1981-1984: Ich mache dann mal was mit Ölfarben

Kunst fesselte mich schon als kleines Kind, ich habe ständig mit Buntstiften gezeichnet. Zuhause begann ich schon als 12-Jähriger, die großen Maler aus den Abbildungen der Kunstbuchsammlung meiner Eltern abzuzeichnen. In der Schule wurden meine Bilder oft ausgestellt, im Kunstunterricht bekam ich fast immer eine Eins. Der Schritt zur Ölmalerei war da nur logisch.

Ja, solche Geschichten hört und liest man gern von Menschen, die dann später natürlich irgendwas mit Kunst machen.
Nein, bei mir war das viel profaner.

Ich freute mich zwar jede Woche auf das Fehlersuchspiel „Original und Fälschung“ ganz hinten in der Hörzu, aber sonst war die Umgebung meiner Kindheit und Jugend weitgehend kunstbefreit. Wir hatten keine Gemälde oder Kunstdrucke an den Wänden, meine Eltern hatten keine Kunstbuchsammlung und waren auch nicht mit kulturell durchgeglühten Menschen befreundet.

Später wurde in der Familie sogar überlegt, ob ich diese Veranlagung (hört sich nach Krankheit an) von einem Vetter meines Großvaters irgendwie und jenseits aller Mendelschen Gesetze dann eben doch mitbekommen haben könnte. Der war nicht nur Kapitän, sondern auch Kunstmaler. Das einzige echte Ölbild in der Familie stammte von ihm und hing über dem Sofa im Wohnzimmer meiner Oma. Etwas kitschig, aber gut gemalt und immer noch weit entfernt vom Alpenglühen aus dem Kaufhaus: die untergehende Sonne steht am Horizont, Wolken zeigen eine violette Färbung, der Himmel leuchtet gelb, orange und rot, zwei Schiffe sind bei ruhiger See auf dem Weg zurück in einen heimatlichen Hafen, das Strandufer ist noch zu sehen. Mein Opa hatte das Bild so in Auftrag gegeben und es war Teil der Erinnerungen an Ostfriesland, wo ich meistens die Ferien verbrachte.

Vielleicht reichten bei mir schon das Gemälde und die Abbildungen in der Fernsehzeitschrift, aber es gab da noch diese eine bis heute im Bewusstsein haftende Negativerinnerung. Das war noch in der Grundschulzeit, 1974 oder ein Jahr später. Im Nachhinein bin ich überzeugt, meine ansonsten liebevolle und wunderbare Klassenlehrerin hatte damals einfach nur einen sehr schlechten Tag. Wir sollten einen Baum malen. Ich malte ihn etwas unmotiviert und gelangweilt so, wie ich ihn schon in der ersten Klasse gemalt hatte: ein Stamm mit sichtbaren Wurzeln und Äste, die wie reingesteckt oben aus dem Stamm ragten. Sie kam an meinen Tisch, blickte auf mein Bild und sah mich verärgert an. „So malt man keinen Baum“, dann griff sie meinen Wachsmalstift und übermalte mein Bild mit ein paar raschen Strichen. Es sah danach tatsächlich viel mehr nach einem Baum aus. Ich war mit einem Schlag und für viele Jahre fest davon überzeugt, dass mir jegliche Begabung für die Kunst fehlen würde. Über erlernte Konventionen in der bildnerischer Gestaltung oder die Art und Weise, wie man die Illusion der Wirklichkeit erzielen kann, wusste ich noch nichts. Das Thema Kunst war erstmal gegessen. Später war ich zwar gut im Kunstunterricht, sogar sehr gut, einige Sachen machten mir auch Spaß, aber ich war nicht annähernd so daran interessiert wie an Deutsch oder Geschichte. Irgendwann konnten wir Kunst abwählen, ich wählte es sofort ab. Kurioserweise fing ich zu genau jener Zeit mit dem privaten Zeichnen an.

1980, ich war 15, begann ich mit den ersten Bleistiftzeichnungen. Zuerst nach einem alten Foto. Dann folgten Kalenderblätter mit historischen Ansichten der ostfriesischen Heimat meiner Eltern. Alte Bauerngehöfte aus dem 18. und 19. Jahrhundert, umgeben von Heuhaufen und einigen von Stürmen gebeutelten Bäumen in einer platten Landschaft. Weihnachten 1980 bekam ich neben einer Feldstaffelei meine ersten Kunstbücher geschenkt. Eine Taschenbuchreihe „Die großen Meister der Malerei“ aus dem Verlag Ullstein. Ich war überglücklich und zeichnete begeistert Gemälde von Dürer, Holbein, Rubens und Rembrandt ab.

