Rezension: „Falsche Bilder – Echtes Geld“

Stefan Koldehoff und Tobias Timm erzählen in ihrem Buch „Falsche Bilder – Echtes Geld“ nicht nur die Geschichte des Fälschungsskandals um Wolfgang Beltracchi und seiner Entourage, sie nehmen jeden Faden auf, der fein gestrickt bis in die kleinsten Maschen des Kunsthandels reicht, sie beleuchten die Praxis gängiger Expertisenbeschaffung und dokumentieren detailliert die Mängel einer Branche, die im Jahr 2012 international 43 Milliarden Euro umgesetzt hat. Vor allem belegen sie die Tatsache, dass ein Kunstwerk im Moment seiner Merkantilisierung zu einer austauschbaren Ware innerhalb eines Marktes wird, der nur den Gesetzen von Angebot, Nachfrage und Wertschöpfung gehorcht.

Der Fall ist hervorragend recherchiert, allein das ist im Zeitalter von copy-paste und dem Trend leicht verdaulicher Informationsbrocken keine Selbstverständlichkeit. Dass am Ende ein paar Redundanzen und sprachliche Feinheiten auf der Strecke bleiben, ist zu verschmerzen, zumal das Buch in kürzester Zeit nach dem ungewöhnlich schnellen und zumindest merkwürdig erscheinenden Ende des Prozesses geschrieben wurde. Es bleibt auch die Frage, ob die Dokumentation eines millionenschweren Betrugs durch einen schönen Schreibstil an Relevanz gewinnt. Abzüge in der B-Note sind sicher auch der Arbeit in einem Autorenteam geschuldet.

Ob der Titel „Falsche Bilder – Echtes Geld“ glücklich gewählt war, sei dahingestellt, gab es doch bereis 1992 vom Autorenteam Ahrens/Handlögten ein Buch zu Kunstfälschungen unter dem Titel „Echtes Geld für falsche Kunst“ [1].

Es stimmt schon, nicht alles ist neu, einiges stand bereits zuvor in den Artikeln der „Zeit“, die Autoren zitieren außerdem aus dem Beltracchi-Interview im Spiegel, dafür ist nun aber alles gut geordnet in einem Buch nachzulesen, das mit 19,99 Euro kein Vermögen kostet.

Vom Falsifikat zum Wertobjekt

Nach landläufiger Meinung ist Kunstbetrug ein Stück aus dem Groschenroman: Fälscher arbeitet versteckt im Hintergrund, das Werk wird über dunkle Kanäle und Betrüger an einen solventen, aber naiven Käufer gebracht und der Betrug fliegt auf, weil irgendwann ein Fachmann die Fälschung aufdeckt. Folgt man den Ausführungen der Autoren, ist das nicht mehr als eine Legende.

Die Autoren zeigen, dass die „Beltracchi-Bande“ eben nicht unter dem Schutz dunkler Hinterhöfe ein paar Fälschungen an gutgläubige Millionäre vermittelte. Dieser Betrug konnte sich vielmehr zu einem großen Skandal entwickeln, weil die Täter von menschlichen Schwächen profitierten, denen alle anderen Beteiligten erlagen. Dass die Abwesenheit von verbindlichen Regeln und Kontrollmechanismen schon immer und in allen Branchen des Wirtschaftens zu kriminellen Handlungen verführte, ist eine Binse.

Dieser Betrugsfall ist weder der erste noch der letzte Fall von Kunstfälschung. Lediglich die Tatsache, dass er sich über Jahrzehnte hinzog, prominente Experten involviert waren und einen Gesamtschaden in zweistelliger Millionenhöhe verursachte, führte zu Meldungen in der „Tagesschau“ und wohl auch zu diesem Buch. Klar ist nur: nach dem Fälschungsskandal ist vor dem Fälschungsskandal; die USA haben mittlerweile einen ähnlich gelagerten Fall. In Europa sind erneut Käufer auf einen Schwung drittklassiger Falsifikate hereingefallen, hier natürlich wieder die Avantgardekünstler Russlands, von denen viele Sammler offenbar glauben, es gäbe immer noch wertvolle Originale in den Kartoffelkellern von Oma Pawlowa.

