{"id":1,"date":"2011-12-08T08:32:27","date_gmt":"2011-12-08T08:32:27","guid":{"rendered":"http:\/\/pookerart.de\/kunstblog\/?p=1"},"modified":"2025-04-01T11:47:26","modified_gmt":"2025-04-01T11:47:26","slug":"kritik-doerner-malmaterial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pookerart.de\/kunstblog\/2011\/12\/kritik-doerner-malmaterial\/","title":{"rendered":"Doerners Mischtechnik: Der verharzte Mythos"},"content":{"rendered":"<p>1921 ver\u00f6ffentlichte\u00a0Max Doerner sein Buch\u00a0Malmaterial und seine Verwendung im Bilde, das bis heute bekannteste Kompendium zur Technik der Malerei f\u00fcr angehende K\u00fcnstler, Hobbymaler und Restauratoren.\u00a0Bei mir steht noch immer die 16. Auflage aus dem Jahre 1986, f\u00fcr die ich damals lange sparen musste. Die aktuelle Auflage kenne ich nicht, immerhin zeugt der Name von Restaurator Thomas Hoppe von einem gl\u00fccklichen H\u00e4ndchen des Verlags f\u00fcr eine vermutlich zeitgem\u00e4\u00dfe, auf jeden Fall aber kompetente \u00dcberarbeitung.<\/p>\n<p>Doerner war selbst K\u00fcnstler, ein Praktiker also.\u00a0Es ist bezeichnend, dass sein Buch mit \u00fcber 280 reinen Textseiten niemals als &#8220;Ratgeber&#8221; vermarktet wurde.\u00a0Mit den 100-seitigen Bilderb\u00fcchern aus der Praxis-Malerei-Fraktion in den L\u00e4den f\u00fcr K\u00fcnstlerbedarf hat das Buch n\u00e4mlich nichts zu tun. Jene scheinen ja\u00a0zu versprechen, dass man in 10 Tagen malen lernen und sp\u00e4testens nach 100 Tagen die erste Retrospektive beschicken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wie viele andere, die erstmals auf das Buch aufmerksam gemacht wurden, kannte ich das Werk sowieso nur unter dem Begriff &#8220;Der Doerner&#8221;, in sonorer Stimmlage ausgesprochen, dabei die Augenbrauen in die H\u00f6he gezogen\u00a0und den Kopf leicht erhoben. Das war\u00a0eine klare Ansage: hier geht es nicht nur um ein paar hundert bedruckter Bl\u00e4tter Papier zwischen zwei Buchdeckeln, hier wird feierlich von einer Institution gesprochen. Der Doerner, das war etwas Ewiges am Rand der Seligsprechung, ein fast heiliges Objekt und ein Quell mystischen Geheimwissens.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGeschichte wurde zur Legende, Legende wurde Mythos \u2026\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Zitat aus der Filmtrilogie von\u00a0<em>Herr der Ringe<\/em> passt auch hier. Mythen leben ja selbst dann noch als Untote weiter, wenn alle wichtigen Kernaussagen als falsch bewiesen wurden. Als ich 1988 in die Restaurierung ging, galt Doerners Buch schon l\u00e4ngst als veraltet und \u00fcberholt. Leider nur bei Restauratoren und in der Kunsttechnologie. Als Kompendium f\u00fcr maltechnisch interessierte K\u00fcnstler und Hobbymaler ist &#8220;Der Doerner&#8221; bis heute eine heilige Institution geblieben.<\/p>\n<p>Uneingeschr\u00e4nkt geb\u00fchrt Doerner der Verdienst um die umfassende und damals aktuelle Darstellung der verschiedenen Malgr\u00fcnden, Farb- und Bindemittel mit allen Eigenschaften. Doerner hat au\u00dferdem die Praxis und das Selbstverst\u00e4ndnis der Konservierung und Restaurierung thematisiert und den Fokus auf die <em>Erhaltung<\/em> von historischem Kunst- und Kulturgut gelegt.<\/p>\n<p>Gerade die Kunst lebt aber von Legenden und Mythen. Der Mythos von Rembrandts Konkurs als Folge seiner bei den Auftraggebern durchgefallenen <em>Nachtwache<\/em> oder der des Jan van Eycks als Erfinder der \u00d6lmalerei findet im Falle Doerners seine Entsprechung in der so genannten &#8220;Mischtechnik&#8221; als Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Maltechnik der gro\u00dfen K\u00fcnstler vom 15. bis zum 18. Jahrhundert.