Eine letzte Runde um den Blog(ck): Barrierefreies Webdesign
6. November 2007 von Nils PookerDie Accessibility Blog Parade endet am 11.11. Ich möchte noch ein letztes Mal wichtige Aspekte aus meiner Sicht zu betrachten. Eine Sicht, die ich teilweise nun selbst modifizieren und in einigen Punkten revidieren muss. Im Laufe der Diskussion zu den Begrifflichkeiten und ihren Bedeutungen habe ich bemerkt, dass ich einige Dinge missverständlich aufgenommen und kommuniziert habe. Damit bin ich selbst in ähnlich Fallen getappt, die ich anderen Diskussionsteilnehmern zum Vorwurf machte.
Barrierefreies Webdesign: Begriff, Workflow, Qualitätsmerkmal, oder was?
Das Thema zahlreicher Diskussionsrunden war einserseits die Begrifflichkeit, andererseits die Bedeutung von Barrierefreiheit. Daraus entstehende Konfusionen sind normal und die gab es schon immer.
Der englische Philosoph John Locke (1632 – 1704) beschreibt in einem Essay die emotional geführte Debatte eines Mediziner-Kollegiums, ob in den Nervenbahnen ein so genannter liquor fließe. Verschiedene Argumente wurden ausgetauscht, aber eine Einigung war unmöglich. Locke selbst meldete sich mit der Frage zu Wort, was denn die Diskussionsteilnehmer überhaupt unter dem Begriff liquor verstünden. Nachdem diese Frage allen zunächst obsolet erschien, wurde sie doch erörtert. Das erstaunliche Ergebnis: beide Gruppen waren von völlig unterschiedlichen Bedeutungen ausgegangen. Die einen verneinten das Vorhandensein einer realen Flüssigkeit, die andern bejahten das Vorhandensein einer “wirkenden Kraft”. Man einigte sich anschließend, dass ein Fluidum als Kraft vorhanden sein müsse. Die Falle bestand auch in der Überzeugung, genau zu wissen, was der andere meinte. Also die Fehleinschätzung “Ich weiß genau, was du denkst, und das halte ich für falsch oder für richtig”.
Mir scheint, dass zum Thema Barrierefreies Webdesign ähnliche Fehleinschätzungen vorhanden sind. Auf breiter Front. Mich eingeschlossen.
Dass ich selbst in diese Falle getappt bin, merkte ich zuerst anhand des Kommentars von Jan Eric Hellbusch zu meinem Blog-Parade-Beitrag, den ich ja auch vornehmlich als Antwort auf Jans Kommentar zu einem Beitrag von Stefan Blanz formulierte. Stefan Blanz selbst brachte das Thema der Begrifssverwirrungen und eine für mich sinnvoll erscheinende Lösung in seinem lesenswerten Beitrag “Barrierefreiheit, Accessibility und Universelles Webdesign” zur Sprache.
Ganz offensichtlich wurden meine eigenen semantischen Fehlleistungen aber erst durch den Beitrag “Wi(e)der die Begriffspiraterie” im EfA-Blog. Kein Roman, keine ausufernden Erläuterungen, keine langen Zitate. Lediglich eine respektable Linkliste, die mit dem nüchternen Resümee endet:
“Wir konnten beim besten Willen keine Textstelle finden, in der Barrierefreiheit als irgendetwas anderes definiert wird als die Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderung.”
Barrierefreiheit heute: “Zuviel des Guten”?
Ein kurzer Blick auf die Beiträge der Accessibility Blob Parade zeigt immerhin, dass die Aktion doch ein Erfolg war, wenn auch nur – wie fast immer – konzentriert auf die überschaubere Gruppe der Webdesigner, die sich überhaupt angemessen mit dem Thema befassen.
Jens Grochtdreis sieht die Barrierefreiheit als Gratwanderung zwischen Pragmatismus und Selbstverständlichkeit, Stefan David thematisiert die Notwendigkeit von Nutzertests, Wolfgang Wiese betrachtet das Thema als globalen Ansatz fürs Web, Jan Eric Hellbusch stellt den Menschen mit einer Behinderung in den Vordergrund, Stefan Blanz analysiert den Sinn der Grenzen von Inhalt und Bedeutung des Begriffs, Eva Papst beleuchtet die grundsätzliche Notwendigkeit der Thematisierung, Siegfried Gipp erweitert das Feld gar auf die Zugänglichkeitsprobleme von MigrantInnen, Maria Putzhuber versucht den Brückenschlag zwischen Barrierefreiheit, Usabilty und Business, Sylvia Egger hält dagegen und plädiert für die Eigenständigkeit des Themas, ich polarisiere sarkastisch mit gesellschaftlichen und moralischen Aspekten.
Ist da etwa in den ganzen Jahren was schief gelaufen? Und wenn ja, was?
Spätestens nach der Lektüre des KnowWare-Heftes Barrierefreies Webdesign von Jan Eric Hellbusch konnte jeder Webdesigner wissen, dass Barrierefreiheit keine “behindertengerechte Textversion” ist. Das fand – teilweise bis heute – jedoch nicht die große Entsprechung in der Realität des Webs, noch weniger als die Durchsetzung von Webstandards. Wie vermittelt man aber den Webdesignern, dass Barrierefreiheit auch außerhalb von gesetzlichen Vorgaben sinnvoll ist?
