Bob Ross: Kunst als „happy little accident“

Wenn es darum geht, wie man Farben aus der Tube auf eine Leinwand bringen kann, wie man eine Landschaft malen oder wie man Malerei überhaupt lernen soll, taucht aus dem Ozean der Antworten, Diskussionen und Erörterungen irgendwann und unweigerlich auch der Name Bob Ross auf.

Die Reaktionen auf die Nennung des Namens als differenziert zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Für viele Hobbykünstler ist er ein Messias mit der frohen Botschaft: Malerei als Paradies auf Erden, frei von Fehlern und frei vom zerfressendem Fegefeuer künstlerischer Selbstzweifel. Für andere Hobbykünstler ist er gerade deshalb eher ein Voldemort der Malerei, da reicht ein lapidares „happy little clouds“ als Synomym für „Du-weisst-schon-wer“, in Foren oder Gesprächen begleitet von Sarkasmus.

Die Frage „Was halten Sie denn von Bob Ross?“ verursacht bei ernsthaften Kunst- und Kulturschaffenden blankes Entsetzen, als würde man einen kurz vor der Rente stehenden Vier-Sterne-Koch fragen, ob er sein Restaurant nicht einfach an Ronald McDonald übertragen könne.

Warum Bob Ross?

Die Motivation für diesen und den vorherigen Beitrag war die Frage bei Facebook, was ich denn von Bob Ross halten würde, die ich mit einem „Grau-En-Haft!“ beantwortet hatte, nicht ohne Ankündigung, eine ausführliche Erläuterung zu schreiben. Ich löse hier also ein Versprechen ein.

In meinem Beitrag „Kunst der Massen, Kunst der Eliten“ habe ich versucht, die Bedeutung der subjektiven Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Urteile für den Kunstbegriff hervorzuheben und zu erläutern. Bob Ross wurde dort bereits erwähnt und kommt nicht besonders gut weg, aber die Freunde der kleinen fröhlichen Wolken müssen zugeben, dass ich meine Abneigung zugunsten einer möglichst wertfreien Erörterung nicht hervorgehoben habe.

Bob-Ross Malerei: ein schönes Hobby? Ja, bestimmt. Selbstgemaltes als Alternative zu Selbstgebasteltem? Warum nicht. Zur Abwechslung keine Mini-Tonis aus Blumentöpchen bauen, sondern nach Anleitung ein paar schöne Bilder malen? Nur zu.

Bob Ross ist ein Maler, der Menschen auf der Suche nach einer Freizeitbeschäftigung an die Staffelei bringt. Er versteht es zu motivieren und zeigt eine Maltechnik, die schnell und ohne Vorkenntnisse erlernt werden kann.

Mit Kunst hat das aber nichts zu tun. Und das nicht nur, weil Kunst nichts mit Freizeitbeschäftigung zu tun hat. Das, was da auf die Leinwand gebracht und vom Unternehmen Bob Ross Inc. für gutes Geld vermarktet wird, ist selbst unter größten Qualen jeglicher Kompromissbereitschaft bestenfalls als anleitungsbewährte Hobbymalerei zu bezeichnen. Den Marktteilnehmern ist das freilich egal. Bob Ross ist dank einer raffinierten Marketingstrategie nicht nur eine Art Promi für seine Anhänger und Freunde, er ist auch ein wichtiger Garant für gute Umsätze in der Kreativ- und Bastelbranche.

Klar ist nur: selbst in der bescheidensten Provinzgalerie haben er und seine Epigonen nichts zu suchen, außer, es werden dort fairerweise auch Salzteig-, Fymo- und Mini-Toni-Künstler ausgestellt. Bob Ross ist in der Kunst das, was die Groschenheftchen in der Literatur sind: der kurze, schnelle Konsum des kleinen Glücks. Das darf, das soll er auch bleiben.