<\/p>\n<h2>Doerners \u201eMischtechnik\u201c und die alten Meister<\/h2>\n<p>Auf der Suche nach der Maltechnik der alten Meister entwickelte Doerner anhand eigener Experimente eine\u00a0Vorgwehensweise, die er &#8220;Mischtechnik&#8221; nannte \u2013 ein Begriff, den \u00fcbrigens schon sein j\u00fcngerer Kollege Kurt Wehlte als ungl\u00fccklich gew\u00e4hlt beschrieb, und das zu Recht: unter Mischtechnik findet sich in den Galerien heute ja allerhand, aber nur in seltenen F\u00e4llen ist damit ein Bild klassifiziert, das mit Temperafarben und Harz\u00f6llasuren gemalt wurde.<\/p>\n<p>Doerners Mischtechnik besteht aus einem mehrschichtigen Aufbau. Auf den wei\u00dfen oder farbigen Grund wird zun\u00e4chst die Vorzeichnung, anschlie\u00dfend die Untermalung in Tempera aufgebracht. Dann folgt eine Imprimitur mit lasierender Harz\u00f6lfarbe. Anschlie\u00dfend folgen seine so genannten Wei\u00dfh\u00f6hungen mit Tempera, wieder \u00fcbermalt mit lasierenden oder halbdeckenden Harz\u00f6llasuren, in die direkt mit w\u00e4ssriger Tempera feinste Details eingearbeitet werden. Die &#8220;Mischtechnik&#8221; ist also eine Schichtenmalerei mit Harz\u00f6lfarben und Temperasystemen. F\u00fcr Doerner war seine Methode damit auch gleich die einzig m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr die feinsten Details und die &#8220;optischen Grau&#8221; der alten Meister.<\/p>\n<p>Im Abschnitt &#8220;Die Tempera als Untermalung f\u00fcr \u00d6l&#8221; schl\u00e4gt Doerner bereits die erste Br\u00fccke zu einem alten Meistern.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMan kann in dieser Technik, namentlich in der Portraitmalerei, sehr schnell und praktisch abk\u00fcrzend arbeiten, weil eine [\u2026] Untermalung in Tempera schnell zu machen und eine frische \u00dcbermalung in Harz\u00f6lfarben sofort dar\u00fcber aufzubringen ist. So ist etwa das Papstbild des Vel\u00e1zquez in der Galerie Doria entstanden.\u201c [1]<\/p><\/blockquote>\n<p>Sch\u00f6ne Erkl\u00e4rung, aber leider v\u00f6llig falsch.\u00a0Vel\u00e1zquez hat keine derartige Temperauntermalung \u00a0verwendet, Harze als Zusatz zu \u00d6lfarben konnten auch nicht nachgewiesen werden. Bei zahlreichen Untersuchungen wurde als Bindemittel Lein\u00f6l-Stand\u00f6l (heutzutage im Fachhandel als ein unter Hitze eingedicktes Lein\u00f6l) festgestellt (<a href=\"http:\/\/www.nationalgallery.org.uk\/analyses-of-paint-media\/39782\">PDF<\/a>, 1998, S. 95). Die Transparenz hat Vel\u00e1zquez anders erzielt: er mischte reichlich pulverisiertes Calcit (Kalkspat) als F\u00fcllmittel in seine Farben\u00a0(<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/0300101244\/\">Brown\/Garrido: Velazquez, The Technique of Genius<\/a>).<\/p>\n<p>Doerner vertritt in seinem Buch die Hypothese, dass die K\u00fcnstler vom 14. bis zum 17. Jahrhundert nur mit Kombinationen aus Temperafarben und Lasuren mit Harz\u00f6lfarben ihre Meisterwerke schaffen konnten, eine Malerei nur mit trocknenden \u00d6len schlie\u00dft er aus.<\/p>\n<p>Nun wurde aber selbst bei Jan van Eyck im Zuge einer kunsttechnischen Untersuchung keine Spur von Protein als Tempera-Bindemittel festgestellt (<a href=\"http:\/\/reserves.fcla.edu\/rsv\/NC\/010014482-1.pdf\">PDF<\/a>, dort Anmerkung 5):<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSusana Halpine found no evidence of any protein binder, such as glue or egg, in any of the samples.