Weil es für alle Menschen einen Mehrwert bringt? Eine attraktive Idee, und immerhin heißt die unangefochtene Institution im Web als Quell unerschöpflicher Reichtümer zu diesem Thema auch “Einfach für Alle“. Und da steht als Selbsterklärung:
“Die Initiative ›Einfach für Alle‹ wurde 2000 von der Aktion Mensch gestartet. Sie richtet sich an Anbieter von Internetseiten und Agenturen, die überzeugt werden sollen, dass auch sie von barrierefreiem Internet profitieren. Durch Unabhängigkeit vom Ausgabegerät erhöht Barrierefreiheit die Reichweite von Internetseiten. ›Schlanke‹ Programmierung sorgt für kürzere Ladezeiten und geringere Kosten. Barrierefreie Seiten sind in der Regel besser verständlich und leichter zu bedienen. Anbieter bekommen mehr und zufriedene Kunden. Barrierefreies Internet wurde zunächst für Menschen mit Behinderung konzipiert. Diese wurden zu Vorreitern der Umsetzung technischer Standards im Internet. Denn Webseiten, die für Braillezeile und Screenreader zugänglich sind, sind auch über Handy, PDA oder Auto-Bordcomputer zu erreichen.”
Soso, zunächst für Menschen mit Behinderung konzipiert. Und mittlerweile auch für alle Unternehmen interessant: Handy, PDA oder Auto-Bordcomputer sind ja nicht erst seit dem iPhone in aller Munde. Durch Unabhängigkeit vom Ausgabegerät erhöht Barrierefreiheit die Reichweite von Internetseiten. Gutes Argument. Das war es stets auch für mich.
Gutes Argument auch für den Marketing-Leiter des Kunden. Und schon sind wir im Agenturschnack mit ROI und Co., und der Tatsache, dass sogar EfA etwas kommunizierte, was sich in der Praxis des Webdesigns verselbständigt hat. Etwas, das die Betreiber der EfA-Seite garantiert so nie beabsichtigt haben.
Man reduziert einfach mal die Pro-Argumente auf die technischen und marketingspezifischen Aspekte. Und die ziehen eben auch ohne den Hinweis auf die Informationsrechte der Behinderten. Die ziehen sogar ohne jeglichen Hinweis auf behinderte Menschen. Wer will denn nicht Unabhängigkeit vom Ausgabegerät, kürzere Ladezeiten, geringere Kosten, mehr und zufriedene Kunden und höhere Reichweite von Internetseiten?
Das lässt sich der Kunde auch was kosten. Wenn es nicht zuviel wird. Also muss der Kompromiss her: Barrierearmut!
Auch hier bin ich selbst innerhalb der Diskussionen in die Falle getappt. Es geht nämlich um die Bedeutung des Begriffes. In einem Kommentar schrieb ich deshalb, dass Jan Eric Hellbusch den Begriff Barrierearmut (wahrscheinlich) ablehnt, weil er das konkret auf die Haltung “ein bisschen barrierefrei reicht mir” bezieht. Also: nicht mehr als unbedingt nötig machen und nach eigenem Ermessen ohne jede Richtlinie entscheiden, was barrierefrei ist und was nicht. Wahrliche eine schäbige Einstellung: entschuldigt alle Lücken und wäscht den Webdesigner rein. Andere verwenden den Begriff aber anders. Aus Gründen der Einsicht, dass es eben keine vollständige Barrierefreiheit geben kann, also die Haltung “Ich versuche alles, um die Seiten barrierefrei umzusetzen, vollkommen wird mir das wahrscheinlich nicht gelingen”. Ist das genauso schäbig?
Es kommt also – bildlich im Sinne der John-Locke-Geschichte gesprochen – auch hier darauf an, ob der liquor der Barrierefreiheit nur “lauwarmes Wasser” oder ein Fluidum “wirkender Kraft” in den Nervenbahnen der Webdesigner ist.
Apropos “vollkommene Barrierefreiheit”. Diesem Argument bin ich auch oft genug aufgesessen, um mit der gelegentlichen Frustration oder dem Gefühl der Unzulänglichkeit klar zu kommen. Was nämlich für Barrierefreiheit immer wieder gebetsmühlenartig angesprochen wird, gilt erstaunlicherweise nicht für andere Aspekte des Webdesigns. Spricht irgend jemand über das vollkommene Design, die vollkommene Benutzerführung oder die vollkommene Technik? Hat überhaupt schon mal jemand danach gefragt?
Nicht umsonst war es mir vor einiger Zeit auch ein großes Anliegen, die verschiedenen Charakter-Haltungen zum Thema als Artikel in meinem Blog polemisch darzustellen. Wenn man nämlich weiter sucht, findet man auch weitere Argumente für barrierefreies Webdesign. Etwas unfair zitiere ich weiterhin EfA: “›Schlanke‹ Programmierung sorgt für kürzere Ladezeiten und geringere Kosten.”
Genau! Aber das geht noch besser, wenn man mit Sprachauszeichnungen, Akronymen, Abbreviationen und den vor grafischen Browsern versteckten Elemente auch die Behinderten gleich weglässt. Eine standardkonforme Website wird noch viel schlanker als eine standardkonforme und barrierefreie Website. Wenn auch nur Idioten die Unterschiede übersehen, problematisch bleibt das Argument gerade deshalb.
Und nochmal EfA: “Barrierefreie Seiten sind in der Regel besser verständlich und leichter zu bedienen.” Klarer Fall von Usability, oder? Natürlich gibt es den einen oder anderen Konflikt zwischen Usablity und Barrierefreiheit, aber auch das sehen die Befürworter der Begriffssynthese ganz pragmatisch. Tolle Handhabung, vorbildliche Benutzerführung, klare Darstellung, das alles nützt auch dem Nicht-Behinderten und deshalb kann man auch hier ein Pseudoargument für Barrierefreiheit finden, indem man den Behinderten nur als Add-On betrachtet, der von diesen Vorteilen profitiert. Auch diese Haltung ist wohl mehr als problematisch.
