Wir sind so (barriere)frei?

17. August 2007 von Nils Pooker

Wer sich freiwillig anschickt, neben den Klippen moderner Webstandards auch noch die unendlich hohen Gipfel des barrierefreien Webdesigns zu besteigen, muss sich ziemlich warm anziehen. Die meisten Wanderer ignorieren diesen Berg aus verschiedenen Gründen.

Manche kommen aber auch ohne lange Wege schnell zu einem Ziel: Noch ziemlich weit unten, am Fuße des Berges gibt es gleich nach der fensterlosen Hütte der Irregeleiteten noch das Hotel der Idioten, da kann man sich behaglich ausruhen und man ist in bester Gesellschaft, der Laden ist nämlich gerammelt voll. Steigt man höher, bedarf es immer mehr Idealismus, die Rast- und Ruheplätze werden immer ungemütlicher und der Weg immer beschwerlicher. Und ganz oben, versteckt über dem undurchdringlichen Nebelmeer, auf einem Gipfel aus purem Elfenbein steht noch das einsame Schloss der Ideologen, die gelegentlich herabsteigen, um die rastlosen Wanderer und Suchenden der WAIDE-Liste mit den einzig wahren Belehrungen zu beglücken.

Um es gleich klarzustellen: ich bin weder einer der ganz Großen, noch einer der superkompetenten Webdesigner für barrierefreie Webseiten, da gibt es andere und weitaus bessere. Und: ich habe reichlich Leichen im alten Keller. Der ständige Zweifel an den eigenen Kompetenzen ist ebenso Teil meines täglichen Arbeitsalltags wie der Wille zum ständigen Lernen. Doch kein Bereich des Webdesigns hat mich stets so verwirrt, so oft verärgert und ebenso oft frustriert wie die Inhalte, Aspekte und Diskussionen bezüglich zugänglicher Websites.

Wir können davon ausgehen, dass Zeldmans Zitat der 99% obsoleten Internetseiten (keine Webstandards) nicht mehr aktuell ist. Sagen wir mal, 2007 ist die Zahl schon auf 90% eingedampft. 10% der Websites kann man also mit ein bisschen Phantasie schon fast als standardkonform betrachten, jedenfalls wenn man bei Validierung, Verwendung von Grundlayouttabellen und diversen Syntaxfehlern nicht so genau hinsieht. Ansonsten wäre man wohl eher bei 4%, aber egal.

Wenn wir davon ausgehen, dass ein altmodischer Tabellenverschlag schlechterdings nie zugänglich sei kann, geht es also um nicht mehr als 10% aller Websites. Und weil es hier um deutsche Szene geht, wollen wir mal typisch deutsch alles sortieren: Die Praktiker zum Thema barrierefreies Webdesign lassen sich nämlich innerhalb der Webdesigner-Gemeinde grob in fünf Kategorien einordnen.

Die Ignoranten, die Idioten, die Irregeleiteten, die Idealisten und die Ideologen.

Die Ignoranten

Beginnen wir mit der absoluten Mehrheit der Webdesigner und einer weiteren wichtigen, typisch deutschen Mentalität. Man ist hierzulande grundsätzlich misstrauisch, wenn es um die Notwendigkeit von Gesetzen und bürokratischen Strukturen geht. Das gilt auch für die BITV. Im Gegensatz zum angelsächsischen Verständnis von Freiheit und Demokratie lieben wir hierzulande neben dem Bürokratie-Bashing ja auch die durch Gesetze und Verordnungen klar abgegrenzten Möglichkeiten der Freiheit nach dem Motto: "Freie Fahrt für freie Bürger, aber Todesstrafe für Kinderschänder und Leute, die vor der Einfahrt parken". Die Einsicht, dass Gesetze und Verordnungen überhaupt einen Sinn für das Gemeinwohl haben könnten, geht vielen eindeutig ab, das persönliche Rechtsempfinden entspricht subjektiven Interessen. Die Ignoranten im Webdesign gehören genau zu dieser Fraktion (die mit der Todesstrafe für Parksünder treffen wir später noch einmal wieder in abgeänderter Form unter der Kategorie Ideologen).