Einspruch und Verteidigung

Es gibt durchaus stichhaltige und gute Argumente für Bob Ross, die liegen allerdings jenseits dessen, was mit dem Begriff Kunst in Verbindung gebracht wird. Betrachtet man sich die Videos, so ist dem Mann mit Riesenpalette und Minipli-Frisur eine gewisse meditativ-einlullende Qualität nicht abzusprechen. Im Gegensatz zu den Neujahrsansprachen deutscher Regierungschefs vermag Bob Ross aber zu inspirieren. Die Entstehung einer Winter- Sonnenuntergangs- oder Berglandschaft wird den ärgsten Pessimisten für die Dauer der Sendung Frieden mit der Welt schließen lassen. Die schönste und für mich überzeugendste Legitimation stammt von einer Webentwicklerin als Kommentar zur Facebook-Diskussion:

„Für mich ist Bob Ross Inspiration beim Kochen. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, wenn du Knobi magst, nimm ein bisschen mehr davon, wenn nicht, lass ihn weg. Es ist dein Essen, es gibt beim Kochen keine Fehler, nur happy little accidents. Wenn du magst, darf hier ein Sträußchen Petersilie wohnen. Oder zwei.“

Herrlich. Die Ankündigung einer Rezeptesammlung in ihrem Blog unter einer Rubrik „Happy little recipes“ werde ich mit großem Interesse weiter verfolgen. Damit genug der Verteidigung.

So schön bunt hier!

Kunstwissenschaft mag zwar keine exakte Wissenschaft sein, aber mit Geschmack hat Kunst auch nichts zu tun, anderenfalls könnte man die Geschichte gemalter Bilder in bedeutende Geschmackskunst und unbedeutende Nichtgeschmackskunst unterteilen. Das Ergebnis wäre furchtbar. Bob Ross‘ Erfolge setzen aber ein Bildersehen voraus, das sich in der Zeit, als er mit seiner Malerei an die Öffentlichkeit trat, als Kunstauffassung in allen Gesellschaftsschichten längst durchgesetzt hatte. Was er daraus machte, war eine Malerei der kleinsten gemeinsamen Nenner von gespeicherten Bildwahrnehmungen – bezogen auf seine Motivwahl also das, was uns zum Thema Winterlandschaft, Sonnenuntergang, Berge, Wald, Blumen und Natur allgemein in den Sinn kommt, beziehungsweise deren typische Attribute.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts, spätestens aber seit der Romantik zu Beginn des 19. begann sich das Selbstverständnis der Kunst von der reinen handwerklichen Technik der Naturnachahmung zu trennen. Schon bei Gainsborough, spätestens bei Constable und in der stärksten Ausprägung bei Turner wird das deutlich (die hier verlinkten Texte sind wie der gesamte Blog übrigens immer wieder eine virtuelle Reise wert). Was zunächst als Gefühlsausdruck begann, entwickelte sich im weiteren 19. Jahrhundert zur endgültigen Trennung der Technik vom Sujet. Das Eigenleben des Farbmaterials wurde Teil des künstlerischen Ausdrucks. Am Ende dieser Entwicklung steht die klassische Moderne.

Gemälde von Turner

J. M. William Turner: “ Quillebeuf, an der Mündung der Seine“, 1833

Die Bilderflut der Medien, mit der wir täglich konfrontiert werden, hat sich dieser klassischen Moderne schon vor Jahrzehnten angenommen und ihre Bildsprache massentauglich gemacht, vorwiegend zu merkantilen Zwecken. Impressionisten und Neoimpressionisten gehören mit ihrer starken Farbigkeit und dem sichtbaren Pinselduktus schon lange und in allen Gesellschaftsschichten zu den erlernten Sehgewohnheiten.

Man kann auch sagen: was schon aus der Welt der Plakate, der Werbeanzeigen oder des Produktdesigns bekannt war und dann als Kunst aus dem Baumarkt ins Wohn-, Schlaf- oder Kinderzimmer wanderte, war nicht mehr an an eine selbsternannte kulturelle Elite gebunden, sondern entsprach einem gesellschaftlichen Konsens bezüglich des Begriffes Kunst. Dieser Konsens, zu dem Monet, van Gogh oder Franz Marc gehörte, war die Grundlage und Voraussetzung für die Massentauglichkeit von Bob Ross. Das gilt gleichermaßen für die Sujets seiner Bilder, für die Nass-in-Nass-Technik und für die Didaktik seiner Malkurse.