Und dann sind da noch die MigrantInnen, die Farbfehlsichtigen, die Gichtleidenden und die Kinder. Hier teilte ich ursprünglich nicht nur die Meinung und Argumentation von Stefan Blanz, ich wollte sie sogar noch erweitern. Und was ist mit der von mir eingeforderten moralischen Verpflichtung, die der Einzelne in der Gesellschaft trägt? Mittlerweile muss ich diese Meinung revidieren, sofern ich sie an fest an die Begriffsbedeutung von Barrierefreiheit geknüpft habe. Barrierefreies Webdesign im engeren Sinne hat tatsächlich nichts mit Moral zu tun.
Das alles gehört eher zur gefährlichen Kategorie “Zuviel des Guten”. Ein Zuviel des Guten verdirbt nicht nur jedes Essen, es führt stets zum Schlechteren. Nur ein kurioses Beispiel: Um auch ihre größten Raketen vor Blitzschlag und Unwetter besser zu schützen, baute die NASA einen riesigen Hangar, der einfach 10mal so groß war wie die alten. Heraus kam ein Objekt, das ein eigenes Mikroklima erzeugte. Inklusive Blitzschlag und Regen.
Für mich zeigen die Diskussionen, dass wir vielleicht schon beim Zuviel des Guten angelangt sind, und dass eventuell wohl doch die Konzentration auf die tatsächliche Bedeutung von Barrierefreiheit relevant erscheint. Hier zitiere ich ein letztes mal EfA, und zwar den wichtigsten Satz des erwähnten Blogbeitrags. Barrierefreiheit heißt “Zugänglichkeit für Menschen mit Behinderung”.
Die Geister der “behindertengerechten Versionen” sind weitgehend verschwunden, aber vielleicht ist es Zeit, die klare Definition erneut in den Vordergrund zu rücken, um keine neuen Dämonen auf Dauer zu etablieren.
Ende der Diskussionen?
Wenn man nun aber die verschiedenen Meinungen zur Begrifflichkeit der Barrierefreiheit dann akzeptiert, sofern sie zumindest die Relevanz der Menschen mit Behinderung vollständig einschließt, bleibt die Frage nach dem richtigen Weg, sowohl praktisch als auch konzeptionell. Gibt es also eine Möglichkeit, Barrierefreiheit auch im Kontext von wirtschaftsnah-pragmatischen Lösungen, richtlinienunabhängigen Aspekten menschlicher Einschränkungen, kulturellen und gesellschaftlichen Barrieren und moralischen Grundsätzen des Einzelnen zu betrachten, ohne die Bedeutung der Definition erneut der Willkür persönlicher Auslegungen zu unterwerfen?
Ich persönlich halte den Ansatz von Stefan Blanz zur Etablierung eines “Universellen Webdesigns” für einen guten Weg. Dieser von Michael Charlier schon 2004 verwendete Begriff bietet eine für den Webdesigner praktikable Lösung, Barrierefreiheit, Usability, Technik und Design als eigenständige und gleichwertige Bestandteile eines modernen Webdesigns zu definieren. Nicht die Beliebigkeit, sondern die klare Definition der Bereiche innerhalb eines Gesamtkonzeptes ist hier gefragt. Natürlich: Vollkommenheit bleibt weiterhin ein Wunschtraum, und universelles Webdesign als Wortschöpfung erscheint einigen vielleicht unsinnig oder zu ungenau. Mir erscheint es mittlerweile aber sinnvoll, einen weiteren Begriff mit einer eigenständigen Bedeutung zu verwenden. Sinnvoller jedenfalls, als den Begriff Barrierefreiheit mit einem Overkill von Bedeutungen langsam aber sicher durch den falschen liquor zu verwässern, bis entweder die Bedeutungslosigkeit oder das Begriffschaos droht.
Kategorie: Webdesign 17 Kommentare »
Ich glaube nicht, dass wir mit neuen Begriffen wie “universelles Webdesign” den behindertengerechten Zugang legitimieren brauchen. Auch wenn der Begriff so aufgefasst werden kann, dass er den Bogen zwischen X und Y spannen kann, so hat es noch keine Relevanz. Ein “universelles Design” ist heute nicht leistbar, weder gestalterisch noch inhaltlich. Der Begriff erscheint mir eine Vorstufe zu künstlicher Intelligenz … und das werden wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten mit Sicherheit nicht auf Webseiten sehen.
Ansonsten ein wirklich prima Beitrag!
Offenbar bin ich noch eine Erklärung schuldig und zwar zur “Barrierearmut”. Meine Abgrenzung von dem Thema ist irgendwo zwischen der o.g. schäbigen Haltung und der Einsicht zu sehen. Aus verschiedenen Gründen wird eine vollständige Barrierefreiheit nie wirklich erreichbar sein. Das gibt es weder im Web noch sonst wo. Deshalb kann Barrierefreiheit “nur” ein Ziel sein. Die unendliche Zahl an Zwischenschritten auf dem Weg zu diesem Ziel könnte man dann als “barrierearm” beschreiben, aber warum eigentlich?
Ich will es mal so formulieren: Keiner spricht von Design-arm oder Usability-arm. Wenn einem eine Seite nicht gefällt oder wenn man zu viel nachdenken muss, um etwas zu kaufen, dann trifft die Seite nicht meinem Geschmack oder sie ist schlicht und einfach schlecht gemacht.
