Gary Schwartz und Rembrandts fehlende Wolken

Wer sich für das Werk von Rembrandt interessiert, sollte die Bücher von Ernst van de Wetering lesen. Wer sich darüber hinaus auch für das Leben, den Kunstmarkt und das Umfeld Rembrandts in den nördlichen Provinzen des 17. Jahrhunderts interessiert, sollte sich unbedingt Das Rembrandt Buch von Gary Schwartz kaufen (im deutschen Buchhandel nur echt mit Deppen Leerschritt). Eine Fünf-Sterne-Rezension bei Amazon kann ich mir sparen, da gibt es schon eine, sogar von einem Rezensenten aus Kiel.

Im Kapitel zur Landschaftskunst hat mich dann aber doch eine Kleinigkeit bei Schwartz‘ ansonsten grandiosen Gedankenflüssen verwirrt.

Rembrandt: Blick über die AmstelFlankiert von zwei Landschaftszeichnungen mit Blick auf die Amstel und den dazugehörigen Fotografien der heutigen Ansichten schreibt Schwartz in einem Abschnitt zum Thema „Keine Wolke am Himmel“, Rembrandt würde Wolken in seinen Zeichnungen so gut wie nie und in Radierungen kaum abbilden. Als Erklärung zitiert er eine Empfehlung von Karel van Mander:

«Nicht nur eine fremde Nation wirft uns vor, niemals gutes Wetter, sondern immer nur stürmische Himmel voller Wolken zu malen … Machen wir also, um solcher Kritik vorzubeugen, unsere Himmel frei von Wolken und zeigen sie gelegentlich makellos.» [1]

Laut Schwartz könnte Rembrandt deshalb als „Gutwetter-Künstler“ durchgehen, genau das halte ich für abwegig. Er weist selbst darauf hin, dass es Ausnahmen gebe und er stellt fest, dass die Wolkenlosigkeit nicht für die Gemälden galt. Sofern der Text auf seinem Weg in die deutsche Ausgabe korrekt übersetzt wurde, spricht van Mander aber von gemalt und nicht von gezeichnet. Andere Künstler scheinen sich nämlich auch keinen Deut um makellose Himmel auf Gemälden zu interessieren. Bei großen „van“-Künstlern überall Wolken: beim Schnellmaler van Goyen, beim Seestückmaler van de Capelle, beim Tageslichtmaler van Ruisdael, vom Nachtmaler van der Neer ganz zu schweigen.

Ich denke, die fehlende Wolken in Rembrandts Zeichnungen haben nichts mit van Mander oder überhaupt einer Lehrmeinung zu tun, sondern mit Rembrandts Stil, den technisch bedingten Grenzen der Zeichnung und der Tatsache, dass Bilder in der Wahrnehmung des Betrachters vollendet werden. Kurz gesagt: Rembrandt hätte mit seiner Technik sowieso nur dunkle Gewitterwolken darstellen können und der weite Himmel mit Schönwetterwolken bilden sich von selbst im Kopf des Betrachters.

Schönwetterwolken bei Rembrandt?

In der Malerei sind Wolken kein Problem. Dort sind sie in der Regel auch notwendig und erfüllen eine gestalterische Funktion. Jeder Landschaftsfotograf weiß: nichts ist annähernd so öde und langweilig wie ein wolkenloser Himmel.

In einem Gemälde oder einem Aquarell kann der Künstler das volle Spektrum der Farbkontraste nutzen. Ist der Himmel ausnahmsweise nicht in allen Bereichen heller als die Landschaft, definiert die Zeichnung der Details im Vordergrund klar die Figur-Grundbeziehung. In der monochromen Darstellung – zumal mit Zeichenfeder – ist das alles weitaus schwieriger. Farbkontraste stehen nicht zur Verfügung, hier gibt es nur den Hell-Dunkel-Kontrast. In einer Zeichnung kann die gestalterische Komponente deshalb nicht ausgeschöpft werden, als Detail stehen nur Vögel zur Verfügung, Lavierungen können allenfalls nur sehr zaghaft Wolken andeuten.