Die Erhabenheit der Landschaft

Unabhängig davon, dass die Technik von Bob Ross nur bestimmte Sujets zulässt, basieren gerade die stimmungsvoll-bonbonsüßen Landschaften nicht nur auf Motiven der Postkartenidylle, sondern auch auf den Traditionen der sogenannten „Hudson-River-School„, vor allem aus dem Repertoire von Albert Bierstadt und Frederic Edwin Church.

Die europäischen Romantiker sahen die Landschaft vorwiegend als Metapher für das Göttliche, in das der Mensch mit seinen Nöten und Hoffnungen eingebunden war. Die etwas jüngere amerikanische Kunst des 19. Jahrhunderts geht einher mit der Eroberung des Westens. Zusammen mit der Überzeugung, ein gelobtes Land gefunden zu haben, erhielt „God’s own country“ in der Landschaftsmalerei neben der religiösen auch eine national-patriotische Komponente.

US-amerikanische Flagge als Abendhimmel

Frederic Edwin Church (zugeschr.): „Our flagg in the sky“, 1861

Während der Mensch in der Malerei von Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus oder Johann Christian Clausen Dahl eine Relevanz behält, sind viele Landschaften der Hudson River School menschenleer. Die Landschaft selbst wird zum Synonym für den amerikanischen Traum: eine Nation unter Gott. Nationalstolz und Patriotismus, das stimmt schon, waren auch den Romantikern nicht unbekannt. Das gilt besonders für William Turner und Friedrich malte angesichts der Befreiungskriege und den Enttäuschungen der anschließenden Restauration ein melancholisches Gemälde mit dem Titel „Huttens Grab„. Doch weder ihm noch Turner wäre es in den Sinn gekommen, eine Flagge bildfüllend als patriotischen Abendhimmel darzustellen, wie es (vermutlich) Frederic Edwin Church 1861 getan hat.

Nicht umsonst spielt die Religiosität auch bei Ross eine große Rolle, der seine Zuschauer am Ende fast jeder Sendung mit einem „God bless, my friend“ verabschiedet.

Unabhängig von der Behandlung des Malmaterials ist vor allem die starke Farbigkeit seiner Nachschöpfungen im Vergleich zu den Originalen der Hudson River School auffällig. Diese Farbigkeit beruht auf den bereits erwähnten, etablierten Sehgewohnheiten des Massenpublikums. Bob Ross überträgt also die impressionistische und neoimpressionistische Behandlung des Malmaterials auf alte Bildtraditionen. Man kann das bereits mit ein paar simplen Arbeitsgängen mittels Photoshop simulieren: nicht bei der Sättigung sparen, noch ein wenig Preussischblau, zuletzt ein paar fröhliche Hervorhebungen: Voilà!

Albert Bierstaedt

Albert Bierstadt, Bergszene, ca. 1879

Gemälde von Albert Bierstadt, bearbeitet mit Photoshop

Albert Bierstadt, bearbeitet mit Photoshop

Zur Perfektion dieser Bildauffassung brachte es freilich ein anderer US-amerikanischer Maler, der für seine Bilder länger als 25 Minuten benötigte, den Kitschfaktor damit aber auch bis ins Schmerzhafteste potenzierte. Thomas Kinkade brachte das auf die Leinwand, was wir bislang nur während der alljährlichen, laut Einzelhandel im September beginnenden Adventszeit auf zahllosen Lebkuchenverpackungen, Schokoladenkalendern und Weihnachtskarten als Motive ertragen mussten.

2-Zoll-Pinsel und Spachtel

Bob Ross hat seine Maltechnik nicht erfunden. Gelernt hat er sie von William „Bill“ Alexander (1915-1997), einen gebürtigem Deutschen, der am Ende des Krieges in die USA auswanderte, dort diese Technik entwickelte und schon vor Bob Ross mittels Fernsehaufnahmen populär machte.