Wer sich mit Webstandards befasst, wird unweigerlich auch über das Thema Zugänglichkeit und die BITV stolpern. Wer seinen Hirnkasten mal kurz beleuchtet, wird auch den Sinn und die Vorteile erfassen, die unglücklicherweise mit dem Wort-Ungetüm "Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung" festgeschrieben wurden. Dieser Sinn wird jedoch nicht nur ignoriert, weil die Ignoranten keine Lust zum Lernen haben, nein: das gilt ja nur für die Bundesbehörden, da wird es auch als sinnvoll erachtet, wenn auch mit dem Verdachtsmoment zusätzlicher Verschwendung von Steuergeldern. Die eigenen Kunden müssen das aber nicht umsetzen und es interessiert sie auch nicht, also kann man das mal gleich vergessen. Menschen mit Einschränkungen werden da schnell als "Schwerbehinderte" abgetan, als mögliche Endnutzer der Kunden-Websites werden sie deshalb gleich zusammen mit der ganzen Praxis des barrierefreien Webdesigns ignoriert. Keine gut gemeinten und noch so raffiniert vorgebrachten Argumente wie ROI ("Return On Investment") oder alternative Internet-Ausgabegeräte werden diese Gruppe von ihrer Ignoranz abbringen. Als Gegenargument wird man stattdessen die Bemerkung hören "Barrierefreies Webdesign, jaja, das ist auch so eine Mode im Moment".

Die Idioten

Mit der Mode sind wir auch schon bei den Idioten gelandet.
Die weitaus interessanteste Gruppe umfasst die Unterkategorien Betrug und Beschränktheit. Hier geht es um Webentwickler, die trotz besseren Wissens (oder der Möglichkeiten besseren Wissens) entweder absichtlich oder aus Dummheit das Thema barrierefreies Webdesign falsch umsetzen und kommunizieren. Im Extremfall entblödet sich eine Full-Service-Agentur nicht, für gutes Geld auch heute noch eine Textversion als "barrierefreie Version" ins Netz zu stellen, das grenzt jedoch nach Jahren des BIENE-Awards, einigen Buchveröffentlichungen und unzähligen Quellen im Netz eher an Betrug als an grobe Fahrlässigkeit. Dann anschließend zu sagen, man habe das – in guter deutscher Tradition – alles gar nicht gewusst ist dann der Gipfel der Erbärmlichkeit. Ein Suchlauf bei Google reicht aus, um an die einschlägigen Blogs, Sites oder Buch-Rezensionen mit weiteren unzähligen Querverlinkungen zu gelangen.

Nicht besser ist die idiotische Variante, eine lediglich validierte Website als barrierefrei zu klassifizieren. Es wird wohl keinen ernst zu nehmenden Webentwickler mehr geben, der sich an Webstandards hält und nicht weiß, dass eine im Validator positiv getestete Site nicht automatisch alle Aspekte der Zugänglichkeit beinhaltet. Ganz besonders dämlich sind dann die als barrierefrei angepriesenen Auftritte mit einem rudimentären Tabellenlayout (valide), unsinniger Semantik (valide), Inline-Scripts (valide), leeren oder nichtssagenden Alt-Texten (valide), fixen DIV-Höhen (valide), komplett fehlende Kontraste (valide) oder Mini-Pixel-Schriftgrößen (valide). Von der nicht vorhandenen Rudimentär-Ausstattung einer halbwegs barrierefreien Site ganz zu schweigen, also sinnvolle Sprungmarken, vor grafischen Browsern versteckte Orientierungshilfen, sparsam verwendete Überschriften oder korrekte Auszeichnung von Abkürzungen, Akronymen und Sprachwechsel.

Dennoch outen sich diese Spezialisten nicht selten mit unterhaltsamen Beiträgen in der WAIDE-Liste. Man wartet schon gespannt auf die Frage, ob man für die 1-Pixel-GIFs in den verschachtelten Tabellen auch Alt-Texte eingeben sollte, um die Site barrierefrei zu machen. Gelungen auch die Bemerkungen, ob nicht aufgrund der unterschiedlichen Browserdarstellungen eine komplett barrierefrei gemachte Flash-Site eine sinnvolle Alternative wäre. Den echten Idioten erkennt man daran, dass auf sachlich-freundliche Antworten kein Umdenken, sondern störrisch beleidigtes Kleinkinderverhalten folgt.

