Emoticons, Emojis & Florian Kuhlmann

Über einen Retweet im twitter-account von Annekathrin Kohout wurde ich heute aufmerksam auf ein sehr interessantes Interview mit dem Künstler Florian Kuhlmann, unbedingte Leseempfehlung!

Ich will mich hier gar nicht zu den Aspekten seiner Kunst äußern, die ich noch nicht kannte und überaus inspirierend ist, mir fiel dabei nur ein, dass ich 2007 bei der Erstellung eines Buchexposés für ein geplantes, umfangreiches Praxisbuch zur Ölmalerei einen Text zur Bildwahrnehmung formuliert hatte, der auch einen längeren Absatz zu den Emoticons beinhaltete, die mittlerweile zu Emojis wurden, bzw. parallel zu ihnen existieren.

Hier die Abschrift vom März 2007:

Zeichen, Formeln, Konstruktionen

Konstruierte Schemata sind bekannt aus dem traditionell und religiös geprägten Formenschatz der ägyptischen, islamischen, asiatischen, mittelalterlichen und „primitiven“ Kunst. Als rein zeichenhafte Umsetzung findet man diese Gestaltungsvariante als Kinderzeichnungen, in Comic-Strips, in japanischen Zeichentrickfilmen und Mangas, sowie in der innergesellschaftlichen Kommunikation, z. B. als Verkehrs- und Hinweisschilder.
Die genannten konstruierten Schemata besitzen zwei wichtige Eigenschaften. Sie sind erstens funktionsgebunden und haben sich zweitens als Konvention über einen bestimmten Zeitraum als erfolgreich erwiesen. Dass diese Eigenschaften nicht automatisch einhergehen mit künstlerischem Stillstand oder jeglicher Abwesenheit von Kreativität, lässt sich nicht nur an der Tradition der Karikaturenzeichnung feststellen, sondern auch anhand der vielfältigen Erzeugnisse aus dem heutigen Grafik- und Webdesign, bei denen jeweils ein fester, konventioneller und funktionsgebundener Gestaltungs- und Formenkanon das konstruierte Schema bildet.

Konstruierte Schemata: Re-Produktionen des Sichtbaren

Die konstruierten Schemata sind eine Symbiose aus Formelschatz und Technik. Bob Ross gibt z. B. für Landschaften exakte Anweisungen, wie man erfolgreich Himmel, Berge, Wiesen und Wasser malt (die Tradition chinesischer Tuschmalerei beruht ebenfalls auf einen entsprechenden Formenkanon). Ross malte ein Bild auch ohne Vorbild direkt aus dem Gedächtnis. Dem Betrachter erschließt sich eine „natürliche“ Landschaft aus den gemalten Formen für Himmel, Berge, Wiesen und Wasser ebenso, wie sich dem Leser der Bedeutung dieses Textes aus den Buchstabenzeichen erschließt. Diese Re-Produktion des Gelernten wird also im Betrachter ausgelöst und erschließt sich über die Wahrnehmung. Ein Designer oder Künstler muss sich lediglich an die rudimentären Darstellungsformen eines Objektes halten, die Eindeutigkeit muss also gegeben sein. Es reicht ein Kreis mit einer oben liegenden Delle, an dem ein viertelrunder Strich gezogen wird: Das Bild wird in der Wahrnehmung des Betrachters automatisch zu einem Apfel, sofern er weiß, was ein Apfel ist. Das Bild des Apfels entsteht also im Kopf des Betrachters nach dem Muster einer Reizabfolge Wahrnehmung –> Erinnerung –> Erwartung –> Entsprechung. Dieser wahrnehmungspsychologische Sachverhalt ist äußerst wichtig für das Verständnis der praxisbezogenen Didaktik des Buches.
Die schematische Konstruktion dieses Vorgehens zeigt ihre Schwäche in der nuancierten Betrachtung. Ein Kieler Malschüler des Autors bemerkte, dass Bob Ross „Berge gut, Wasser aber nur mittelmäßig“ malen könne. Es ist anzunehmen, dass ein Schweizer oder Österreicher eine genau entgegen gesetzte Auffassung vertreten würde. Die Intensität der Erinnerung an tatsächlich Gesehenes und visuell Erlerntes offenbart in ihrer Erwartung die Grenzen eines Schemas, das vorgibt, die Natur getreu nachzuahmen.

Die junge Kommunikationsform des E-Mail-Verkehrs zeigt, dass die gelernte Wahrnehmung einfachster Schemata verhältnismäßig schnell innerhalb eines Kulturkreises funktionieren kann. Mitte der 1990er Jahre tauchten die so genannten „emoticons“ in E-Mails auf. Dabei wird aus der Zeichenfolge eines beliebigen Schriftsatzes das Bild (Ikon) für eine bestimmte Emotion kommuniziert:
: – )
: – (
: – |
; – )
: – D
: – b