Grundlage ist eine auf den Effekt fokussierten Technik, die Bilder werden in einem Arbeitsgang fertiggestellt. Vorzeichnungen kommen nur bei wenigen Motiven zum Einsatz, Untermalungen dienen nur bei den „Wildlife“-Motiven als zusätzliche Hilfe. Die bei ihm als Nass-in-Nass-Technik bezeichnete Alla-Prima-Technik ist ihrer Natur nach die anspruchsvollste Methode, da der Maler nicht nur den Hell-Dunkel-Tonwert, sondern auch den Farbton genau treffen muss. Meister dieser Technik waren beispielsweise Adolph von Menzel oder Wilhelm Leibl.

Ross gibt bezüglich des Malmaterials deshalb genaue Vorgaben, um die Hobbymaler nicht verzweifeln zu lassen. Maximal drei Farbtöne werden für einzelne Bildbereiche gemischt, auf feine Differenzierungen muss verzichtet werden. Die Technik dient nur dem Zweck, das Motiv im Sinne des Betrachters eindeutig wiederzugeben. Dieser Aha-Effekt lässt den Werdegang zum Endergebnis vollkommen in den Hintergrund treten. Genau das ist freilich gewollt und bekannt: die Kaufhauskunst muffiger Möbelhäuser zeigte in den 70er und 80er Jahren zahllose halb nackte Südländerinnen, trinkende Mönche, Berglandschaften oder bunte Blumen. Eine möglichst effektvolle Darstellung von Bekanntem ist das Ziel, man darf auch sagen: der Knalleffekt.

Mit Genie, Wundern oder Mysterien hat diese Malerei nichts zu tun, eher mit erlernten Handgriffen, die, das muss man schon zugeben, für die leichte Nachvollziehbarkeit sorgfältig erarbeitet sind. Unsere Wahrnehmung kann gar nicht anders, als beispielsweise einige mit dem Spachtel schräg gesetzte Titanweissflächen auf aneinandergereihten dunkelblauen Dreiecken vor einem hellblauen Hintergrund als den schneebedeckten Gebirgskamm wahrzunehmen. Der Betrachter glaubt an ein Wunder oder zumindest an ein großes Talent des Schöpfers, dabei ist es nichts anderes als eine altbekannte und jederzeit reproduzierbare Wirkung von Farben und Tonwerten. Die Knalleffekte des Spachtels machten auch Oskar Mulley bekannt, der wohl mehr Berglandschaften malte als Malewitsch schwarze Quadrate.

Fünfundzwanzig

Den großen Erfolg von Bob Ross nur auf eine gute Marketingstrategie reduzieren zu wollen, wäre kurzsichtig und realitätsfern. Erfolgreich ist Bob Ross vor allem deshalb, weil er jedem, der ihm folgen möchte, eine Garantie bietet: die Garantie, dass jeder schöne Bilder malen kann, ohne Vorwissen und ohne jahrelange Übung. Und er zeigt es Schritt für Schritt in zahlreichen Videos auf den Fernsehbildschirmen zuhause, in den Bastelstübchen und zahllosen Hobbymärkten: 25 Minuten für ein Meisterwerk. Bob Ross erfüllt in seinen Videos den Wunsch eines jedes Hobbyisten, der nach schnellen und einfachen Lösungen sucht. Er ist damit zum Schutzpatron der Instant-Gesellschaft geworden, die Fachwissen, Kunstfertigkeit und vermeintliche Meisterschaft mit dem geringstmöglichen Aufwand, also in kürzestmöglicher Zeit erreichen möchte.

Befolgt man seine Anleitung ohne Abweichungen, ist es wirklich einfach, Motiv, Stil und Technik genau zu kopieren. Ich habe das spaßeshalber getan, und tatsächlich sah mein Bild fast genauso aus wie das Ergebnis aus der Fernsehsendung. Zumindest so lange, bis es entsorgt war.