Hallo Jan,
ich sehe den Begriff “Universelles Webdesign” als internen Arbeitsbegriff, hier für mich. Ob er als Bezeichnung für das Impressum taugt, da bin ich mir auch nicht sicher. Es ist aber ein Ansatz, der Barrierefreiheit auch klar abgrenzen kann, ich glaube, das ist auch wieder notwendig, und zwar im positiven Sinne.
Du hast absolut recht, keiner spricht von Usability-armen Seiten. Wieso bin ich nicht darauf gekommen?
Über welche BEgrifflichkeiten wir auch immer reden, uns darüber einigen oder streiten – was letztlich zählt, ist die Möglichkeit, die auf Webseiten angebotenen Dienste “ohne fremde Hilfe” und “ohne erhöhten Mehraufwand” nutzen zu können – wobei “ohne erhöhten Mehraufwand” schon wieder ein Begriff ist, der der Definition bedürfte.
Ist diese Gebrauchstauglichkeit einer Seite gegeben, so spielt es keine Rolle mehr, wie die einzelnen Begriffe definiert wurden – ist der Dienst nicht gebrauchstauglich, spielen Definitionen erst recht keine rolle mehr.
Ich will damit keinesweg sagen, dass die Diskussion um Begriffe nutzlos ist – eher im Gegenteil: Es ist nötig, sich ständig neu damit auseinanderzusetzen, um eine eigenständige und auch in diversen Diskussionen haltbare Definition für seine eigene Aufgabe in diesem Komplex zu finden und umzusetzen.
Die Verschmelzung der wichtigsten Komponenten wie Standardkonformität, Design, Usability und auch Accessibility können letztlich nur in einen Kompromiss münden, der dann als gelungen bezeichnet werden kann, wenn niemand durch das Ergebnis von der Nutzung ausgeschlossen wird und die Ziele aller Beteiligten zu einem großen Teil erreicht worden sind. Das bedingt aber auch, dass jeder – ob nun Webanbieter, Designer, Programmierer oder Anwender – kompromissbereit sein und vom hohen Ross des Absolutheitsanspruchs heruntersteigen muss. Im Gesetz sind nämlich nicht nur die Forderungen behinderter Menschen verankert, sondern auch die Leistbarkeit und Zumutbarkeit bei der Umsetzung.
Aus meiner Sicht sind es letztlich nicht die unterschiedlich oder gar nicht definierten Begrifflichkeiten, die bei der Umsetzung möglichst qualitativer Webseiten im Wege stehen, sondern eher mangelnde Toleranz, Lernresistenz und Ignoranz in einem der beteiligten Lager. Jede Kette ist aber bekanntlich immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied.
In einem guten Team geht es schließlich nicht darum, dass jeder seinen eigenen Willen zu 100% umsetzt, sondern dass gemeinsam ein mögichst gutes Ergebnis erzielt wird.
Ich persönlich stelle mir unter universellem Webdesign jedenfalls eine Seilschaf vor, die an einem Strang zieht und auch Accessibility als wesentliches Qualitätsmerkmal integriert.
Klasse Artikel. Und ganz im Sinne dieses Artikels möchte ich noch eine kleine Ergänzung hinzufügen:
Dass ich den Begriff Barrierefreiheit auch auch Sprachprobleme bei Migranten erweitert habe, war nur dem Aspekt der Barrierefreiheit als theoretischem Ideal geschuldet. Denn eine theoretisch ideale barrierefreie Webseite einer deutschen Behörde müsste, wenn man wirklich vom Ideal ausgeht, auch für einen Hottentotten nutzbar sein. Dieser Aspekt ist absichtlich so krass gewählt, damit das theoretische Ideal als solches klar wird.
Du hast Recht damit, was die sehr verschiedene Auffassung von “Barrierearm” angeht. Eine ähnlich unterschiedliche Auffassung gibt es auch für den Begriff “Barrierefrei”. Manche glauben irrtümlich, eine Seite, bei der alle Bilder einen alt-Text enthielten, wäre damit bereits Barrierefrei. Diese Auffassung von Barrierefrei ist ähnlich schäbig wie Barrierearm als “ein bisschen barrierefrei reicht mir”.
Mein Anliegen mit dieser vielleicht etwas absurden Erweiterung des Begriffs auf Mirganten sollte nur meine eigene Positionierung der Begriffe Barrierefrei und Barrierearm klarstellen: Barrierefrei als das perfekte Ideal, das wir niemals erreichen können, und Barrierearm als den maximal erreichbaren Kompromiss.
Interessant sind Deine Gedanken zum “idealen Design”. Ich vermute mal, dass es das durchaus geben könnte. Ich denke mal, das ideale Design dürfte die Vereinigung von idealer Barrierefreiheit, idealer Nurtbarkeit und idealer Präsentation darstellen. Allerdings treffen wir hier auf einen Systeminhärenten Widerspruch: Wenn eine Seite (sofern möglich) ideal für genau einen Menschen ist, dann ist diese Seite für alle Anderen mit Sicherheit suboptimal, denn Menschen sind verschieden. Von daher beisst sich dieser Begriff mit sich selbst. Das ideale Design ist immer ein notwendiger Kompromiss, und Kompromisse sind niemals ideal. Aber es ist interessant und nützlich, sich darüber mal Gedanken zu machen.