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich, 90 Jahre sp\u00e4ter sind wir alle schlauer. Zu Doerners Zeiten gab es gerade mal R\u00f6ntgenstrahlen, das war&#8217;s dann auch schon. Sein Weg war das rekonstruierende Experiment, trial &amp; error also. Dieser Weg ist nicht per se obsolet. Viele K\u00fcnstler und alle Kopisten machen das so. Eine Technik, die nicht \u00fcber genaue Anleitung oder \u00dcberlieferungen reproduziert werden kann, kann sich in der Rekonstruktion beweisen. Doch selbst das perfekt erscheinende Ergebnis ist noch lange kein wissenschaftlicher Beweis, dass eine Rekonstruktion auch tats\u00e4chlich\u00a0der origin\u00e4ren Abfolge eines Entstehungsprozesses entspricht.<\/p>\n<p>Genau dieser Fehler ist Doerner anzulasten. Er orientierte sich zwar an grob\u00a0\u00fcberlieferten \u2013 und damit ungenauen \u2013 Rezepten, aber das \u00e4ndert nichts an dem grandiosen Irrtum, mit einer v\u00f6llig neu entwickelten Maltechnik ohne jegliche wissenschaftliche Pr\u00fcfung die Vorgehensweise der alten Meister kategorisch erkl\u00e4ren zu wollen. Er\u00a0stellt das aber nicht als seine ganz pers\u00f6nliche Theorie dar, er beschreibt seine Beobachtungen in der \u00fcberzeugten und zackigen Sprache des gestandenen Maltechnikers, die nur selten eine Notwendigkeit f\u00fcr weitere Untersuchungen oder Raum f\u00fcr offene Fragen erkennen lassen.<\/p>\n<p>Seine Mischtechnik als Manifestation des altmeisterlichen Bildaufbaus hat es damit nicht nur in ansonsten gute B\u00fccher zur Malanleitung wie das von <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3770108310\/\">Johannes Pawlik<\/a>\u00a0geschafft, nein, das steht auch so bei\u00a0<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/\u00d6lmalerei#Maltechniken\">Wikipedia<\/a>. Sogar <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/\u00d6lmalerei#Mischtechnik\">ein zweites Mal<\/a>. Leider.<\/p>\n<h2>Das Problem: Eine Maltechnik wird passend gemacht<\/h2>\n<p>Diese\u00a0<em>k\u00f6nnte-eventuell<\/em>-Hypothese Doerners\u00a0liest sich aus diesen Gr\u00fcnden und auf den ersten Blick wie eine wissenschaftlich fundierte Erkl\u00e4rung.\u00a0Zur Untermauerung seiner Technik werden dem Leser Zitate und ber\u00fchmte\u00a0Namen von gro\u00dfen K\u00fcnstlern um die Ohren gehauen, um seine Technik als die der <em>Alten<\/em> zu vermitteln (ich muss bei diesem veralteten Begriff immer an\u00a0<em>Susanna und die beiden Alten<\/em>\u00a0denken oder an einen Sch\u00fcler, der zu wenig Taschengeld von seinen\u00a0<em>Alten<\/em>\u00a0bekommt).<\/p>\n<p>Er schwurbelt allerdings Kausalit\u00e4ten zusammen, die bestenfalls an den Haaren herbeigezogen, schlimmstenfalls konstruierte Rechtfertigungsversuche sind. Liest man das zun\u00e4chst flott durch, erscheint alles logisch und nachvollziehbar zu sein. Er bleibt jedoch befangen in seinem Tunnelblick, der \u00fcberall eine Best\u00e4tigung seiner Thesen zu finden glaubt. Und wenn diese Best\u00e4tigung nicht offensichtlich ist, werden aus profanen Zusammenh\u00e4ngen und aus ungenauen Notizen eben solche Fakten konstruiert. In einem Brief an Jakob Heller\u00a0macht Albrecht D\u00fcrer den Unterschied zwischen einer einfachen (und g\u00fcnstigen) Malweise f\u00fcr Portraits und der &#8220;feinen Art&#8221;. Doerner bemerkt dazu in seinem Buch:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Es [\u2026] ist nicht denkbar, dass gerade die feine Art blo\u00dfe \u00d6lmalerei gewesen w\u00e4re. Dagegen: &#8220;Dann mit dem gro\u00dfen Flei\u00df kann ich ein Angesicht in einem halben Jahr kaum machen.