Man kann auch sagen, Bob Ross‘ Maltechnik ist ein Trick. Die Jünger und Anhänger von Bob Ross betonen stets, dass die Technik nicht mit Malen nach Zahlen zu vergleichen ist. Von der Hand zu weisen ist diese Kritik nicht. Vergleichbar ist die Technik der festen Regeln aber mit den Tricks von Schnellmalern, denen noch immer der Applaus eines Medienspektakels sicher ist:

Technische Konventionen und Kunst

Anleitungen für die Malerei sind keine Erfindung von Bob Ross. Vorlagenbücher gab es schon zu Beginn der Neuzeit, selbst bei Rembrandt lassen sich derartige Konventionen rekonstruieren. Auch der Naturalismus der griechischen Antike beruht nicht ausschließlich auf einem immer genauerem Naturstudium, sondern ebenso auf der stetigen Weiterentwicklung tradierter Darstellungsnormen, an deren Ende erst die perfekte Mimesis, die Nachahmung der Natur, stand.

Wenn nun sogar Dürer, Rembrandt und Rubens nach überlieferten Konventionen zur Umsetzung bildnerischer Aufgaben und figurativer Elemente gearbeitet haben, was spricht dann gegen Bob Ross als Künstler und gegen seine Konventionen als Kunst?

Die Antwort ist leicht: Für einen Künstler sind Techniken und Normen unverbindliche Wege zum Ziel und damit nur Mittel zum Zweck. Große Künstler haben sich nicht nur verschiedener Konventionen bedient und ihre Maltechnik beherrscht, sie haben diese Techniken und Konventionen völlig individuell, frei und immer den Erfordernissen ihrer Motive und Bildaussage entsprechend eingesetzt.

Für Bob Ross und seine Anhänger ist die Technik nicht nur die Grundlage, sondern fester Bestandteil des Motivs. Jede Landschaft ist an eine bestimmte, festgelegte Technik gebunden. Unerfahrene Hobbymaler scheitern unweigerlich, wenn sie versuchen, ein Portrait oder ein nicht im Bob-Ross-Repertoire vorhandenes Motiv nach dieser Methode umzusetzen. Die Individualität des künstlerischen Ausdrucks und der eingesetzten Technik steht der Bob-Ross-Methode entgegen. Es ist deshalb auch nahezu unmöglich, einzelne Bob-Ross-Schüler anhand ihrer Werke von anderen zu unterscheiden. Bevor nun jemand den Finger hebt und auf die Zuschreibungsprobleme von Rembrandt und seinen nach gleichem Prinzip der Techniktreue funktionierenden Werkstattbetrieb kommt: die Schülerarbeiten wie „Der Mann mit dem Goldhelm“ zeigen bei aller technischen Ähnlichkeit mit Rembrandt individuelle Unterschiede und vor allem individuelle Motive, keine Nachschöpfungen. So sind selbst – hier Epigonen genannte – Schüler von Bob Ross nichts anderes als austauschbare Kopisten, die nur sklavisch einer erlernten Technik folgen.

Malerei vs. Kunst

Am Ende bleibt die Frage, ob sich Bob Ross selbst als großer oder gar verkannter Künstler gesehen hat, oder ob er in seiner Nische einfach nur seiner Malerei frönen wollte, gleich dem harmlosen Hobbymaler mit seiner Feldstaffelei, der im Park oder vor der Bergkulisse das Gesehene auf die Leinwand zu bannen sucht.

Seine Werke, die nicht vor der Kamera entstanden sind, zeigen schon Differenzierungen, das ist wahr. Dennoch ist davon auszugehen, dass er Malerei nicht als Aufgabe betrachtete, die künstlerische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zu suchen. Er war also ein Maler. Kein Künstler. Wenn überhaupt.

Was Karl Kraus einen „Tonfallschwindel“ nannte, gilt in blidnerischer Hinsicht auch für Bob Ross. Seine Malerei ist vergleichbar mit dem schönen Schein der idyllischen Bauernhofromantik auf den Verpackungen von Lebensmitteln, die schon seit Jahrzehnten längst keinem Bauernhof mehr entstammen, sondern in großen Fabriken als Massenproduktion am Fließband unter künstlichem Neonlicht hergestellt werden.