Zur Kategorie der Idioten gehören außerdem die professionellen Bapperl-Junkies, die stets und ständig auf der Suche nach der Richtlinienkompetenz sind: ihr Gott ist der TÜV, willkürlich ausgewählte DIN- und ISO-Normen die Apostel, eine Checkliste mit einzelnen Prüfschritten zum simplen Abhaken das Evangelium. Die Argumentationsketten dieser beschränkten Sicht von Barrierefreiheit sind dünn bis dämlich. Man wird zwar den Verdacht nicht los, hier gehe es um Rechthaberei, es geht aber auch um eine lukrative Form der uniformierten Bequemlichkeit: die Suche nach dem einfachen und gut bezahlten Weg zur Überwindung der unvermeidlichen Einzelaspekte im barrierefreien Webdesign. Idiotisch ist diese Einstellung, weil man immer noch nicht verstanden hat, dass all diese Aspekte immer von der Architektur und dem Workflow des einzelnen Projektes, von den individuellen Kundenanforderungen, vom projektabhängigen Nutzerverhalten und von den Ressourcen des Webentwicklers oder der Agentur abhängen.

Die Irregeleiteten

Die Irregeleiteten erkennt man daran, dass sie erfolgreiche Validierung, den Einsatz von Sprungmarken, Alt-Texte und die semantisch korrekte Verwendung von Überschriften, Absätzen und Navigationslisten als ausreichende Kriterien für die Bezeichnung "Diese Seiten sind barrierefrei" erachten. Neben den (X)HTML- und CSS-Buttons werden dann die Bobby-, Cynthia- und AAA-Bapperl stolz auf jeder Seite präsentiert. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass man sich besonders als Anfänger derart in die Nesseln setzen kann, aber auch das hat seine Gründe. In die Irre geleitet werden die Anfänger ja gerade von vielen "Großen" des Webdesigns, von denen nicht wenige ebenfalls überzeugt sind, die Erfüllung der genannten Kriterien würde automatisch zu einer barrierefreien Webseite führen. Eine große Schuld daran tragen jedoch auch die Vertreter der Idioten.

Die Idealisten

Als Idealisten bezeichnet man im allgemeinen Menschen, die ständig auf der Suche nach Lösungen sind, um sich gezielt für eine "Sache" einsetzen. Auf dem Gebiet des barrierefreien Webdesigns kann man diese Mehrheit der Vertreter irgendwo zwischen Pragmatismus und Pingeligkeit einordnen. Das Leitbild ist eine Form des sozialen Gewissens: man macht etwas, "weil es sich so für alle gehören sollte". Barrierefreie Websites werden in erster Linie nicht als Luxus, nicht als umsatzsteigerndes Geschäftsmodell oder als blasse Erfüllung von BITV oder WCAG verstanden, sondern als Selbstverständlichkeit in einer Gesellschaft, in der das Internet zu einem der wichtigsten Kommunikationsmedien geworden ist. Es ist in der Ausübung der Tätigkeit eigentlich nur der realitätsnahe Ansatz des Machbaren, der den Idealisten vom dogmatisch denkenden Ideologen unterscheidet, doch gerade dieser Unterschied macht den Idealisten angreifbar. Die schärfsten Angriffe kommen, wen wundert’s, auch nicht von den Ignoranten, den Irregeleiteten oder den Idioten, sondern immer direkt von den Vertretern der nun folgenden Kategorie.

Die Ideologen

"Ideologien … beanspruchen zumeist einen Wahrheitsanspruch für ihre Grundannahmen, es werden also bestimmte Thesen, Dogmen oder Grundideen für axiomatisch gehalten. Die Abänderung dieser Grundannahmen wird meist abgelehnt. … Das Weltbild selbst wird nicht mehr hinterfragt." (Quelle: Wikipedia)
Die Ideologen des barrierefreien Webdesigns lassen stets zwei Meinungen zu: die eigene und die falsche. Die gesetzlichen Vorgaben sind Programm, die BITV gilt als heilige Schrift, individuelle Freiheit oder Aspekte der Realisierbarkeit haben sich diesem Rechtsempfinden unterzuordnen. Grobe Vergehen wie das Setzen eine H2 vor einer H1 im Impressum werden ebenso abgemahnt wie eine nicht getaggte PDF im untersten Downloadbereich. Ein Kontaktformular in einer Tabelle katapultiert die ganze Website direkt auf Frittenbuden-Frontpage-Niveau. Man erwägt gerichtliche Schritte gegen die Ministerien und Behörden, sofern nur inakzeptable 90% Zugänglichkeit vorhanden ist.