&#8221; [\u2026]<br \/>\nDa\u00df aber eine so oftmalige fl\u00fcssige Unter- und \u00dcbermalung, wie D\u00fcrer sie beschreibt, in \u00d6l m\u00f6glich gewesen sei, ohne Gilben und noch mehr einen braunen Galerieton hervorzurufen, halte ich f\u00fcr ausgeschlossen. Bei so vielen Lagen \u00d6l \u00fcbereinander m\u00fcsste der Strich in \u00d6l auch jene Sch\u00e4rfe verlieren, wie er auf D\u00fcrers und vieler Altdeutschen Bildern sich zeigt, eine Sch\u00e4rfe, die eben nur der Wasserstrich hat. [\u2026] Ganz einfach und ohne Schwierigkeit lassen sich aber solche Dinge in Tempera mit Wasser auftragen, sowohl in nasse wie in trockene \u00d6lfarbe bzw. Harz\u00f6llasur.&#8221; [2]<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier haben wir es gleich mit vier Fehlinterpretationen zu tun.\u00a0Zun\u00e4chst erkennt Doerner nicht den Hintergrund des hier passenden Sprichworts &#8220;Ohne Flei\u00df kein Preis&#8221;. Der Gesch\u00e4ftsmann D\u00fcrer konnte mit Hinweis auf die besonders fleissige Arbeit f\u00fcr Herrn Heller den Preis f\u00fcr seine Arbeit in die H\u00f6he treiben und unterband von vornherein Nachfragen aus der Rubrik &#8220;Kann man schon was sehen?&#8221;. Diese Strategie hat auch Rembrandt immer wieder verfolgt.<\/p>\n<p>Eine fulminante Fehlleistung ist auch die These, der Zeitraum von \u00fcber einem halben Jahr f\u00fcr die Arbeit w\u00fcrde automatisch &#8220;eine so oftmalige fl\u00fcssige Unter- und \u00dcbermalung&#8221;\u00a0bedeuten. Es waren schlicht die notwendigen Trocknungszeiten der \u00d6lfarbschichten, die D\u00fcrer aus Qualit\u00e4tsgr\u00fcnden einhalten wollte. Selbst, wenn jemals von oftmaligen\u00a0Unter- oder \u00dcbermalungen die Rede gewesen <em>w\u00e4re<\/em>, w\u00fcrde auch hier wieder die \u2013 meines Wissens schon mehrfach ge\u00e4u\u00dferte \u2013 Annahme greifen, dass D\u00fcrer nach Handwerkerargumentation den hohen Preis in rechtfertigen wollte (&#8220;Herr Heller, fein, das geht nat\u00fcrlich nur mit ganz vielen Farbschichten, wird teuer&#8221;).<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Maltechniker v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich ist seine Aussage, dass zu viele \u00d6lfarbschichten zu einem Vergilben der Farbschichten oder dem braunen Galerieton f\u00fchren w\u00fcrden. Er wusste, dass der Galerieton durch gilbende Firnisse hervorgerufen wurde und nicht in erster Linie durch vergilbte Malschichten. Er wusste auch, dass Asphalt (oder Mumie) die Farbschichten zerst\u00f6rt. Warum schlie\u00dft er nicht die richtigen Schl\u00fcsse, dass n\u00e4mlich dieses Farbmittel vorwiegend im 19. Jahrhundert verwendet wurde, in dem der &#8220;Gilb&#8221; des Galerietons sowieso angesagt war und der Asphalt zus\u00e4tzlich zu den uns\u00e4glich verbr\u00e4unten Gem\u00e4lden gef\u00fchrt hat, diese Mode aber nichts mit dem K\u00fcnstlerhandwerk vorhergehender Jahrhunderte zu tun hatte?<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich geht es um die von Doerner beaobachtete Sch\u00e4rfe des Pinselstrichs, den er als &#8220;Wasserstrich&#8221; identifiziert. Hier konnte er tats\u00e4chlich nicht wissen, wie die feinsten Haarlinien vor allem in den Renaissancezeit geschaffen wurden. Richtig ist, dass solche Linien, beispielsweise in den Haaren von Portraits, nicht einmal mit feinen Pinseln zu erzielen sind. Die L\u00f6sung des R\u00e4tsels hatte aber nichts mit dem maltechnischen Bildaufbau zu tun: Die K\u00fcnstler haben &#8211; ausgehend von den maltechnischen Traditionen der mittelalterlichen