Dass auch Künstler der Versuchung anheimfallen können, allzu sorglos mit bequemen Mitteln ihr Glück zu suchen, zeigen genug Beispiele der Kunstgeschichte. Der bekannteste unter ihnen ist sicher Salvador Dalí, dessen Bilder nicht nur seine typische Feinmalerei zeigen, sondern seit den 60er Jahren auch immer wiederkehrende formale Stilmittel. Dazu sind auch zahllose, heute zu recht vergessene Vertreter des so genannten Informel zu zählen, oder auch Künstler wie Serge Poliakoff oder Bernard Buffet, Epigonen größerer Vorbilder, die ihre kurzen Erfolge nur einer banalen Bedienung aktueller Trends des Kunstmarkts zu verdanken hatten.

Die Pop-Art-Künstler Roy Lichtenstein und Andy Warhol wiederum haben zwar nicht wie Bob Ross US-amerikanische Gemälde des 19. Jahrhunderts in Öl bagatellisiert und banalisiert, dafür haben sie die Alltagsikonen des „American Way of Life“ kunstmarktgerecht auf große Formate gebracht und damit noch ordinärer und banaler dargestellt, als die Vorlagen ohnehin schon waren.
Warum man aber einen Epigonen wie Jeff Koons ungleich höher achtet als Bob Ross oder gar seine Schüler, darf hier gern als offene Frage den Schluss bilden.

3 Gedanken zu „Bob Ross: Kunst als „happy little accident“

  1. Marcus

    Vorab muss ich gestehen, dass ich mittlerweile ein Bob Ross- Fan geworden bin…vor ein paar Jahren habe ich die Malerei für mich entdeckt- angefangen habe ich mit Acryl Farben (die ich eigentlich immer noch favorisiere). Was mir fehlte, war eine Anleitung zu der Zeit. Da bin ich zufällig auf Bob Ross gestoßen. In der auf BR alpha ausgestrahlten Sendung zur nächtlichen Stunde erklärte er dann recht eindringlich- und natürlich auch anschaulich- die einzelnen Schritte. Seine ruhige Art und seinen Spaß beim Pinsel ausschlagen haben mir schon imponiert. Ich muss Ihnen Recht geben, dass man gar nicht erst wagen sollte, Bob Ross in einer Reihe mit van Gogh oder Rembrandt zu stellen. Aber das ist wohl auch gar nicht sein Anspruch. Ross wollte einfach nur malen- und die Menschen damit glücklich machen. Natürlich wollte er sich damit auch glücklich machen (vor Allem finanziell- aber das wollen wir ihm mal nicht verübeln :)!) Da ist das Marketing schon recht clever gemacht. Aber ich denke nicht, dass er Menschen ansprechen möchte, die nicht wissen, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen. Vielmehr spricht er Menschen an, die sich für Malerei interessieren und einen Weg suchen, dies auch umzusetzen. Ich habe einige Bilder mit seinen Originalfarben gemalt und meiner Familie gezeigt. Ich wurde nur gefragt, wo ich das gelernt hätte. Ich sagte, dann: „Das habe ich nicht.“ Ich merke selbst, dass ich an meine Grenzen stoße bei gewissen Feinheiten oder wenn Elemente mehr Details erfordern. Dann deute ich es einfach nur an. Auch Bob Ross spricht in seinen Sendungen lediglich von „illusions of distant trees“. Also lediglich von einer Illusion- und nicht von tatsächlichen Bäumen.
    Bob Ross war viel mehr ein Lehrer als Künstler…oder noch besser- ein guter Kumpel, der mit einem malt. Und zwar so, dass jeder etwas brauchbares kreieren kann. Und das macht doch glücklich. Dieses Glück sollte man den Menschen, die seine Technik anwenden bitte nicht nehmen.

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  2. Otto

    Mir ist die Malerei von Bob Ross (Technik für fast ‚Jedermann‘ jedenfalls lieber als die Moderne Malerei, wo doch wirklich keiner sagen kann (auch der Maler selbst nicht), was die Pinsel‘ Ausrutscher bedeuten bzw. darstellen sollen.
    Diese sogenannten Künstler sind nicht 10 Prozent von Bob Ross!
    Jetzt könnte man sagen, wieder ein Kunstbanause, ist aber die Wahrheit …entgegen aller Kunstkenner!

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