Übrigens: Der Begriff “Usability-arm” ist hier Kokolores. Barrierearm ist ein positiver Begriff. Je barriereärmer, desto besser. Usability-Arm ist ein negativer Begriff. Je Usability-ärmer, um so schlechter. Wenn man das schon vergleichen will, dann mit vergleichbaren Begriffen. Und der mit dem Begriff Barrierearm vergleichbare Begriff ist hier schlicht “nutzbar”. Oder, wenn es englisch sein soll, “usable”. Oder als Substantiv “Nutzbarkeit” oder eben “Usability”. Und diese Begriffe sind in der Tat, ähnlich wie “Barrierearm”, keine absoluten Begriffe, sondern ein Gradmesser. Allerdings ist mir hier kein Begriff bekannt, der hier das Ideal benennen würde, ausser auch wieder der gleiche Begriff “Nutzbar”. Hier kann also ein und der selbe Begriff sowohl als Gradmesser als auch als Benennung des Ideals verwendet werden. Das fördert natürlich Missverständnisse.
Hallo Eva!
Genau so, wie du universelles Webdesign definierst, sehe ich es auch.
Das Hauptproblem der schichten Ignoranz gegenüber dem Thema zeigt sich auch in der Verbreitung der Accessibility Blog Parade. Wir sind mal wieder unter uns.
Schön, die Bekannten virtuell zu treffen, schöner wäre es gewesen, auch mal Unbekannte an dieses Thema zu bringen.
Einerseits ist da immer noch ein Kommunikationsbedarf, der nicht als Lücke, eher als Schlucht bezeichnet werden muss. Andererseits haarsträubende Detail-Diskussionen, die man einem BF-Newbie niemals zumuten könnte, ohne ihn gleich zu verschrecken.
Einfach weitermachen, informieren und aufklären, auch wenn man sich mal in die Nesseln setzt, aneckt und sein Selbstverständnis ständig hinterfragen muss, das ist wohl der eigentliche Weg.
Immerhin: solange es Kontroversen gibt, lebt ein Thema, und das ist wichtig.
@Siegfried
Deine Einbindung von MigrantInnen ist verständlich, ich habe bisher selbst ähnlich argumentiert. Wir steuern aber eben unausweichlich auf das erwähnte “Zuviel des Guten” zu. Da wird die BF-Lokomotive mit immer mehr Begriffen befeuert, bis die ganze Kiste in Höchstgeschwindigkeit alle wichtigen Haltepunkte überfährt und irgendwann gegen die Wand knallt. Je mehr man ein Ideal erweitern will, umso ferner steckt man das eigentlich wichtige Ziel. Irgendwann wird es dann unmöglich, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen. Den Kommunismus hat die Sowjetunion in 70 Jahren nicht geschafft und die chinesische KP hat vor einigen Jahren vorsorglich festgelegt, dass das dort noch etwa 100 Jahre auf sich warten lässt. Na denn, wie lange dauert dann wohl die Erreichung eines Ideals namens Barrierefreiheit, wenn wir das Ideal schön hoch hängen?
Dass “usability-arm” im Gegensatz zu “barrierearm” negativ belegt ist, stimmt nur in der Theorie. Es gibt in der Usability kein vergleichbares Ideal, deshalb wird “usability-arm” auch nicht verwendet, ebensowenig wie das vollkommene oder ideale Design.
Der Vergleich ist definitiv kein Kokolores und thematisiert genau eine Problematik, die nur in Diskussionen zur Barrierefreiheit auftaucht. Die sind nicht mit den vergleichsweise harmlosen Diskussionen bei Usablity und Design zu vergleichen. Selbst im technischen Bereich gibt es das äußerst selten: nur wenige Webdesigner meinen bei einem eventuell obsoleten DIV sofort von Divitis sprechen zu müssen, und nur wenige Tabellenfrickler bappen sich ein W3C-Button auf die Seite. Es gibt Webstandards, aber die sind als Ideal sehr klar definiert und können recht zuverlässig nachgeprüft werden.
Bei BF gibt es einerseits die akademischen Haarspalter, die nur das erwähnte Ideal vor Augen haben, und damit den Begriff Barrierefreiheit für fast alle Webseiten unmöglich machen, da sie das “reale Leben” mit seinen Machbarkeiten, Notwendigkeiten und Zumutbarkeiten von vornherein ausblenden. Noch mehr gibt es von den Schwachköpfen und den von Eva erwähnten Ingnoranten, die einer lediglich validierten Seite das Bapperl der Barriefreiheit aufsetzen. Die einen haben also den Bezug zur Realität verloren, die anderen haben ihren Gehirnkasten nicht eingeschaltet. Alles zwischen diesen Extremen führt dann zur Thematisierung der Barrierearmut, die noch schwammiger definiert werden kann als Barrierefreiheit.
Hallo Nils,
dein Artikel ist super. Bietet wirklich einen guten Überblick über die laufende Diskussion. Du hast uns damit ein Stück Arbeit abgenommen, danke
Zur Verbreitung der Accessibility Blog Parade möchte ich noch anmerken: Ja, es hat sich eine (teilweise auch recht hart geführte)Diskussion unter Profis und Gurus entsponnen, die wir eigentlich nicht so erwartet haben.
Aber es machen auch einige interessierte Laien mit, die die Aktion zum Beispiel nutzen, um Barrieren in ihren Blogs abzubauen und darüber zu berichten. Allerdings ist das nicht ganz einfach, sich öffentlich als unwissend zu “outen” und nachzufragen, wenn da etwas unklar ist. Das ist auch meine persönliche Erfahrung als Nicht-Technikerin. Denn der Diskurs der Elite schreckt ab und erweist sich selbst als Kommunikationsbarriere für jene, die in ihrem Verständnis von Barrierefreiheit halt noch nicht so weit sind.