Handel und Habgier

Bezeichnend ist übrigens, dass neben diesem Werk auch das Buch „Tatort Kunst“ von Susanna Partsch [2] und das bereits erwähnte Buch von Ahrens/Handlögten leider nicht als Bestseller in einschlägigen Sachbuchlisten auftauchen. Ist das Interesse für Risiken im Kunstmarkt so gering? Liegt es an dem nach wie vor herrschenden Glauben, Fälschungen seien die absolute Ausnahme im Kunstmarkt und es würde ohnehin jedesmal nur ein paar schwerreiche Leute ohne Geschmack treffen? Oder liegt es gar an der Verdorbenheit einer Branche?

Derart gefragt, besteht freilich die Gefahr einer pauschalen Verurteilung des Kunstmarktes, der mit seinen Umsatzzahlen immer wieder dem geschmacklosen Vergleich mit dem Drogen-, Menschen- und Waffenhandel ausgesetzt ist. Selbst wenn am Ende der Enthüllungen des Beltracchi-Falls der Gesamtschaden aus 10 Jahren bei realistischen 43 Millionen Euro liegen würde, wäre das nur ein Tausendstel des Umsatzes, den die Branche im Schnitt innerhalb eines Jahres macht. Wenn Prof. Dr. Thomas Leif am Ende der Laudatio zur OBS-Preisverleihung für kritischen Journalismus also schreibt: „All das haben Kolderhoff und Timm – am Beispiel des korrupten Kunstmarktes – in vorbildlicher Weise geleistet und damit für den Recherche-Journalismus Maßstäbe gesetzt“, dann ist zumindest zweifelhaft, ob er damit der Kunst oder dem Kunstmarkt einen Gefallen getan hat. Es stellt sich auch die Frage, welche Branche frei von Korruption ist, es wird ja nicht pauschal vom „korrupten Bauwesen“ oder vom „korrupten Energieversorgermarkt“ geredet.

Nein, die Autoren belegen anhand typischer Verhaltensweisen der wissentlich oder unwissentlich involvierten Personen, dass der Kunstmarkt nicht nur den profanen Gesetzen eines Marktes folgt und auf Grund der Knappheit des Angebots außergewöhnliche Renditen ermöglicht, sie belegen auch die Eitelkeit, Selbstgefälligkeit, Gier und Naivität der Kompetenz- und Entscheidungsträger. Man kann den Fall Beltracchi und andere Fälscherskandale auf die Formel bringen, dass die Liebe zur Kunst, die Geldgier, die Eitelkeit und die Jagd nach unbekannten Schätzen Zutaten für einen Cocktail sind, der alle Beteiligten blind zu machen scheint.

Da ist die Gier des Maklers, der an den Verkäufen beteiligt ist und Sammler, Museumsleiter und Experten an die Werke heranführt. Zumindest indirekt beteiligt sind auch angesehenen Experten, die, getrieben von Erfolg, Eitelkeit, Selbstüberschätzung und dem Kick, vermeintlich unbekannte Meisterwerke entdeckt zu haben, auf Fälschungen hereinfallen. Fehlbar ebenso die Nachkommen von Künstlern, die nur auf Grund ihrer Nachkommenschaft glauben, aussagekräftige Expertisen ausstellen zu können. Leitende Angestellte, die, wenn nicht aus Geldgier, dann aus Gründen des Ruhms versuchen, Werke in Sammlungen oder Museen zu bringen, obwohl die Quellen bereits als zweifelhaft betrachtet werden. Auktionshäuser, die mit Blick auf üppige Aufschläge und die Aussicht auf das Renommee vermeintliche Meisterwerke ohne weitere Prüfung unter den Hammer bringen – wohl wissend, dass nach der möglichen Aufdeckung eines Betrugs die Mühlen der Gesetze dank internationaler Verflechtungen, die Furcht der Betrogenen vor Öffentlichkeit und der Tüchtigkeit der eigenen Rechtsanwälte noch etwas langsamer laufen als ohnehin schon.

Die Legende vom Skandal

Innerhalb dieser Konstellation, auch das wird durch die Recherchen offensichtlich, haben die Ermittler um René Allonge vom Kunstdezernat des LKA Berlin trotz modernster Technik und der Unterstützung externer Detekteien kaum Chancen, in einer Branche umfassend zu ermitteln oder gar rechtzeitig einzugreifen, die größten Wert auf Diskretion legt. Ohne dass die Autoren große Spannungsbögen konstruieren müssen, liest sich zumindest das Kapitel über den Zugriff der Ermittler stellenweise wie ein Krimi.