Meine Eltern sahen zu Beginn des Jahres 1981 das Programm der lokalen Volkshochschule und wollten mir mit der Anmeldung zu einem Zeichenkurs eine Freude machen. Leicht verspätet öffnete ich einige Wochen später mit Federtasche und Zeichenblock bewaffnet die Tür zur vermeintlichen Zeichenklasse. An den Tischen saßen überwiegend ältere Damen und ein paar wenige Herren, die alle eifrig Tischstaffeleien aufbauten. Ich war mit größtmöglichem Abstand der jüngste Teilnehmer und hatte das sichere Gefühl, technisch völlig unzureichend ausgestattet zu sein. Der Dozent war auch ein älteres Semester, ein Kriegsversehrter mit nur einem Arm. Als ich sah, dass ein Teilnehmer einen Holzkasten mit bunten Farbtuben auf den Tisch legte, wandte ich mich noch einmal an den Dozenten.
„Das ist doch hier die Zeichenklasse?“
„Nein, heute beginnt wieder der Ölmalkurs, Zeichnen war gestern. Setz‘ dich einfach da an den Tisch.“
Ein Zahlendreher in der Kursanmeldung war die Ursache. Ein Glücksfall.

Mit 15 oder 16 hält sich die Anerkennung von Leistungen alter Menschen bekanntlich in engen Grenzen, ich war an jenem Abend fasziniert von den Ölbildern und von den Ergebnissen, die diese älteren Damen und Herren da auf ihre Ölmalblöcke und Leinwände zauberten. Das war etwas völlig anderes als die elendigen Deckfarben aus der Schule, das war eine völlig neue Welt und die wollte ich unbedingt beschreiten. Das erste Ölfarben-Set erhielt ich gleich vom einarmigen Dozenten, zusammen mit zwei Pinseln, einem Fläschchen Terpentinöl und einen Ölmalblock. Er hatte für Neulinge immer einen Vorrat dabei.

Vorrat war auch bei den älteren Damen angesagt: sie hatten ganze Mappen voller Motive als Malvorlagen, sorgfältig ausgeschnittene Kalenderblätter und vorwiegend Landschaften, aber das passte mir. Sicherheitshalber wählte ich aus dem Kalenderblätterfundus einer Frau ein einfaches Motiv, eine Ansicht von Hallig Hooge. Nicht so schön wie eine mögliche Vorlage von Opas Vetter, dem malenden Kapitän, aber immerhin was Norddeutsches, mit Wasser und mit Friesenhäusern, wenn auch keine Ostfriesischen.

So entstand bis zum Ende des Kurses mein erstes Ölbild, und ich war damals mächtig stolz:

Ölbild Hallig Hooge

Erstlingswerke sieht man nicht so oft, hier sieht man auch, warum. Natürlich war alles gequälte Alla-Prima-Malerei. Ohnehin die denkbar schlechteste und bezüglich Tonwertkontrolle und Farbharmonie schwierigste aller Maltechniken, aber was anderes lernte man damals schon nicht mehr.

Für mein zweites Ölbild nahm ich erneut den Ausschnitt aus einem Kalenderblatt. Nach dem in meinen Augen fulminanten Start übersprudelnder Genialität durfte es nun etwas schwierigeres sein als zwei schnöde Häuser, der Dom zu Limburg an der Lahn war genau richtig und anspruchsvoller als eine Halligpostkarte. Über ein halbes Jahr habe ich dann an diesem Bild gearbeitet. Nicht täglich, aber regelmäßig. Die Volkshochschule bereitete 1982 eine Sommerausstellung vor, ich verpasste dem Bild deshalb einen Schlussfirnis. Ich hatte gelesen, dass das erst nach einem Jahr passieren durfte, aber das war mir egal. Dann stellte ich das Bild in pralle Sonne, damit es auch schön schnell trocknete. Tat es auch. Und der Firnis ist bereits nach 30 Jahren schön vergilbt:

Ölbild Limburg an der Lahn

Als ich im Herbst 1982 zum neuen Semester mein Meisterwerk vorzeigte, gab es auch eine neue Dozentin an der VHS. Sie hatte natürlich Recht, meine Arbeit erinnerte sehr stark an Fotorealismus. Mit dem Schwung einer Primadonna, der ihren knallvioletten Schal durch die Luft wirbeln ließ, drehte sie sich um und blickte in die Runde der gespannt auf das Urteil wartenden Teilnehmer. „Also, mein Stil ist sowas ja nicht.“ Damit hatte sie bei mir natürlich gleich verloren. „Locker werden, etwas wagen und mit vollem, breitem Pinselstrich und kräftigen Farben malen, aus sich raus kommen“, das war ihr Rat, und alles am besten in Aquarell. Kunst vor 1900 war für sie natürlich kein Thema, davon hatte sie noch weniger Ahnung als ich mit meinen bescheidenen, aber von guten Autoren geschriebenen Ullstein-Taschenbüchern. Caspar David Friedrich hielt sie schon mal gleich für Kitsch. Emil Nolde und andere Expressionisten, das sollten unsere Vorbilder sein.

