich banalen Realismus, der qualitativ irgendwo zwischen röhrendem Hirschen und Werbeplakat zu verorten ist. Die gut gemeinte, aber zum Scheitern verurteilte Instrumentalisierung der Kunst zum Zweck eines gesellschaftspolitischen Bildungsauftrag konnte natürlich nur über den kleinsten gemeinsamen Nenner in Form- und Stilfragen erfolgen. Auch hier korrelieren die geschlossenen Ordnungssysteme des Einzelnen – und damit die Kontingenz der Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Urteile – mit dem ideologisch verbrämten Mythos einer Massenkunst, die von Bildsprachen westlicher Werbeplakate kaum zu unterscheiden sind.

Die seit Jahrzehnten steigenden Besucherzahlen von großen Retrsopektiven und Themenausstellungen könnten immerhin nahelegen, dass Kunst und Kultur ein allgemein hohes Qualitätsniveau in unserer Gesellschaft erreicht haben. Tatsächlich garantieren nur die üblichen Verdächtigen große Besucherströme bei Ausstellungen, also die großen Namen der Kunstgeschichte, die allerdings innerhalb der Medienrezeption schon eine kritische Masse ihrer Präsenz erreicht haben müssen, um für volle Häuser, Cafés und Shops garantieren zu können, also schon durch IKEA, Bierdeckel, Schlabberlätzchen und Kalender der Apotheke als bekannt vorausgesetzt werden können.

Wie sag ich’s aber Herrn A. und dem Heer der Ahnungslosen?  Zunächst gilt es festzuhalten, dass es weitaus dringendere Probleme als eine angemessene und sinnvolle Kunstvermittlung gibt. Kunst, da können Kulturschaffende erzählen, was sie wollen, hat gesellschaftlich noch nie etwas verändert. Bestenfalls hat sie es geschafft, Veränderungen zu unterstützen, und das nicht immer nur zum Besten. In der Regel war es eher umgekehrt: gesellschaftliche Veränderungen haben die Kunst, ihre Rezeption und ihr Selbstverständnis verändert. Es ist also kein Drama und schon gar keine kulturelle Katastrophe, wenn sich Menschen einen bunten Hundertwasser-Druck aus dem Baumarkt an die Wand hängen. Das sagt eher etwas über die marktwirtschaftlichen Regeln, Mechanismen und Folgen aus, die nicht nur für Großkonzerne gelten, sondern auch für die Kultur innerhalb eines marktwirtschaftlich orientierten Wertesystems.

Gute Kunst, schlechte Kunst?

Kunst und Kultur sind ein Merkmal und fester Bestandteil unseres menschlichen Daseins. Die Vermittlung, auch in den Schulen, ist gut beraten, nicht nur das einzufordern und wiederzukäuen, was eine Elite, was Kunstbücher, was Ausstellungen und was Massenmedien als scheinbar gegebene Erkenntnisse und Urteile zur Kunst präsentieren.

Wenn, wie am Anfang des ersten Teils dargestellt, jede Erkenntnis und jedes Urteil auf dem geschlossenen Ordnungssystem des Einzelnen beruht, kann die Vermittlung von Kunst nur greifen, wenn sie die subjektiven Erkenntnisse als Grundlage akzeptiert. Und da Erkenntnisse wie Urteile auf subjektiven Operationen beruhen, sind kurzes Innehalten und ein paar zusätzliche Gedankengänge sinnvoll, bevor man ein Kunsturteil als „richtig“ oder als „falsch“ bezeichnet.

Zu einer ehrlichen Kunstvermittlung  gehört auch die Offenheit zuzugeben, dass Kunstgeschichte keine exakte Wissenschaft ist und dass sie das noch nie sein konnte. Falsche Kunsturteile, die sich sogar im Auf und Ab der merkantilen Bewertungen im Laufe der Jahrhunderte widerspiegeln, gehören ebenso zur Kunstvermittlung wie die Hervorhebung zumindest mehrheitsfähiger Merkmale großer Kunst. Das, was ich im Schulunterricht als Kunst vermittelt bekam, hat dazu geführt, dieses Fach trotz meines offensichtlich vorhandenen Grundtalents so schnell es ging abzuwählen; nicht einmal die Möglichkeit einer bequemen Verbesserung des Zensurendurchschnitts konnte mich halten. Wenige Monate später begann ich zu zeichnen. Meine Erfahrungen sind, das weiss ich von anderen Grafikern, Designern und Künstlern, keine Ausnahme.

Es gilt also, die Menschen bei Ihrem Kunstverständnis abzuholen, auch wenn das im Fall von Herrn A. ein Wald mit röhrenden Hirschen ist. In der Galerie oder während einer Performance braucht niemand auf Herrn A. zu warten. Und wenn ich an vielen Stellen auch den Eindruck erweckt haben könnte: es geht eben nicht darum, Erkenntnisse mit Spott zu zerstören, sondern darum, neue Differenzierungen zu ermöglichen, aus denen sich erst neue Erkenntnisse und neue Urteile bilden können.

Die Hoffnung ist trügerisch, solange die Medien mit ihrer Strategie Erfolg haben, das Volk mit dem Bequemen zu Beglücken. Volksmusik, Schlagerwettbewerbe, Groschenheftchen, Talkshows, Quiz-Sendungen und sogenannte Comedy; man kann das Verblödungsstrategie nennen, Konsum der Beliebigkeit oder Kommerzkunst. Man kann das auch als Kultur bezeichnen. Angesichts der gegen Null gehenden gesellschaftlichen Relevanz ist es jedoch vollkommen egal, ob man für Musil, Beethoven und Picasso Partei ergreift oder eher für Konsalik, Rex Gildo und Bob Ross.

Die Hoffnung gebe ich trotzdem nicht auf.

Ein Gedanke zu „Kunst der Massen, Kunst der Eliten

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