Die Parade ist ein Versuch, das Thema Web Accessibility “niedrigschwelliger” zu kommunizieren und zugänglich zu machen. Dieser Versuch ist nur bedingt geglückt. Dennoch gibt es nun einen Lernprozess mit vielen Anstößen, sich weiter über Barrieren im Netz zu verständigen, den Dialog von mehr und weniger Eingeweihten zu ermöglichen und die wirkende Kraft des Anliegens gemeinsam zu hegen und zu pflegen. Weitere Webvents werden folgen. Oder, wie es mein Kollege Robert Lender formulierte: Nach der Parade ist vor der Parade …
@siegried:
Vielleicht hätte ich anstatt Usability-arm dann Dis-Usability und für Design-arm “Design-los” verwenden sollen.
Barrierearm ist ansonsten definitiv schlechter als barrierefrei.
Nachdem mich Beate so nett zitiert hat, muss ich noch einen kleinen Einwurf machen.
Ja, unser Ziel viele BloggerInnen zu erreichen, die sich noch nicht intensiv mit Accessibility beschäftigt haben, haben wir vordergründig nicht erreicht. Es gibt nur einige diesbezügliche Blogbeiträge – die aber umso mehr interessante Einblicke und Ansätze zeigen. Vielleicht fehlt der Diskussion rund um Accessibility genau dies – das Thema neu und von anderen Seiten zu betrachten, zu transportieren und zu kommunizieren. Aber ich bin da Neuling.
Und so Neulingsmäßig mögen sich viele ob der Diskussionen von ExpertInnen bei der Blog Parade gesehen haben und waren vielleicht teilweise (wie ich aus Mails entnommen habe) etwas abgeschreckt zu schreiben. Andererseits hat die Blog Parade indirekt über Kommunikationswege wie Twitter, Facebook und viele mehr doch einige neue LeserInnen gefunden.
Nach der Parade ist vor der Parade. Ich verdaue erst langsam die ganze Dynamik die in den letzten Wochen entstanden ist, die Diskussionen die abseits der Blogeinträge geführt wurden, all die Anregungen die kamen. Meinerseits geht es daher nach der Parade erst so richtig los. Und es spriessen in meinem und anderen Köpfen schon Ideen für neue Ansätze der Vermittlung, der Anregung, der Diskussion,..
Zumindest bei einigen – und das sind mehr als man vordergründig meint (ohne jetzt die Reichweite der Parade überbetonen zu wollen) – hat die Parade mehr ausgelöst als man allein aus der Anzahl der beitragenden Blogs außerhalb “der Szene” schliessen könnte.
Daher wiederhole ich es gerne nochmals. Nach der Parade ist vor der Parade. Oder einer ganz anderen – noch viel besseren Idee
Danke, Nils, für den Artikel. Selbstverständlich ist mein Vorschlag gedacht als integrativer Beitrag. Und er ist verbunden mit der Hoffnung, dass auf der Basis von Vernunft und gemeinschaftlichem Zusammenwirken Rigorismen und Missverständnisse beendet werden können.
@ Beate
Danke für dein Lob
Dass Ihr nicht mit der sofortigen Teilnahme der Gurus und Profis und derer, die meinen, sich sowieso äußern zu müssen (wie ich), gerechnet habt, zeigt, dass Euer Experiment ganz neu für Euch war
Diese Diskussionen und auch kontroverse Dispute sind trotzdem sinnvoll, denke ich. Es bringt allen irgendeinen Mehrwert. Und sei es nur ein gesparter Kaffee (Aufregung) oder eine gute Idee (Inspiration).
@Stefan
Ich habe gesehen, Du hast das auf deine Seite klar definiert: Universelles Webdesign und Barriefereies Internet.
Ja, aber genau so ist es doch klasse.
Andere haben dann als Kernkompetenz eben Texten fürs Internet, Grafik-Design, Blog-Templates oder SEO da stehen. Warum auch nicht?
Aber zusätzlich eben der Blick auf das ganze Thema Webdesign. Und das ist aufgrund der Komplexität schon universell zu nennen, wenn man es professionell betreibt.
Ich muss das bei mir auch noch mal ändern.
Hi,
@Nils (und Andere): Naja, es stimmt schon, dass mit den von mir angeführten Gesichtspunkten BF als Ideal in unerreichbare Ferne gerückt wird. Und ich kann nachvollziehen, dass dieser Begriff vielleicht besser in handhabbarer Reichweite bleiben sollte. Allerdings wäre das, streng genommen, eine Fehldeutung des Begriffs. Das wäre nun nicht unbedingt schlimm, wir leben mit sehr vielen Begriffen, die heute aus Gewohnheit für Etwas stehen, was sie ursprünglich nicht bedeutet haben. Meine Argumentation geht hier eher von dre Theorie aus. Ich akzeptiere aber, dass die Praxis sich davon eben unterscheidet.
Nur noch einmal, ganz theoretisch, ohne Anspruch auf praktische Umsetzung: Der Begriff “Frei” ist ein absoluter Begriff. Jemand oder Etwas ist entweder frei oder eben nicht. “Ein bisschen frei” ist ungefähr so wie “ein bisschen schwanger”. Jedenfalls bedeutet _mir_ dieses Wort das. In diesem Sinne ist bei theoretisch korrekter Verwendung dieses Begriffs eine barrierefreie Seite frei von _allen_ Barrieren. Eine barrierearme seite kann hingegen niedrige oder wenige Barrieren haben. Aber, wie gesagt, das ist in der Tat eine theoretische Betrachtungsweise. Um es mal etwas salopp zu sagen: Barrierefrei klingt griffiger und marketing-gerechter als barrierearm. Schon allein der Begriff “arm” wird ungern verwendet. Daher kann ich in der realen Praxis hier durchaus mit dem Begriff “barrierefrei” leben. Und ganz besonders in der Diskussion mit nicht-Fachleuten werde ich diesen Begriff auch genau so verwenden. Nur bei Diskussionen unter Fachleuten ziehe ich es vor, von der Umgangssprache abzuweichen und den Ausdruck sachlich so präzise wie möglich zu verwenden. Bei der Diskussion hier verwende ich also den Begriff “Barrierearm” so, wie ich im Alltag den Begriff “Barrierefrei” verwende. Im Alltag mache ich es mir gerne bequem, hier versuche ich lieber, präzise zu sein.