Viele Zeitgenossen Rembrandts brachten ebenfalls Landschaften aufs Papier, und auch sie verzichteten auf Wolken, selbst die Feinzeichner:

Jacob van RuisdaelZeichnung Willem van de Velde der JüngereZeichnung Simon de Vlieger


Zeichnung von Rembrandt mit GewitterwolkenSchöne Bilder. Mit Rembrandt verbindet man aber eher brachiale Zeichnungen mit großen Federn aus Bambusrohr, die seine Zeitgenossen wahrscheinlich für Baugerüste nutzten, grandiose Lavierungen mit dem Schwung eines Wischmopps, raffinierte Kielfederzeichnungen und natürlich auch all diese Techniken zusammen. Die Handhabung der Mittel gilt ja auch für seine Gemälde.

Von der Farbe zur monochromen Zeichnung

Warum haben die Zeichner also Wolken vermieden? Dazu eine Lektion aus der Fotografie: Wer eine Landschaft korrekt fotografieren will, kann auf das Festland belichten oder auf den Himmel. Im ersten Fall gibt es ausgefressene Himmel, im zweiten abgesoffene Schatten. Das empfindlichste Negativ einer Kamera kann nur halb so viele Tonwertstufen wie das menschliche Auge abbilden. In der professionellen Landschaftsfotografie, die es auf Grund der Bedeutung der Landschaft im 19. Jahrhundert eigentlich nur in Großbritannien (Gainsborough, Girtin, Cottman, Constable, usw.) und den USA (Hudson River School) gibt, werden deshalb neutralgraue Filter (Neutral Density) verwendet, die den Bereich des Himmels abdunkeln. Man kann das Ganze sogar mit einem „Graduated tobacco filter“ machen, so eine Art Nachfolge des Claude-Lorrain-Glases.

Im Gegensatz zum schneeweißem Fotopapier mit der Möglichkeit, tiefstes Schwarz abzubilden, ist der „Belichtungsspielraum“ von schwarzer oder gar brauner Tusche auf ungebleichtem Zeichenpapier nochmal geringer und die Technik der Lavierung kann nur eine kleines Spektrum der Grauwerte abbilden. Das Ergebnis wären dann entweder zu dunkle und damit zu prominente Wolken, oder kaum sichtbare Strukturen im Himmel, die dann auch in den Schatten eingesetzt werden müssten.

Foto: OstfrieslandIch habe kein Foto von der Amstel, eine platte Landschaft in Ostfriesland tut es auch. Es war Spätsommer, der Schnappschuss entstand zur Mittagszeit – zum Zeichnen perfekt, aber für Farbfotos denkbar schlecht, hartes Licht und harte Schatten.

Bereits in der monochromen Darstellung (erstes Bild in der unteren Bildreihe) wirkt das Motiv noch langweiliger als ohnehin schon. Nein, ich habe nichts an den Tonwerten gedreht, darüber liegt nur ein einheitlicher Sepiafilter (Standardaktion in Photoshop). Viele Betrachter hatten gewettet, das Blau des Himmels über dem Horizont wäre als Tonwert dunkler als die grüne Grasfläche. In der Monochromdarstellung sieht man aber, dass die dunkle Regenfront immer noch heller ist als die von gebrochenem Tageslicht beschienene Wiese. Durch den fehlenden Farbkontrast wirkt die Grasfläche etwas dunkler als in der Fotografie, dafür scheinen die Bäume nun in den Mittelwerten von Wiese und Regenwolken zu „versoßen“.

Lässt man jetzt in Photoshop spezielle Zeichenfilter über das Bild laufen, werden die Kontraste verstärkt. Das ist alles ganz einfach zur Demonstration, mit nur mit einem Mausklick. Walter Benjamin würde ins Kissen heulen.