Buchmalerei &#8211; Pinsel aus Vogelfedern verwendet. Hier in diesem YouTube-Video wird das ausf\u00fchrlich gezeigt (engl.): <a href=\"https:\/\/youtu.be\/x17BA33-7gs\">https:\/\/youtu.be\/x17BA33-7gs<\/a><\/p>\n<h2>Von Tizian bis Rembrandt:\u00a0Sch\u00f6ner malen mit Doerner<\/h2>\n<p>Tizian hat nach Doerner die &#8220;optischen Grau&#8221; mittels Temperauntermalung in Wei\u00df, d\u00fcnnsten Lasuren mit \u00d6len, Harzen und Balsamen und nat\u00fcrlich den obligatorischen Wei\u00dfh\u00f6hungen hervorgebracht. Ich kann mich erinnern, das ein Restaurator auf einer Fachtagung im Jahre 1990 in einem Gespr\u00e4ch im Foyer von Tizian als einen\u00a0<em>gro\u00dfen Schmierlappen<\/em> sprach, der zahllose \u00d6lfarbschichten \u00fcbereinander legte. Laut Doerner arbeitete nat\u00fcrlich auch El Greco in Mischtechnik, die komplett unterschiedlichen Malweisen beider K\u00fcnstler konstruiert Doerner zu einem Beispiel f\u00fcr die Flexibilit\u00e4t der Mischtechnik. Zu Tintoretto und Veronese wird sogar Goethe zitiert, der von Doerner nebenbei als gro\u00dfer Maltechniker des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts eingef\u00fchrt und als Pate f\u00fcr die Mischtechnik instrumentalisiert wird.<\/p>\n<p>Bei Rubens erfolgte nach Doerners Meinung &#8220;auf dem grauen Grund [\u2026] eine (nicht zu starke) Wei\u00dfh\u00f6hung in magerer Tempera&#8221;. Nun wissen wir&#8217;s schon, es geht um die optischen Grau, die sind nat\u00fcrlich auch bei van Dyck wichtig und bei Vermeer sowieso. Trotzdem falsch.\u00a0Reynolds &#8220;unterlegte [\u2026] die Stelle des Kopfes mit kr\u00e4ftig wei\u00dfem Anstrich, in Tempera oder Harz\u00f6lfarbe&#8221;. Nein, mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit verwendete er schn\u00f6des\u00a0Terpentin\u00f6l, das auch schon Rubens verwendete, ansonsten experimentierte Reynolds mit Wachszus\u00e4tzen in \u00d6lfarben.<\/p>\n<p>Zu Frans Hals bemerkt Doerner, es w\u00e4re eine T\u00e4uschung zu glauben, &#8220;diese so impulsiv hingesetzten Malereien seien prima in unserem Sinne. Es zeigt sich sehr h\u00e4ufig die graue Vorbereitung, die eben solch flotter Malweise die n\u00f6tige Sicherheit und K\u00f6rperhaftigkeit gab&#8221;. Schau an. Die spontane Malweise kann nicht sein, weil sie auf Grund der notwendigen Disziplin seiner Mischtechnik nicht sein darf. Bez\u00fcglich der technischen Ausf\u00fchrung wird\u00a0Frans Hals damit von Doerner in eine \u00e4hnliche Schublade gesteckt wie beispielsweise van Eyck.<\/p>\n<p>Rembrandt widmete Doerner nat\u00fcrlich auch gleich drei Seiten in seinem Buch, ich will aber nur einen Satz zitieren:\u00a0&#8220;Seine Malmittel waren stark harziger Natur&#8221;. Und nat\u00fcrlich hat er alles mit Lasuren vollendet, richtig? Falsch. Total falsch. Aber es ist kein Wunder, dass sich in Deutschland noch Ende des 20. Jahrhunderts viele Museen und Restauratoren scheuten, Rembrandt-Gem\u00e4lde von \u00fcberreifen, braunversifften Firnissen zu befreien. Das liest man sogar in dem hervorragenden Buch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/0520258843\/\">Rembrandt: The Painter at Work<\/a>\u00a0von Ernst van de Wetering, dem Guru des Rembrandt-Research-Projektes. Wer sich f\u00fcr die Maltechnik des 17. Jahrhunderts im Allgemeinen und f\u00fcr Rembrandt im Besonderen interessiert, sollte sich unbedingt van de Weterings Buch zulegen, es ist jeden Cent wert.<\/p>\n<p>Van de Wetering dokumentiert in seinem Buch zahlreiche falsche Annahmen Doerners\u00a0bez\u00fcglich der verwendeten Pigmente, Bindemittel und der maltechnischen Praxis Rembrandts, da die\u00a0<em>Nachtwache<\/em>\u00a0ausf\u00fchrlich untersucht wurde.