Ich nahm mir damals den Rat zu Herzen und malte drauflos. Bunte, wilde Aquarelle. So wie Schmidt-Rottluff, Hallig Hooge in knallbunt. Die Dozentin war begeistert. Ich nicht. Als ohnehin unruhiges Naturell mit Hang zur Tagträumerei erschienen mir die Ergebnisse viel zu wild und gerade deshalb zu beliebig. Als Kind war ich ein Zappelphilipp, das musste nicht erneut kultiviert werden. Nolde ist für mich bis heute eh ein Beispiel für die falsche Erhabenheit der Natur, Nordsee auf Speed und Warften auf Crystal Meth. Plakativ getoppt wird er nur noch von Schmidt-Rottluff, der Bob Ross unter den Expressionisten.

1983 wollte ich wieder was in Öl machen. Und ich dachte in meinem Größenwahn, Rembrandt, das kann ich auch. Ich nahm mir also das Taschenbuch und wählte gleich die erste Farbabbildung mit dem Motiv „Der alte Tobias (Tobis) und seine Frau mit dem Lamm“. Rembrandt war 18, als er das Bild malte, das war ich 1983 auch. Wär‘ doch gelacht …

Kaum ein Ölgemälde war je so frustrierend wie meine erste Kopie. Ich hatte keine Ahnung von Untermalungen, ich wusste nicht, wie Rembrandt seine Bilder anlegte (oder hatte es im Buch nicht genau nachgelesen). Ich versuchte stattdessen, das Motiv Stück für Stück in Alla-Prima-Malweise auf das glatte Ölmalpapier zu bekommen. Das musste ja schief gehen:

Rembrandt, "Der alte Tobias und seine Frau"Kopie nach Rembrandt


Mein kläglicher Versuch einer Kopie ist das ideale Objekt, um daraus einen Beitrag zu den maltechnischen Problemem von Anfängern in der Ölmalerei zu schreiben, die alles nur mit dem direkten Farbauftrag erreichen wollen und an der Aufgabe scheitern.

1984 war ich fest entschlossen, Kunst zu studieren. Habe ich (wie so vieles andere) nicht gemacht, spielt hier aber keine Rolle. Ich malte spaßeshalber noch einmal Limburg, ein ähnliches Kalenderblatt war mir durch Zufall in die Hände gefallen. Ich wollte kein halbes Jahr mehr investieren, sondern nur zwei Stunden:

Limburg an der Lahn

2 Gedanken zu „1981-1984: Ich mache dann mal was mit Ölfarben

  1. Benedikt

    Hallo!
    Danke für den Einblick in Ihre Anfänge als Maler! Man muss sich ja immer wieder erinnern, dass jeder einmal anfängt.
    Sie erwähnen in dem Artikel, dass die alla prima Technik die denkbar schlechteste für den Beginner ist. Ich möchte auch mit dem Malen in Öl anfangen. Können Sie mir sagen, welche Technik am besten geeignet ist und aus welchem Buch ich sie lernen kann?
    Ihren Artikel über die Bücher zur Ölmalerei habe ich gelesen. Dort wird das Buch „Ölmalerei“ von Kurt Wehlte empfohlen. Kann ich diesem Werk vielleicht entnehmen, mit welcher Technik ich beginnen kann?

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    1. Nils Pooker Artikelautor

      Ja, das kleine Buch von Wehlte ist ein sehr guter Einstieg, dort werden verschiedene Herangehensweisen an eine technisch gute Schichtenmalerei vorgestellt, die sich meiner Ansicht nach am besten für Anfänger in der Ölmalerei eignen.
      Verwenden Sie gute Farben von Blockx, Schmincke, Old Holland oder Michael Harding. Eine gute Möglichkeit ist es, nach der Vorzeichnung mit hartem Bleistift oder weichem Farbstift die Linien mit feinem Pinsel in schwarzer oder dunkelbrauner Acrylfarbe nachzuziehen.
      Danach übermalen Sie die gesamte Bildfläche – ebenfalls mittels gut verdünnter Acrylfarbe – mit einer lasierenden Siena Natur, so, dass die Vorzeichnung noch sichtbar bleibt. Damit haben Sie erstens die Form vorgegeben, zweitens einen hellen, einheitlichen Mittelton zwischen höchstem Weiss und tiefstem Schwarz.
      Anschließend legen Sie mit mittlerem Pinsel das Lokalkolorit an, verzetteln Sie sich nicht in Details, es geht um grundsätzliche Anlage der Farb- und Tonwerte. Arbeiten Sie halbdeckend, der Siena-Ton kann noch durchscheinen. Nehmen Sie auch dafür schnell trocknende Acrylfarbe, ansonsten müssten Sie sehr lange bis zur Durchtrocknung der Ölfarbschichten warten und bezüglich Malmittel zuviel beachten.
      Die bisherige Arbeit können Sie je nach Motivkomplexität in wenigen Stunden durchführen.
      Erst danach sollten Sie zu Ölfarben greifen. Nun können Sie das Bild wie in der alla prima-Technik vollenden, also vom Hintergrund zum Vordergrund ausarbeiten. Da aber schon Formen und grundsätzliche Farbgebung vorhanden sind, können Sie sich dabei auf die reine Ausarbeitung konzentrieren.

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