Monochrom gesetztes FotoUmsetzungsvariante als Zeichnung (Photoshop)Umsetzungsvariante als Zeichnung (Photoshop)Umsetzungsvariante als Zeichnung (Photoshop)


Man kann jetzt einwenden, dass hier nur der billige, digitale Algorythmus einer Programmierung vorliegt. Richtig. Hätte ich eine Zeichnung angefertigt, wäre das Ergebnis auch nicht objektiver geworden. Diese Bilder sollen nur demonstrieren, wo das Problem liegt.

Der Charakter einer Zeichnung ist bekanntlich die Linie, als Kontur oder Schraffur. Daran ändert auch die Tatsache nichts, ob noch Lavierungen oder zarte Aquarellfarbtöne hinzukommen. Die Tonwertabstufungen von dunkel zu hell vollziehen sich also zunächst über den Strich des Zeichenwerkzeugs. Bei den verschiedenen Ergebnissen wird klar, dass eine angemessene Zeichnung im Bereich des Himmels überhaupt nicht machbar ist. Jedes Nachziehen einer Wolke würde den Figur-Grund-Kontrast, die Luftperspektive und damit die ganze Zeichnung zerstören.

Aus diesem Grund bin ich davon überzeugt, dass Rembrandt nicht einmal ansatzweise daran gedacht hat, in seine Amstel-Ansichten auch nur eine Wolke darzustellen. Und es gibt noch einen weiteren Grund, der die freie Fläche des Himmels als rezeptionsästhetisches Phänomen rechtfertigt.

Das Bild im Betrachter

Die Illusion eines Bildes wird nicht auf dem Bildträger, sondern im Kopf des Betrachters fertiggestellt. Wer sich mit dieser Thematik beschäftigen will, sollte Kunst und Illusion von Ernst H. Gombrich lesen, auch wenn er für meinen Geschmack etwas zuviel Psychologie und vor allem zuviel Psychoanalyse in seine Argumentationen legt. Wissenschaftlich fundierter (dafür weitgehend ohne Kunst) ist das Buch Visuelle Intelligenz von Donald D. Hoffman.

Rembrandt kannte weder Gombrich noch Hoffman, aber er hat wie andere Künstler diesen Raum für den Betrachter geschaffen. In seinen Gemälden war es die „grobe Manier“ des Farbauftrags, in vielen Zeichnungen und Radierungen ist es die scheinbar schlampige Ausführung von Details. Und dazu gehören nicht nur fehlende Wolken.

Die großen Meister des Freilassens waren die chinesischen und japanischen Tuschekünstler, aber es gibt auch bei Rembrandt entsprechende Beispiele. Durch die Begrenzung der Bildfläche wird das vom Zeichenwerkzeug unberührte Papier zu einer Projektionsfläche für die imaginäre Vollendung des Bildes. Nicht der Künstler, der Betrachter denkt sich den Rest:

Rembrandt-Zeichnung HendrijkeZeichnung des Zen-Künstlers Sesshu


Spätestens, wenn man diese Bilder betrachtet, braucht man auch nicht mehr danach zu fragen, warum Rembrandt keine Wolken gezeichnet hat.

[1] Schwartz 2006, S. 249

4 Gedanken zu „Gary Schwartz und Rembrandts fehlende Wolken

  1. jay

    Vielen Dank für den Kommentar zu Franz von Lenbach. Die Münchener Dissertation (pdf) habe ich auch im Netz gefunden und gelesen, aber ich wollte den Post nicht überfrachten. Dies hier ist natürlich auch sehr schön.

  2. Mona

    Guten Tag,

    die Suche nach einem realistischen Landschaftsgemälde mit Gewitter, Brücke und Fluss führte mich auf Ihre Page. Leider finde ich hier weder Titel noch Name des Künstlers und finde das Gemälde auch sonst nicht im Netz! „landscap_painting.jpg“ heißt es. Könnten Sie mir die Daten nennen? Ich bräuchte das Gemälde im Rahmen meines Referendariats.

    Vielen Dank!

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