Realitätsnahe Beispiele aus der täglichen Praxis sollen den Ehrgeiz der Webentwickler fördern: etwa bei der investigativen Aufdeckung von Darstellungsfehlern, wenn der normale, typische Endnutzer mal wieder die Schriftgröße individuell einstellt, ein eigenes CSS verwendet, Bilder und Javascript abschaltet und die Seite im verkleinerten Fenster auf einem Monitor mit 800 x 600 Pixeln mit 32.000 Farben und dem IE 5.0 betrachtet. Der BIENE-Award wird natürlich komplett abgelehnt: die Prüfkriterien sind zu lasch, die Preisvergabe zu medienwirksam, Prüfer bis Preisträger überhaupt nicht kompetent. Und die Buchautoren? Jan Eric Hellbuschs Buch wird eine Blinden- und Sehbehindertenlastigkeit vorgeworfen, der pragmatische und unverzeihlich mit Designfragen vermengte Ansatz von Angie Radtke und Michael Charlier gilt als teuflische Häresie, wenn nicht gar als Ausverkauf und Verrat an der Barrierefreiheit. Selbst pragmatische Diskussionsansätze eines Joe Clark werden sofort und mit Hinweisen auf die strikten Vorgaben rundweg abgelehnt.

Apropos Geschäft: die meisten Ideologen verabscheuen Gestaltungsgrundsätze, Design und Ästethik. Experimente wie "CSS Neustart", "CSS Zen Garden" oder andere Galerien sind ihnen ein Graus. Auf ihren Webseiten sucht man im Styleswitcher auch hoffnungslos und verzweifelt das "Standard-Layout", denn das was man sieht, kann ja nur die "grafikarme Kontrastversion" sein. Gestaltungsraster verwechseln sie mit fixen Tabellenlayouts, und Photoshop, Illustrator, Fireworks oder Freehand erscheinen ihnen ebenso unnötig wie rudimentäre Bildoptimierung. Damit hat die kleine Gruppe wirtschaftlich also keine nennenswerte Lobby. Man kann vielmehr dankbar sein, dass sie sich ständig selbst zerfleischen und von den Webentwicklern nicht wirklich ernst genommen werden. Da sie maximal 10% Prozent der "barrierefreien Webentwickler" ausmachen, aber nur 10% der relevanten Aufträge erhalten, reduziert sich ihr Einfluss zum Glück auf höchstens 0,1% aller Websites. Damit sind sie für die Webentwicklung so wichtig wie der Netscape Navigator 4 im heutigen Browsersegment.

Fazit

Wer sich ernsthaft einmal mit Barrierefreiheit beschäftigen möchte, sollte sich vorher also gut informieren. Um zu wissen, worum es eigentlich geht, und in welcher Kategorie man sich selbst wiederfinden möchte, reicht ein ausführliches Studium der Website „Einfach für Alle“ (EfA).

Quellen auf EfA:

BITV (http://www.einfach-fuer-alle.de/artikel/bitv-reloaded/)

Qualitätskriterien anhand des BIENE-Awards (http://www.einfach-fuer-alle.de/award2006/kriterien/)

Aktuelle Mitteilungen zur Barrierefreiheit (http://www.einfach-fuer-alle.de/blog/)

Update
Bevor man mich auf Grund der bissigen Formulierungen falsch versteht: Die Vermeidung von Barrieren im Internet sollte für jeden Webentwickler genauso selbstverständlich sein wie valider Code, logische Semantik und gutes Design. Barrierefreiheit ist kein sinnloser Luxus für bevorzugte Gruppen, keine vergängliche Modeerscheinung, keine Checkliste zum Abhaken und keine akademisch-esoterische Geheimlehre. Zugänglichkeit ist für alle Menschen notwendig, aber sie ist noch lange nicht angekommen: weder bei den Entscheidern, noch im Webdesign-Mainstream, wo sie hingehört. Das ist die eigentlich traurige Botschaft und damit ein guter Grund für Zynismus.

Kategorie: Webdesign | 23 Kommentare »