Das Internet – ein Märchen
28. Juni 2007 von Nils PookerEs war einmal vor nicht allzu langer Zeit ein Land, durch das die Heerführer des Königs einen Kiesweg gebaut hatten. Sie hatten große Schiefertafeln am Wegesrand aufgestellt, auf denen sie wichtige Hinweise anbrachten, damit andere Heerführer sie lesen sollten. Der Weg war uneben und voller großer Steine. Man kam nur langsam und mit viel Geschick voran, aber es war die erste Straße in diesem Land.
Eines Tages entdeckten auch einige Schriftgelehrte diesen Weg. Sie mussten immer große Wanderungen unternehmen, um andere Schriftgelehrte zu besuchen. Oft waren sie in ihrer Arbeit auf die gleichen Antworten gekommen, jeder für sich in seiner Wohnstatt. Die Schriftgelehrten konnten nun wie der Heerführer die Schiefertafeln am Wegesrand für ihre Notizen und Schriften verwenden, damit andere sie sehen und lesen konnten. Immer mehr Schriftgelehrte aus vielen Ländern benutzten nun diesen Weg, und sie stellten immer mehr Tafeln für andere Schriftgelehrte auf. Bald waren es mehr als die Heerführer und ihre Söldner.
Die Heerführer beschlossen, einen neuen Weg nur für sich zu bauen, den von nun an kein anderer mehr betreten durfte.
Viele Handwerker und Straßenbauer verbesserten im Laufe der Zeit den Weg, der nun von den Schriftgelehrten allein benutzt wurde. Langsam war aus diesem einfachen Kieselweg eine weit verzweigte Straße zu vielen anderen Ländern geworden.
Viele Gelehrte benutzten jedoch noch verschiedene Sprachen und Schreibweisen für Ihre Notizen, die dann nur von denjenigen gelesen werden konnten, die diese Sprache beherrschten.
Um jedem Wanderer die Möglichkeit zu geben, alle Notizen zu verstehen, einigte man sich deshalb auf eine einheitliche Sprache, auf eine einheitliche Schreibweise und auf kleine leichte Tafeln für die Notizen.
Da es nun eine einheitliche Sprache und eine einheitliche Schreibweise gab, wurden die Tafeln auch von anderen Menschen benutzt, die ihre eigenen Notizen veröffentlichten. Selbst die Händler hatten die Tafeln entdeckt. Es dauerte nicht lange, und die großen Tafeln waren voll mit den Listen der Kaufleute, so voll, dass schon kurze Zeit später immer mehr neue Tafeln aufgestellt werden mussten.
Den Kaufleuten waren die schlichten Tafeln mit einfachen Listen jedoch bald nicht mehr schön genug. Es gab keine bunten Wimpel, sie konnten nicht ihre eigene Sprache verwenden, und sie konnten ihre Waren nicht so schön präsentieren. Sie gingen deshalb zu den Gauklern und baten sie um Hilfe. Die Gaukler berieten sich kurz und sagten dann: „Eure Wünsche können wir Euch mit den alten Tafeln nicht erfüllen. Aber wir werden neue Tafeln bauen, die alten waren auch uns nicht schön genug. Die neuen bestehen aus vielen kleinen und kompliziert verschachtelten Holzkästen in verschiedenen Größen. Die Tafeln werden viel schwerer sein als die alten, aber dafür könnt Ihr in die Kästen alles hineinbekommen, so wie Ihr es wünscht.“
Schon bald war die Straße überfüllt mit den bunten Tafeln, die die Gaukler gebaut hatten, und es gab nun immer mehr Menschen, die diese Tafeln sehen wollten. Die Gaukler nannten sich fortan Tafelhandwerker, doch die meisten von ihnen blieben in ihrem Tun doch weiterhin nur Gaukler.
Als sich alle Leute an die bunten Kästchen-Tafeln gewöhnt und sich an ihnen erfreut hatten, kamen die Barden, die Narren und die Spielleute, und sie riefen: „Wir wollen Tafeln, die noch bunter sind, und wir wollen, dass sich auf ihnen was bewegt, wir wollen, dass die Tafeln unsere Musik und unsere Tänze wiedergeben, damit sich das Volk belustigen möge an unseren Spielen und Possen!“
Die freie Zunft der Handwerker, die die Straße dereinst gebaut hatten und für alle Menschen gleichermaßen öffnen wollten, hatten in aller Stille weiter an ihren Tafeln gearbeitet und versuchten nun, dem bunten Treiben Einhalt zu gebieten. Sie erinnerten an die leichten, kleinen Tafeln, und sie sagten „Haltet ein! Eure Tafeln sind für das wenige, das Ihr zu sagen habt, viel zu schwer und zu bunt geworden, haltet ein, viele können sie nicht einmal lesen. Wir haben nun auch neue Tafeln gebaut, besser als die der Gaukler! Sie sind leicht und ihr könnt sie genauso bunt gestalten, wie es Euch beliebt!“. Doch die freie Zunft der Handwerker wurde überhört. Die Menschen auf der Straße riefen „Was schert uns die Bauweise, wir wollen die Farben sehen, die Musik hören, die Tänze genießen und über die lustigen Possen lachen!“ Und die Kaufleute riefen: „Die Menschen haben recht! Wir haben doch schon die schönen Tafeln! Die Gaukler können das viel besser als Ihr mit Euren strengen handwerklichen Maßstäben! Wir wollen unsere Waren verkaufen, wir wollen sanfte und laute Klänge, und wir wollen bewegte Bilder, die die Kunden gierig machen! Gaukler, heran, gebt uns noch buntere Tafeln!“ Die Gaukler lächelten und sagten: „Ihr seht, liebe Handwerker, Ihr mögt eine andere Tafel gebaut haben, aber den Leuten gefallen unsere Tafeln so wie sie sind. Wir wollen keine neue Bauweise lernen, die Menschen warten doch auf unsere Tafeln. Wir haben keine Zeit, Eure Tafeln zu betrachten, unsere sind noch immer gut genug!“
Und die Gaukler gingen eifrig daran, ihre Tafeln noch bunter zu machen. Die Tafeln bekamen noch mehr Kästen und wurden immer schwerer. Bald erinnerte sich niemand mehr an die besseren Tafeln der Handwerker.
Es dauerte noch viele, viele Jahre, dann entdeckten junge Handwerker und geläuterte Gaukler die neuartigen und leichten Tafeln wieder. Und siehe da, die neuen Tafeln erwiesen sich als viel leichter und viel schöner, und man konnte die Tafeln jederzeit verändern, und die Tafeln konnte man so bauen, dass sie sich allen Menschen öffneten, sogar den Blinden, den Gehörlosen und den Gelähmten.
Und so entstanden neben den Straßen mit den Tafeln der Gaukler auch immer mehr schöne Straßen für alle Wanderer: den Handwerkern ein Wohlgefallen, den alten Gauklern ein Unbehagen, aber den Menschen ein Segen.
Ja, liebe Leute, so ungefähr hat sich das alles zugetragen. Und da sie noch nicht gestorben sind, leben sie noch heute: die schlauen Handwerker und die dankbaren Wanderer. Leider aber auch noch zuviele dumme Gaukler mit bunten Bauklötzchen.
Vielleicht ein andermal folgt dann das Märchen über den Brausekrieg und dem mächtigen Zauberer Billgeez, der mit seinen vergifteten Fenstern dem schlauen Navigator Marcus Andresen das Leben schwer macht.
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