Wenn Michael Chalier von der Etablierung eines „universellen Webdesign“ spricht, meinte er die Forderung Webseiten standardkonform zu entwicklen:
„Die vom W3C standardisierte Markup-Sprache XHTML und die Auszeichnungssprache CSS bieten ideale Voraussetzungen für die Produktion von Webseiten im Sinne eines Universal Design.“ Standardkonforme Seiten sind nahezu universell zugänglich.
Zugänglich heißt aber nun mal nicht barrierefrei, Barrierefreiheit geht weiter. Zugänglichkeit öffnet die Tür „automatisch“, aber das alleine reicht nicht aus. Eine Rampe für Rollstuhlfahrer macht ein Haus auch nicht barrierefrei.
Ich verstehe auch nicht, warum es für manchen Webdesigner so schwierig ist, den Begriff der Barrierefreiheit anzunehmen. Stattdessen wird sich in Begriffe wie Barrierearmut, oder „absolute Barrierefreiheit gibt es eh nicht“ geflüchtet. Man möge mich berichtigten aber ich kann mich jetzt nicht daran erinnern das in der WCAG absolute Barrierefreiheit gefordert wird.
Ich kann mich daher deiner Schlussfolgerung nicht anschließen: „Mir erscheint es mittlerweile aber sinnvoll, einen weiteren Begriff mit einer eigenständigen Bedeutung zu verwenden“.
Bedeutung und Anforderungen an standardkonformes Webdesign, Web Accessibility oder Usability sind klar definiert und können jederzeit nachgelesen werden, wenn man unsicher ist. Ich denke das viele über Barrierefreiheit reden aber nicht wirklich wissen, was es bedeutet. Ich halte es hier wie mein Professor an der Hochschule: „Wenn man über die Klassiker reden will, sollte man sie zuerst gelesen haben.“
Den Begriff der Barrierefreiheit durch einen neuen zu erweitern oder zu ersetzen wird der Thematik nicht gerecht. Es gibt ja auch nicht ein bisschen standardkonform, entweder die Standards für HTML und CSS werden eingehalten oder eben nicht.
Wie bei Webstandards und Usability geht es bei Barrierefreiheit um die Standardisierung, Richtlinien und Empfehlungen.
@Peter
Erstens: Michael wird als ein Urheber des Begriffes Universelles Webdesign genannt. Die Interpretation, die ich übernehme, stammt von Stefan. Ich denke trotzdem, dass Michael den Begriff nicht von der Barrierefreiheit ausgekoppelt sehen möchte, da er in diesem Bereich selbst ein Fachmann ist.
Zweitens: ich weiß nicht, wie du darauf kommst, ich würde den Begriff Barrierefreiheit ersetzen wollen. Davon steht nichts in meinem Beitrag.
Drittens: Du schreibst: “Wie bei Webstandards und Usability geht es bei Barrierefreiheit um die Standardisierung, Richtlinien und Empfehlungen.”
Ja, wenn es so einfach wäre, die Definition Barrierefreiheit einfach “nachzulesen”, umzusetzen und abzuhaken. Diskutiert wird die Bedeutung des Begriffes nicht von Leuten, die nur über Barrierefreiheit reden, sondern von Webdesignern, die seit Jahren Barrierefreies Webdesign praktizieren.
Abhaken kann man nicht einmal Webstandards. Valide sind auch Seiten, die bar jeglicher Semantik sein können. CSS ist in den 90er Jahren nicht entwickelt worden, um die komplexen Layouts von 2007 zu erstellen, auch wenn es geht. Dafür bekommen wir irgendwann die CSS Grids. Usabilty muss auch erst getestet werden, da können allenfalls die Testergruppen und Zielgruppen den Daumen heben.
Mit deinem Satz “Zugänglich heißt aber nun mal nicht barrierefrei, Barrierefreiheit geht weiter” nimmst du selbst an der Diskussion der Begriffsverwirrung teil. Wer eine Webseite barrierefrei umsetzt und sie als zugänglich bezeichnet, begeht also einen begrifflichen Fehler, nur weil er am Ende vielleicht schreibt “… damit ist diese Seite auch barrierefrei.”?
Meine persönliche Sicht der Dinge: die von dir erwähnten Standardisierung, Richtlinien und Empfehlungen sind nur so gut, wie sie auch umgesetzt werden. Barrierefreiheit ist keine Theorie wie das “Studium der Klassiker”, sondern muss sich “da draußen” in Praxis bewähren. Eine barrierefreie Seite ist kein akademisches Gebilde, sondern eine auch für behinderte Menschen zugängliche Webseite. Und weil das die einzig entscheidende Prämisse ist, entstehen Diskussionen und Kontroversen, die im Übrigen und allesamt auch nicht schädlich sind, im Gegenteil.
Man stößt bei Webstandards auf Kompromisse und Lösungen, die um die Ecke laufen müssen, damit sie funktionieren und so den Standards entsprechen. Die Qualität der Usability muss getestet werden, damit sie funktioniert und so den Empfehlungen entsprechen. Und Barrierefreiheit muss noch weit mehr theoretischen, technischen und praxisnahen Anforderungen entsprechen, damit sie sie funktioniert und so den Richtlinien entspricht.