\u00a0Es w\u00fcrde aber zu weit f\u00fchren, alle Unstimmigkeiten, falschen Annahmen und Fehleinsch\u00e4tzungen allein zu Rembrandt hier aufzuz\u00e4hlen. Klar ist nur: keine Lasuren (Transparenzen nur bei den nat\u00fcrlichen Farblacken), keine Temperaschicht. Rembrandt hat mit trocknenden \u00d6len gemalt, fertig.<\/p>\n<p>Interessant ist van de Weterings Hinweis auf die im Laufe der Jahrhunderte zunehmende Transparenz von \u00d6lfarbschichten als logische Erkl\u00e4rung f\u00fcr Doerners Annahme, die &#8220;alten Meister&#8221; h\u00e4tten dickfl\u00fcssige Harze und \u00d6le verwendet.<\/p>\n<p>Es wurden in den Farbschichten bei Rembrandt (van de Wetering) und bei Vel\u00e1zquez (Brown\/Garrido) tats\u00e4chlich Reste von Proteinen gefunden. Das liegt\u00a0aber eher daran, dass eventuelle w\u00e4ssrige Restbestandteil in Bleiwei\u00df, das auf Grund der Giftigkeit in Wasser aufbewahrt wurde, erst f\u00fcr den Gebrauch mit trocknenden \u00d6len vorbereitet werden musste. Ich sch\u00e4tze mal, die w\u00e4ssrige Bleiwei\u00dfpigmentpampe wurde zun\u00e4chst und ganz einfach mit Hilfe eines Eis oder dem Eidotter angerieben, um dann problemlos\u00a0das Lein-, Nuss- oder Mohn\u00f6l in diese nat\u00fcrliche Emulsion geben zu k\u00f6nnen. Mit der &#8220;Sch\u00e4rfe des Wasserstriches&#8221; oder anderen Vorz\u00fcgen der Tempera\u00a0hat das nichts\u00a0zu tun.<\/p>\n<h2>Doerners Buch als Dokument und Malanleitung<\/h2>\n<p>\u00dcber die Relevanz von Doerners Mischtechnik f\u00fcr Hobbymaler und ambitionierte K\u00fcnstler werde ich noch einen gesonderten Beitrag verfassen. Betrachtet man einige Gem\u00e4lde in Mischtechnik im Internet, zeigt sich zumindest die latente Gefahr f\u00fcr sterile und kraftlose Kunst am Rande des Fotorealismus: eine Mimesis von zweidimensionalen Vorlagen ist ein typisches Merkmal auf vielen Bildern, eine logische Folge der disziplinierten Vorgehensweise in der Mischtechnik. Doerner hat durch seine rekonstruierende Suche nach den &#8220;Geheimnissen&#8221; alter Meister zumindest bewiesen, dass seine Technik f\u00fcr rekonstruierende Aufgaben geeignet sind, beispielsweise Kopien. Leider hat er diese Einschr\u00e4nkung nicht genug herausgestellt, Demut und Selbstkritik waren seine Sache wohl nicht.<\/p>\n<p>W\u00fcrde ich das Buch empfehlen? Ja, als zeitgeschichtliches Dokument zu Materialkunde und Restaurierung. Dann bitte eine \u00e4ltere Fassung aus den 50er Jahren. Als Anleitungsbuch zur Maltechnik gibt es weitaus bessere B\u00fccher und selbst zum Thema Malmaterial hat genau der Thomas Hoppe, der die \u00dcberarbeitung des Doerners \u00fcbernommen hat, ein f\u00fcr K\u00fcnstler und Hobbyk\u00fcnstler sehr gutes Nachschlagewerk auf neuestem Stand herausgebracht. Seine erstklassige\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3865021085\/\">Malkunde<\/a> f\u00fcr schlappe 20 Euro hat noch nicht einmal eine Bewertung bei Amazon. Das muss ich mal nachholen.<\/p>\n<p>[1] Doerner 1986, S. 137<br \/>\n[2] S. 203<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1921 ver\u00f6ffentlichte\u00a0Max Doerner sein Buch\u00a0Malmaterial und seine Verwendung im Bilde, das bis heute bekannteste Kompendium zur Technik der Malerei f\u00fcr angehende K\u00fcnstler, Hobbymaler und Restauratoren.\u00a0Bei mir steht noch immer die 16. Auflage aus dem Jahre 1986, f\u00fcr die ich damals lange sparen musste. 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