Die Betrüger selbst, auch das ist eindeutig, sind keine Mitglieder einer kulturellen Elite. Helene Beltracchi und Ihre Schwester stammen aus einfachen Verhältnissen, Schulte-Kellinghaus ist nicht der kongeniale Kunstsachverständige, sondern nur ein guter Verkäufer mit einem sehr bunten Lebenslauf. Koldehoff und Timm belegen nicht zuletzt mit dem farbigen Bildteil in der Mitte des Buches, dass Beltracchi kein „genialer Fälscher“ war, sondern eher ein raffinierter Stratege, der genau wusste, auf welche Weise er eine bestimmte Art von Fälschungen in den Markt schleust.

Koldehoff und Timm formulieren anschließend einen möglichen Kodex für den zukünftigen Kunstmarkt. Betrachtet man sich die Geschichte der Kunstfälschungen, wird das wohl leider nur ein gut gemeinter Vorschlag bleiben, wie die falschen Rothkos in den USA und die falschen Jawlenskys aus vermeintlich russischem Besitz gezeigt haben. Das Buch schließt am Ende mit der sogenannten „Andorra-Liste“ mit 47 Werken, die Beltracchi gekauft haben will, viele bis heute ohne klare Identifizierung und Provenienz, die jedoch nicht zwingend Fälschungen sein müssen.

In der Argumentationskette der Autoren fehlt der Hinweis, dass es auch deshalb keine negativen Urteile zu den stilistischen und qualitativen Mängeln gab, weil die an einer Vermittlung und Vermarktung interessierten Personen unbewusst immer danach trachten, zuerst immer Beweise für die Authentizität eines Bildes zu suchen, anstatt bei derartigen Mängeln und zweifelhafter Provenienz zunächst von einer Fälschung auszugehen.

Der Fälscher Eric Hebborn, 1996 kurz nach Erscheinen seines Werkes „Kunstfälschers Handbuch“ [3] in Rom von einem Unbekannten ermordet, schrieb süffisant zu diesem Aspekt in Bezug auf das Vorgehen der Experten:

„Wir gewinnen ein Bild vom Experten als Manipulator sowohl der Geschichte als auch des Geschmacks, der alles im Rahmen seines Schemas serviert haben will. Unsere Aufgabe ist es, seinen Gefühlen entgegenzukommen. Bevorzugt er bestimmte Künstler, so werden wir diesen folgen. Will er Bilder, die säuberlich in Schulen und Jahrhunderte passen, wer sind wir, ihm dieses Vergnügen zu verweigern?“

Fazit

Es bleiben wenige Fragen offen, die das Buch nicht stellt. So wäre zu überlegen, ob das Studium der Kunstgeschichte nicht zwingend ein Praktikum in Restaurierungswerkstätten der Museen oder bei freien und anerkannten Restauratoren beinhalten sollte, um neben dem stilkritischen auch den kunsttechnologischen Blick zu lernen. Andererseits sollten sich auch die Restauratoren nicht ausschließlich auf eine positive kunsttechnologische Untersuchung verlassen und vor ihrem Urteil ausgewiesene und seriöse Experten für den entsprechenden Künstler zu Rate ziehen.

Das einzige Manko des Buches ist neben der fehlenden Literaturliste ein Verzicht auf die wichtigsten Fußnoten und Quellenangaben.

„Falsche Bilder – Echtes Geld“ bietet für jeden kunstinteressierten Leser eine hochinteressante Lektüre. Sammler und Galeristen, Kunstverantwortliche, Restauratoren und Kuratoren sollten das Buch dagegen als unverzichtbare Pflichtlektüre betrachten.

Koldehoff, Timm: „Falsche Bilder – Echtes Geld“, Galiani 2013, 304 S., 19,99 € (Affiliate)

Literaturhinweise (Amazon: Affiliate-Links)
[1] Ahrens/Handlögten: „Echtes Geld für falsche Kunst“, Maulwurf 1992, 213 S., 10,00 €
[2] Susanna Partsch: „Tatort Kunst“, C.H. Beck 2010, 236 S., 12,95 €
[3] Eric Hebborn: „Kunstfälschers Handbuch“, Dumont 2011, 208 S., 24,98 €

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