Die Verwendung hat sich bereits als Konvention so festgesetzt, dass sogar das Office-Programm Microsoft Word bei aktiviertem „Auto-Format“ die bekanntesten Emoticons automatisch in einer „eindeutigeren“ Darstellung wiedergibt. Eindeutig deshalb, da die Emoticons nicht mehr als horizontale Zeichenabfolge – und damit liegend – dargestellt werden, sondern als geschlossenes Zeichen und in vertikal-korrekter Abfolge Augen, Nase, Mund. Die Word-Programmierer sorgten also dafür, dass die Dokumente mit diesen E-Mail-Symbolen auch von einem Empfänger korrekt wahrgenommen werden, der nicht die Botschaft dieser Symbole (er)kennt. Die ursprünglichen Emoticons benötigen beim Betrachter also eine Voraussetzung, damit sie in ihrer Funktion als Nachricht entsprechend wahrgenommen werden können: Die Verwendung muss als konventionell gelernte Konstruktion bereits vorhanden sein. Ist dies nicht der Fall, behält das lachende emoticon seine ursprüngliche Funktion und wird als sinnfreie und unverständliche Zeichenfolge aus einem Doppelpunkt, einem Bindestrich und einer schließenden Klammer wahrgenommen.

Interessanter als die Tatsache, dass die Word-Symbole von allen Nutzern erkannt werden, ist die Antwort auf die Frage, warum die Symbole erkannt werden. Man könnte argumentieren, dass sich die (in Internetforen zumeist gelben) Emoticons auf den gelben „Smily“-Aufkleber der 1970er Jahre zurückverfolgen lassen, doch auch dieses berühmte „Zeichen“ wurde unmittelbar von allen Menschen richtig interpretiert. Die menschliche Wahrnehmung verknüpft eine Grundform offensichtlich so eindeutig mit einer bekannten Mimik, dass hier das sprichwörtliche „Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht“ automatisch funktioniert. So, wie die Emoticons nur auf der Grundlage der ständigen Interaktion von PC- und Internettechnologien entstehen konnten, beruhte der ursprüngliche Smily auf der Interaktion von Werbung und Pop-Art. Während der Smily allerdings ein zeitgemäßes Statement kommunizierte („age of aquarius“), dienen Emoticons innerhalb der Kommunikation als semantischer und oft besserer Ersatz zum geschriebenen Wort, das eine höhere Interpretations- und damit höhere Fehlertoleranz besitzt als das viel eindeutigere Bildzeichen. Der Grund liegt also nicht in einem instinktiven Verhalten, eher an gelernten Strukturen. Das „Mondgesicht“ liefert zunächst eine subjektive Konstruktion, die zu einem Gesicht „passt“, so wie ein Schlüssel zu einem Schloss passt. Auf Grund der identischen biologischen Voraussetzungen der menschlichen Sinne wird dieses Zeichen zu einem von allen Menschen verstandenen Bild. Der Ursprung als Kinderreim zeigt zudem, dass derartige Konstruktionen in frühester Kindheit gelernt werden.
(Grundlagen: Theorien der Epistemologie (Wissenschaftstheorie) und des Radikalen Konstruktivismus: Jean Piaget, Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawick; Donald D. Hofmann: Visuelle Intelligenz – Wie die Welt im Kopf entsteht).

Auf die Malerei angewendet bedeutet das, die konstruierten Schemata funktionieren auch bei der „Schnellmethode“ von Bob Ross unmittelbar: Dem Betrachter entgeht, dass hier ebenfalls nur der kleinste gemeinsame Nenner einer konstruierten Welt (z. B. Landschaft) auf eine Maltechnik übertragen wurde, die in der Wahrnehmung des Betrachters ebenso zu einer gesehenen Landschaft „passt“, wie eben ein Schlüssel zu einem Schloss passt.

Dass dieses Vorgehen der konstruierten Illusion auch auf die scheinbar naturalistischen Werke der Griechen des 5. vorchristlichen Jahrhunderts, die Skulpturen Michelangelos oder die niederländischen Stillleben des 17. Jahrhunderts und insgesamt bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts übertragbar ist, haben u. a. Ernst H. Gombrich (Kunst und Illusion, Phaidon) und Ernst van de Wetering (Rembrandt: The painter at work) dargelegt. Bei all diesen Bildwerken waren die Re-Produktionen des Sichtbaren bereits mit den Mitteln der Naturwahrnehmung erweitert worden, dass der „Naturalismus“ in seiner Illusion bis heute perfekt erscheint. Im Falle der Word-Emoticons könnte der nächste Schritt schließlich auch sein, dass die Programmierer das „Mondgesicht“ zusätzlich mit Augenbrauen versehen, die Nase modifizieren, die Kopfform oval gestalten, Ohren ergänzen und den Köpfen eine Frisur geben. Diese zu „Avataren“ gereiften Gesichter wären somit auch individualisierbar wie die Avatare der virtuellen Internet-Welt von „Second Life“. Für die Funktion als Emoticon ergäbe sich jedoch kein Fortschritt, außer, es würde zukünftig theoretisch mögliche, weitere Differenzierungen innerhalb des Emoticon-Kanons geben, beispielsweise für Trauer, Wut oder liebevolle Zuneigung. So wird es auch verständlicher, dass Plato im vierten vorchristlichen Jahrhundert – der Hochblüte naturalistischer Kunst in Griechenland – die Illusion der Wirklichkeit durch die Bildhauer als Taschenspielertricks bezeichnete und die eindeutige Symbolkunst der Ägypter lobte, die schließlich „von allen seit jeher“ verstanden wurde.

Ein Gedanke zu „Emoticons, Emojis & Florian Kuhlmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.