Eine benutzerfreundliche Webseite kann voller Barrieren sein. Sie kann sogar auf Webstandards verzichten. Dennoch ist sie keine gute Webseite. Eine standardkonforme, semantische Webseite kann vollkommen auf Barrierefreiheit verzichten, damit ist sie keine gute Webseite. Eine erstklassig gestaltete Designer-Webseite kann auf alles verzichten und ist damit keine gute Webseite. Eine barrierefreie Webseite, die als “hässlich” empfunden wird und für Nutzer mit grafischen Browsern nicht benutzerfreundlich ist, ist auch keine gute Webseite.
”Universelles Webdesign” kann ein Begriff für gutes Webdesign sein, das alle Aspekte einschließt. Entscheidend bleibt aber die Bestätigung in der Praxis. Wir erstellen Webseiten für Menschen, nicht für Richtlinien.
Wer sagt denn das die Richtlinien der WCAG einfach nur nachzulesen, umzusetzen und abzuhacken sind. Es kann aber mit Sicherheit nicht schaden die WCAG gelesen zu haben. Es geht mir auch nicht um einen akademischen Exkurs. Ich denke, dass wir uns einig sind, wenn ich sage, das man die WCAG schon einmal gelesen haben sollte.
Wo trage ich Bitte zur Begriffsverwirrung bei, wenn ich sage das der Begriff Zugänglichkeit nicht folglich Barrierefreiheit bedeutet. Accessibility heißt Barrierefreiheit, und Zugänglichkeit ist ein Teil davon. Accessibility mit Zugänglichkeit zu übersetzen ist falsch und greift zu kurz.
Ich komme noch mal auf mein Beispiel mit der Rampe für Rollstuhlfahrer zurück. Wenn das Haus eine Rampe hat, ist es zugänglich. Der Rollstuhlfahrer kommt ohne weiteres hinein. Ist das Haus damit aber barrierefrei? Ganz klar: Nein. Mit dieser Ansicht stehe ich mit Hellbusch auf einer Stufe.
Sicherlich sind Richtlinien und Empfehlungen, sowie Standardisierung nur dann gut, wenn Sie umgesetzt werden. Barrierefreiheit ist auch nicht einfach eine Liste die abgehackt werden muss und schwupps man hat eine barrierefreie Seite.
Das Barrierefreiheit keine Theorie ist dürfte ebenso eindeutig sein. Schließlich ist die WCAG ja nicht zum Spaß da. Es geht um Zugänglichkeit und Gebrauchstauglichkeit für behinderte Menschen. Zugänglichkeit ist eben nur ein Teil davon.
Das wir Webseiten für Menschen erstellen und nicht für Richtlinien darüber herrscht Konsens. Wir erstellen die Webseiten aber auf der Basis von Webstandards, Usability und Barrierefreiheit, nach Richtlinien, Empfehlungen und Empfehlungen zur Standardisierung.
Mein Kommentar zielte darauf ab, das wir für Barrierefreiheit keine Legitimierung durch einen Begriff wie Universelles Webdesign benötigen. Auch hier gehe ich mit Hellbusch konform. Ebenso halte ich den Begriff der Barrierearmut oder Barrierefreundlichkeit, die immer wieder durch so manche Diskussion wandern für eine Ausrede um sich galant aus der Affäre zu ziehen. Dies gilt ebenso für die Aussage: „Absolute Barrierefreiheit gibt es je nicht“.
Begrifflichkeiten wie barrierearm oder barrierefreundlich tragen viel eher zu Verwirrung bei, weil sie ein falsches Bild vermittlen. Auch wenn Barrierefreiheit einen utopischen Ansatz impliziert, geht es doch um einen Zustand der anzustreben ist.
Warum soll man also einen Begriff wie Universelles Webdesign gebrauchen, wenn es bereits dafür Begriffe gibt, die viel präziser sind, wie Webstandards, Barrierefreiheit, Usability oder auch User Experience. Neue Töpfe aufzustellen und einen Begriff wie Universelles Webdesign ohne Relevanz in die Diskussion zu werfen ist wenig hilfreich.
Deine Ausführungen über Validität, Webstandards, Semantik, Notwendigkeit von Benutzertests, Notwendigkeit der Diskussion, für und wieder guter Webseiten sind absolut einleuchtend, werden aber von mir nicht in Frage gestellt.
[...] Eigentlich schade, denn beide Kräfte wirken in die gleiche Richtung: Die Zoom-Funktion soll die Zugänglichkeit für jene verbessern, die auf skalierbare Schrift und größere Bilder angewiesen sind. Sie ist keinesfalls ein Ersatz für gute Planung und ein Grund zur Faulheit für Webdesigner. Allenfalls werden zukünftig elastische Layouts, deren Umsetzung weder einfach, noch unproblematisch ist, wegfallen. Aber selbst bis zu diesem Zeitpunkt ist es noch ein weiter Weg, denn die Zoom-Generation der Browser steckt noch in ihren Stramplern. Flexible Layouts wird es auch weiterhin geben, denn sie sind eine zusätzliche Gestaltungsvariante und wer sie als Designer beherrscht, wird sie schnell zu schätzen wissen. Wer pixelgenaue Layouts möchte, sollte noch etwas Geduld mitbringen und auf die Zukunft von CSS3 vertrauen. Eines sollten Webentwickler dabei aber nicht vergessen: Barrierefreiheit ist kein Trend, es ist Einstellungssache. [...]